Frankreich feiert Macrons Auftritt in Washington Festival der Ohrfeigen

Trotz Gekuschel, Geknutsche und Gelobe: Paris feiert seinen Präsidenten als unbeirrten Kritiker Donald Trumps - und als den dringend benötigten Gegenentwurf zum Amerikaner.

AFP

Von , Paris


Die Erleichterung ist groß in Paris nach dem Ende des Staatsbesuchs von Präsident Emmanuel Macron in Washington. Es hätte peinlich werden können. Der eigene Präsident könne sich lächerlich machen - so die Befürchtung im Vorfeld.

Und zwischendurch sah es auch ein wenig danach aus: Als nämlich US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus damit begann, seinem französischen Gast die Schuppen von den Schultern zu schnippen und sagte: "Man muss ihn perfekt machen!" (You have to make him perfect!) Das war jenen, die daheim im Fernsehen zuschauten, eindeutig zu viel - oder besser: zu wenig Respekt vor einem französischen Präsidenten.

Und dann auch noch die Sache mit der Eisenbahn. Macron hatte sich in Washington über die andauernden Streiks geäußert: "Wir werden die Streiks überwinden, ohne jeden Zweifel." An sich unverfänglich, doch prompt erntete er eine Karikatur von Frankreichs führendem Zeichner Plantu. Dieser zeigt ihn als Schuljungen auf dem Rasen vor dem Weißen Haus, wo er sein Standvermögen gegenüber den heimischen Eisenbahnern betont, während Donald Trump neben ihm wichtige Dossiers über Klimapolitik, Iran-Deal, und das amerikanisch-europäische Verhältnis hortet. Genau diesen Eindruck des Kräfteverhältnisses wollte Macron eigentlich in Washington vermeiden.

Im Video: "Du hast da ein paar Schuppen"

REUTERS

Doch am Ende zog sich der Franzose dann doch ziemlich souverän aus der Affäre. Nachdem er sich an einer Universität in Washington viel Zeit genommen und mit Studenten über die Weltpolitik diskutiert hatte, sagte einer seiner jungen Gesprächspartner im französischen BFM-Fernsehen: "Er ist der Führer, den die Welt braucht, weil Amerika nicht führt." Genau so etwas wollte man zu Hause hören.

Überhaupt, seine Redekunst: Es war schon erstaunlich, wie sämtliche Pariser Kommentatoren, ob normalerweise Pro- oder Anti-Macron, die Rede ihres Präsidenten vor dem US-Kongress bejubelten. "Es war ein Festival der Ohrfeigen", freute sich sogar der für gewöhnlich populistische, Macron-kritische Radiosender RTL. "Macron hat sich als Gegenmodell zu Trump präsentiert", war sich auch der regierungskritische "Figaro" sicher.

Fotostrecke

12  Bilder
Macron bei Trump: Küsschen hier, Küsschen da

Dafür sorgten Macrons kaum verschleierte Angriffe auf Trump. Er teile nicht "die Faszination für starke Männer und die Illusionen des Nationalismus", sagte der Staatsgast vor dem Kongress. Und statt ihn dafür auszubuhen, lieferte der Kongress Ovationen. Das tat der politische Seele daheim in Frankreich spürbar gut. "Es gab zwei Macron-Besuche in den USA: einen mit Trump und einen gegen Trump", lobte der französische Schriftsteller Dominique Simonnet.

Dazu gab es Bilder, wie Macron einen schwarzen Führer der Bürgerrechtsbewegung in Washington lange umarmt. Eine Umarmung, die deutlich herzlicher ausfiel als all die vielen Küsschen, Händedrucke und das ständige Schulterklopfen mit Trump. Obwohl dann doch nicht ausgeschlossen war, dass genau das in Erinnerung bleibt: Macrons körperliche Nähe zu Trump, die demonstrative Männerfreundschaft.

Im Video: So liefen die bisherigen Treffen

REUTERS

Daran aber wollten Macrons Kritiker in Paris nicht herummäkeln, solange der Präsident in den großen Fragen Kurs hielt. Sogar die sonst eher nationalistischen Stimmen in Frankreich bewunderten dieses Mal Macrons Eintreten für einen "starken Multilateralismus".

Und noch etwas fiel allen französischen Beobachtern in der Heimat auf: Ihr Präsident spricht tatsächlich ein passables Englisch. Warum denn noch nie ein französischer Präsident auf Besuch in den USA so viel mit Menschen auf der Straße geredet habe, fragte sich ein Fernsehmoderator in Paris. Die Antwort lautete schlicht: Weil sich kein Präsident vor Macron traute - auch nicht Charles de Gaulle und Giscard d'Estaing, die bereits auf Englisch zum Kongress sprachen.

Fotostrecke

20  Bilder
State Dinner in Washington: Ganz großes Gedeck

Auch wegen solch vermeintlicher Kleinigkeiten kann Macron mit der Innenwirkung seines Besuchs in Washington durchaus zufrieden sein. "Die Schmuse-Diplomatie erwies sich als schwierig, aber Macron ist nicht von seinen Überzeugungen abgewichen", resümierte RTL. Das glich einer seltenen Verbeugung des innenpolitischen Gegners.

insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
magic88wand 26.04.2018
1. Souveräne Kritik
Da zeigt sich der Unterschied zwischen Macron und Merkel. Macron hat den Mut sich mit Trump auseinanderzusetzen, und das mit Stil. Während Merkel ihm am Tag nach seiner Wahl per Fernsehen einen Forderungskatalog vorliest, der nichts als Verstimmung erntete.
K:F 26.04.2018
2. Macron follows De Gaulle
Das muss man dem französischen Präsidenten lassen. Er spielt die französische Karte voll aus. Keine gekrieche, kein buckeln. Sondern klare Kante zeigen.
anton_otto 26.04.2018
3. Frankreich hat es ausnahmsweise besser
Und Deutschland hat nur Totalausfälle wie Merkel und Maas, denen es darum geht, ihr gutes Gewissen mit demonstrativer Feindseligkeit gegen Trump zu pflegen. Macron hat gezeigt, wie es geht: Sich auf Trumps Vorliebe für Pomp einlassen, ins Gespräch kommen und trotzdem eine eigene Politik verfolgen. Wofür haben wir eigentlich Heerscharen von Beamten, wenn von denen keiner der Regierung sagt, daß demonstrative Abgrenzung nicht weiterhilft? So etwas für die Bundesregierung bei keinem Drittweltland machen. Die USA sind - Trump hin oder her - einer der wichtigsten Verbündeten Deutschlands. Die Bundesregierung aber hat keine eigene Agenda mit den USA, stattdessen spielt sie sich als Schulmeister auf. Es ist einfach nur zum Fremdschämen.
bicyclerepairmen 26.04.2018
4. Zum Thema klare Kante....
Hätte der eloquente Franzose Rammstein Airbase und Stuttgart-Vaihingen ( etc.) zwischen seinen Weinbergen, wäre sein Auftreten und das dementsprechende nationale Abgefeiere wohl etwas anders gelaufen.
Garda 26.04.2018
5. Es gibt noch Hoffnung in Europa
Herr Macron und Herr Kurz brauchen dringend Verstärkung. Leider nicht aus unseren Reihen, so schnell wird nicht gewählt. Und ich sehe auch keine charismatische Figur, die diesen beiden Herren Gesellschaft leisten könnten. Morgen gibt's erst mal die Hosen voll in Washington - es sei denn, Donald steht noch unter Schock!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.