Emmanuel Macron im TV-Interview Sprechstunde beim Oberlehrer der Nation

Emmanuel Macron hat Frankreich einen Reformkurs verordnet, der bei vielen Bürgern gar nicht gut ankommt. Nun warb der Präsident wie ein Pädagoge um Vertrauen, Geduld und Unterstützung für seine Politik.

Emmanuel Macron im Klassenraum
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Emmanuel Macron im Klassenraum

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Emmanuel Macron zur Mittagspause im TV-Interview. Der Ort: Berd'huis in der Normandie, ein ultramoderner Klassenraum in einer beispielhaften Grundschule. Hier liegt das ländliche Frankreich. Und Macron gibt den Oberlehrer der Nation. Während die Citoyens am Esstisch sitzen, kämpft der Präsident sechzig Minuten lang um seinen angekratzten politischen Ruf.

Macron, der sich im Wahlkampf vor einem Jahr selbst als "Jupiter" bezeichnet hatte, ist aus dem Olymp der Umfragen gestürzt. Und seine Art - autoritär, geradeaus, bonapartistisch - stößt auch in der eigenen Partei La République en Marche zunehmend auf Unverständnis. Also muss Pädagogik her, die Franzosen sollen endlich verstehen, dass es "um das Haus Frankreich" geht.

Zuerst aber gibt Macron den Staatschef von Weltrang: Er beschuldigt Syrien, am vergangenen Samstag in der Stadt Duma Chlorgas eingesetzt zu haben, "Wir haben Beweise." Also müsse das Assad-Regime bestraft werden. Die "Möglichkeiten des Einsatzes von Chemiewaffen" will er künftig verhindern. Macron sagt aber auch: "Wir werden keine Eskalation zulassen."

Dann doziert der Präsident über sein Lieblingsthema, den großen Umbau des "Hauses Frankreich". Macron will sein Image als entscheidungsfreudiger Manager der Republik, der aufräumt mit den historischen Altlasten ungetaner Reformen, verbessern - und dabei zugleich die Bereitschaft zum Dialog mit den Bürgern demonstrieren. Mit "Pädagogik", wie es aus dem Elysee heißt.

Für die Schulen in Frankreich bedeutet das: Kleinere Klassen, Kindergarten ab drei Jahren. Für die marode Eisenbahngesellschaft SNCF heißt das: Reform, aber kein Kratzen am Status der Bahner.

Zur Krankenhausmisere sagt Macron: "Muss man besser organisieren". Also umstrukturieren, "mehr Geld für die Gesundheit, aber nicht für ein System, das nicht mehr funktioniert". Und natürlich mehr Personal für Kliniken und Altenheime. "Das Problem wird angegangen werden, versprochen."

An die Adresse der Alten sagt er: "Ich sage ihnen Danke." Die Pensionskürzungen seien eine Geste der Solidarität und überhaupt: "Es gibt keine Missachtung. Ich habe Rentner noch nie als Geldbörsen betrachtet."

"Vertrauen Sie mir"

Steuersenkungen erteilt Macron eine Absage, weil die Schulden zu hoch seien. "Wenn wir mehr Geld haben, dann sollten wir investieren - in Industrie, Landwirtschaft." Über die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land sagt Macron: "Es ist komplizierter, als es das Klischee erscheinen lässt."

Erneut betonte Macron, dass mehr Flexibilität für die Industrie, mehr Arbeitsplätze, bessere Ausbildung und Fortbildung gefordert seien: "Die Firmen sind kollektive Unternehmungen, von denen alle profitieren sollen." Und immer wieder sagt Macron: "Vertrauen Sie mir, ich tue, was ich sage."

Natürlich, seine sinkende Beliebtheit interessiere ihn nicht, da stehe er drüber, sagt Macron: "Man kann sich nicht nach den Umfragen richten." Zugleich aber verteilt der Staatschef aber Wohltaten für ausgewählte Gruppen. So hat er den Jägern - fünf Millionen potenzielle Wähler - die Kosten für den Jagdschein von 400 auf 200 Euro gekürzt.

Reicht diese TV-Sprechstunde, um Vertrauen beim Wähler zurückzugewinnen? Ziemlich ungewiss, ob Macrons Kurs bei den Arbeitern von SNCF, Air France, den Richtern und Studenten ankommt. In der Sache -"La transformation" - will der Staatschef nämlich hart bleiben. Kinn nach oben, aufrecht - und immer mitten durch. "Ich bitte um Geduld", sagt Macron, wiederholt aber mehrfach sein Credo: "Ich bin nicht naiv, ich weiß, dass es Schwierigkeiten geben wird. Aber nichts wird mich aufhalten."


Zusammengefasst: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will sein angekratztes Image aufpolieren, seine umstrittenen Reformen erklären - und zugleich Bereitschaft zum Dialog mit den Bürgern signalisieren. In einem Klassenzimmer gibt er ein TV-Interview. Er spricht über den Giftgasangriff in Syrien ("Wir haben Beweise"), mehr Geld für Schulen und Krankenhäuser. Steuern will er nicht kürzen. Die Bürger bittet er "um Geduld".



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Ezechiel 12.04.2018
1. Dann soll er ....
jetzt erst mal in Frankreich beweisen, dass er Umbauen kann. Wenn das vollbracht ist kann man darüber diskutieren, ob er der richtige Umbau-Meister für Europa ist. Ansonsten habe ich bedenken, dass die Umbaugelder für die EU teilweise in Frankreich landen.
nawasdenn 12.04.2018
2. Keine Ahnung, aber süffisant kritisieren !
Ich lebe seit 10 Jahren in Frankreich und alle in meiner Umgebung ( Freunde, Nachbarn etc.) sind sich einig: es muss etwas passieren, damit Frankreich aus seiner Lethargie erwacht. Man muss mit der aktuellen Politik nicht immer einverstanden sein, aber Macron versucht wenigstens, das Land und seine erstarrten Strukturen zu reformieren. Nur eine Gruppe ist gegen alles und das sind die sehr, sehr Privilegierten im öffentlichen Dienst. Oder kann man sich in Deutschland vorstellen, dass für die Rente mit 50 Jahren auf die Strasse gegangen wird. Hier nennt man das "das Recht auf einen zweiten Lebensabschnitt"!! Ich könnte viele Punkte nennen... Vielleicht sollte der Autor des Artikels mal das Leben in Frankreich außerhalb von Paris kennenlernen, bevor er so einen oberflächlich, ins lächerliche ziehenden Artikel verfasst. Dafür sollte im Spiegel kein Platz sein! Bewerbung bei der BILD!
tmhamacher1 12.04.2018
3. Wasch mich, ...
aber mach mir den Pelz nicht nass! Macron leidet natürlich an den vielen, die durch Reformen verlieren würden, denn jede Sklerose einer modernen Industriegesellschaft leidet an der Wahrung des Besitzstandes. D.h., wer etwas besitzt, besitzt es dauerhaft, wer nichts besitzt, hat Pech gehabt. Seine Versprechen sind nur so lange attraktiv, solange man selbst davon nicht betroffen ist.
gersois 12.04.2018
4. Macron
Erst einmal eine Richtigstellung: Die école maternelle ist kein Kindergarten wie in Deutschland. Macron hat jetzt die Schulpflicht für Kinder ab 3 Jahren eingeführt. Macron mag ja mutig längst fällige Reformen anfassen, aber sein militärischer Größenwahn passt nicht dazu. Hat er den blamablen Kriegseinsatz in Libyen schon vergessen? Oder drängen ihn seine vielen Generäle zu solchen Abenteuern, nachdem er anfangs ja ein Problem mit einem ungehorsamen Generalstabschef hatte?
kayakclc 12.04.2018
5. Reformen
Reformen finden wir alle gut, solange sie andere, aber nicht uns selbst betreffen. Herr Schröder hat das in Deutschland erfahren müssen. Herr Macron wird in Frankreich auf die gleichen Problem stoßen: sobald Leute wirklich merken, das sie nicht nur "Hurra" schreien sondern es Auswirkungen auf einem persönlich hat, wächst der Widerstand. Da sind alle Leute gleich und wünschen sich oft, das die Politik Lösungen mit Steuergeld kauft, das natürlich auch die anderen, die "Reichen" bezahlen sollen. Hollande ist damit grandious gescheitert, und für Macron gilt auch das Bibelwort: "an den Taten werdet ihr sie erkennen"
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