Frankreich Messias der Mitte

Mit Charisma und Optimismus begeistert Emmanuel Macron in Frankreichs Wahlkampf. Für seine Anhänger ist er ein Revolutionär - für Kritiker nur Utopist ohne Programm. Doch er hat die beste Chance, Marine Le Pen zu schlagen.

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Von , Paris


Wenn Emmanuel Macron die Bühne betritt, wirkt er wie ein umjubelter Profi-Wrestler auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Die Tribüne in Lyon etwa, Anfang Februar: ein Quadrat wie ein Boxring, in gleißendes Licht getaucht, darüber Projektionsflächen. Das Publikum ist aufgepeitscht, von hämmernder Musik, blitzenden Scheinwerferkegeln, frenetischem Beifall. Und dann läuft der Held in die Arena ein.

Macron zitiert die großen Franzosen - Zola, Mitterrand und De Gaulle. Von einem "historischen Moment" spricht der Kandidat für das französische Präsidentenamt, von schweren Zeiten und tiefen Veränderungen, von einem "Land am Scheideweg". Er macht Mut: Das Treffen in Lyon sei ein Beweis für den "Wunsch nach Zukunft, für die Liebe zu unserem Land". 8000 Menschen schwenken Trikolore und Europafahnen.

Paris, Lille, Lyon: Wo immer der Shootingstar der französischen Präsidentschaftskampagne auftritt, wird er gefeiert, wie ein Profisportler eben, oder wie andere sagen: wie ein Messias.

Denn Macron, 39, verkörpert Jugend, Charme, Charisma, Ideen von einer besseren Zukunft - eben all das, was dem Gros der herkömmlichen Politiker fehlt. Bewusst will er sich mit seiner Bewegung "En Marche" (etwa: Auf dem Vormarsch) von den Traditionsparteien absetzen. Er verortet sich in der politischen Mitte. "Die Alternative rechts oder links ist überholt", tönt er, "unsere Bewegung ist vor allem eins - progressiv".

Er erzählt von seiner Großmutter, die sein Interesse an Geschichte und Literatur weckte, von der Jugend auf dem Land, nennt sich ein "Kind der Provinz". Er will das Frankreich der Metropolen und der Regionen aussöhnen, verspricht die Überwindung sozialer Brüche.

Ausgespart bleiben biographische Stationen, die den Kandidaten als Produkt der Elite outen würden: Die Studien an der Universität Sciences Po, der Kaderschmiede ENA oder die stellare Karriere bei der Bank Rothschild. Und der Einsatz als Wirtschaftsminister für Staatschef François Hollande.

Doch Macron hat es geschafft, sich von Anfang als Kandidat außerhalb des Polit-Establishments zu inszenieren. Nötig sei nicht weniger als eine "Revolution" in Frankreich - so der Titel seiner politischen Biographie. Unter allen Kandidaten für die Wahl führt er das Beliebtheitsbarometer des Wirtschaftsblattes "Les Echos" derzeit mit 41 Prozent an. Eine aktuelle Umfrage von Opinionway gibt Macron die besten Chancen, die Rechtspopulistin Marine Le Pen zu schlagen: Bei einer Stichwahl würde er demzufolge 63 Prozent erreichen, Le Pen 37 Prozent.

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Emmanuel Macron: Der Heilsbringer aus dem Establishment

Die Favoritenrolle verdankt Macron allerdings auch seinen schwächelnden Rivalen. Denn zum ersten Mal in der Geschichte der Fünften Republik könnte das Rennen im entscheidenden, zweiten Urnengang ohne Kandidaten der Konservativen und der Sozialisten stattfinden.

  • François Fillon, Kandidat der konservativen Republikaner, bleibt nach den Enthüllungen über die möglicherweise fiktive Beschäftigung von Frau und Kindern angeschlagen. Der Ex-Premier, einst angetreten als knallharter Liberaler und konservativer Saubermann, hat dramatisch an Rückhalt verloren.

Die Stichwahl am 7. Mai könnte damit tatsächlich zum Showdown zwischen Le Pen und Macron werden: Hier die Globalisierungsgegnerin und Apologetin eines protektionistischen Patriotismus, dort der optimistische Verfechter einer offenen Gesellschaft auf erklärt proeuropäischem Kurs.

Die Aussicht auf ein derartiges Duell spielt dem Kandidaten Macron eindeutig in die Hände. "Er verkörpert die Hoffnung der Bevölkerung auf eine Regierung der nationalen Einheit, die dem Parteienhader den Rücken kehrt und neue, pragmatische Lösungen durchsetzt", sagt Jérôme Fourquet, Meinungsforscher vom Ifop-Institut. Das Projekt sei "ein Cocktail liberal-pragmatisch-modernistischer Zutaten, der den Erwartungen nach Erneuerung entgegenkommt".

"Ein politisches Start-up"

"En Marche" präsentiert sich dabei nicht als Partei, sondern als Graswurzel-Bewegung, digital und dezentral. Beitritt, Infos und Spenden werden per Internet gesteuert. Die Struktur ist neu für Frankreich, doch schon zählt die Bürgerinitiative mehr als 170.000 Mitglieder und rund 3600 lokale Komitees.

Dort finden sich enttäuschte Konservative oder frustrierte Sozialisten, ebenso wie politisch Neubekehrte. Macron kann auf die Unterstützung von abtrünnigen Abgeordneten und Senatoren zählen. Rund 400 Experten engagieren sich als Zuarbeiter - Wissenschaftler, Industrielle ebenso wie Kulturschaffende.

Meinungskompass

Macrons Manko: Vorläufig wird sein Projekt wenig konkret. Er spricht verschwurbelt-eloquent über seinen "Plan zur Transformation Frankreichs" oder einen "Kontrakt mit der Nation". Das sorgt für Kritik. "Macron will sich nicht definieren, und das ist sein Problem", höhnt Jean-Christophe Cambadélis, Parteichef der Sozialisten. "Ein Flechtwerk aus Banalitäten", mokiert sich Jean-François Copé, Abgeordneter der Republikaner.

Gewiss: Macron hat Visionen - er plädiert für die Modifikation der 35-Stunden-Woche, für Steuersenkungen, höhere Renten oder die bessere Besoldung von Lehrern; er will 10.000 Polizisten einstellen, einen Zivildienst einführen und 5000 Gendarmen für Europas Außengrenzen abstellen. Er plant den Umbau der Gebietskörperschaften, eine ökologische Energiewende und einen "Kulturpass" für Jugendliche.

Doch noch immer fehlt dem ambitionierten Entwurf die exakte Kostenrechnung zu Ausgaben, Einsparungen, Schulden. Man sei eben ein "politisches Start-up", entschuldigt Bruno Bonnell den Stand der Vorbereitungen. Der Informatik-Unternehmer berät den Kandidaten in Wirtschaftsfragen und verspricht: "Die genaue Finanzplanung wird Mitte Februar nachgeliefert."

Die Fanbasis, die Macrons Auftritte als Erweckungsereignis feiert, lässt sich von derartigen Details nicht beeindrucken. "Macron steht für Erneuerung, Enthusiasmus, Fortschritt", jubelt eine Werbefachfrau, 39, nach dem Auftritt in Lyon. Der größte Vorteil des Kandidaten sei: "Macron vereint das Beste der Rechten und Linken - ohne dabei Partei zu sein."

insgesamt 87 Beiträge
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Wembley 13.02.2017
1. Erinnert ihr euch noch...?
Einst trat Marins Le Pens Vater, Jean-Marie Le Pen, zur Präsidentenwahl an. Zur Überraschung Vieler gelangte er sogar in den zweiten Wahlgang. Also taten sich alle gegen ihn zusammen und wählten notgedrungen den Kandidaten der Konservativen, Jaques Chirac ("Le Bulldozer"), mit überwältigender Mehrheit in den Elysee-Palast. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Macron diesmal dasselbe passieren. Es ist somit beinahe unmöglich, dass Marine Le Pen Präsidentin von Frankreich wird.
bestrosi 13.02.2017
2. und nach der Wahl?
Rechnet Macron damit, dass "en Marche" auch bei der Parlamentswahl die Mehrheit erhält? Wie will er anderenfalls mit einem LR-Premierminister sein Programm (so er eines hat) durchsetzen? Wo ist er mehr als heißer Dampf, darin M. Schulz nicht unähnlich?
watch15 13.02.2017
3. Auch ihn wird die Realität einholen
Überwindung sozialer Brüche, höhere Renten, Kulturpass, Steuersenkungen ... hört sich für mich an wie das übliche Wahlkampfgeschwafel eines Politiker. Mal sehen was er von seinen Versprechungen noch halten kann wenn es gilt, das alles zu bezahlen. Naja, wenigstens ist er pro-Europa eingestellt.
der_bulldozer 13.02.2017
4. Graswurzelbewegung?
Nur weil es bei Wikipedia steht ist der Begriff "Graswurzelbewegung" noch lange nicht schön. Eine wörtliche Übersetzung aus dem Englischen klappt sehr oft nicht (grassroots movement). Wie wäre es mal mit Basisbewegung?
eriatlov 13.02.2017
5. Ich glaube nicht an Macron
denn er ist ein neureicher Verfechter des "Irgendwie weiter so!" ohne Programm, während Le Pen mit ihrer "Frankreich zuerst Devise" seit Jahren die frustrierten Franzosen hinter sich schart. Und während Skandale Le Pen nicht schaden, kratzen Gerüchte in Paris an seinem Image. Aber wir werden sehen.
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