Rücktritt von Frankreichs Innenminister Macrons wichtigster Mann lässt seinen Chef hängen

Mit Gérard Collomb verliert Frankreichs Präsident seinen engsten Verbündeten und profiliertesten Wahlkämpfer: Warum das Ansehen des Präsidenten darunter nachhaltig leiden wird.

Emmanuel Macron und Gérard Collomb
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Emmanuel Macron und Gérard Collomb

Von , Paris


Emmanuel Macron tut so, als hätte er die schwierige Situation verstanden und im Griff: "Ich bin nicht perfekt. Es gibt Dinge, die wir korrigieren müssen", sagte er noch zu Wochenbeginn. Doch es stellt sich die Frage, ob Frankreichs junger, politisch relativ unerfahrener Präsident wirklich erkennt, was da gerade in seinem Regierungsteam geschieht.

Warum sonst würde ihn sein Innenminister, Nummer Zwei hinter dem Premierminister und einst sein engster politischer Vertrauter, im offenen Streit verlassen?

Die Opposition freut sich jedenfalls über die Probleme Macrons: "Das Regime steckt in einer großen Krise, wie es sie seit Jahrzehnten nicht gegeben hat", frohlockt der ehemalige Innenminister unter Präsident Nicolas Sarkozy, Brice Hortefeux. Tatsächlich gab es so etwas noch nicht in der fünften Republik: ein Minister, der gegen den ausdrücklichen Willen seines Präsidenten einfach geht.

Gérard Collomb, 71 Jahre, sitzt an diesem Mittwochmorgen im Zug von Paris in seine Heimatstadt Lyon, wo er lange Jahre Bürgermeister war und es bald wieder werden will. Doch er wird nicht als Bürgermeister von Lyon in Erinnerung bleiben, sondern als der Erste der Macron-Gefährten, der seinen Chef allein lässt. Der muss sich nun ernsthafte Sorgen machen.

Denn Collomb war kein beliebiger Mitarbeiter des Präsidenten. Er war vielleicht der einzig normale, nicht elitäre, nicht hyperintelligente Politiker im engsten Macron-Kreis. Aber zugleich war er der erfahrenste.

Einer der wenigen Kritiker

Schon im erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf Macrons war Collomb für die Franzosen als jahrzehntelanger Bürgermeister von Lyon das einzig vertraute Gesicht gewesen. Als der gemütliche Collomb damals beinahe täglich den jungen Ehrgeizling Macron lobte, verlor dieser seine beunruhigende Schärfe. Kein Zweiter, mit Ausnahme seiner Ehefrau, war im Wahlkampf für Macron so wichtig wie Collomb.

Doch heute weiß man: Er hörte trotzdem nicht auf ihn. Collomb beschrieb in den Tagen vor seinem Abschied öffentlich einen Präsidenten, der offenbar glaubt, im Alleingang regieren zu können. Der Doyen teilte seinem Schüler ein Armutszeugnis aus. Nur er und drei weitere politische Mitstreiter - der Parteichef, der Parlamentspräsident und der Regierungssprecher - würden im internen Kreis nicht vor Macron kuschen und ihm die Meinung sagen, vertraute Collomb Journalisten an. Im Radio kritisierte er "einen Mangel an Bescheidenheit" der gesamten Regierungsmannschaft, Macron inclusive.

Die Kritik traf ins Schwarze. Denn sie bestätigte all die Gegner des Präsidenten, die ihn seit seiner Amtsübernahme im Mai 2017 für seine Arroganz, Überheblichkeit oder gar königlichen Allüren kritisieren - ohne das so richtig an einer Person oder einem Ereignis festmachen zu können - jetzt haben sie einen beispiellosen Rücktritt.

Macron will von Krise nichts wissen

Natürlich wiesen die Anhänger Macrons schnell den Vorwurf einer Regierungskrise zurück. Schon am Mittwochmorgen übernahm Premierminister Edouard Philippe interimsweise von Collomb das Innenministerium, er besetzt nun vorübergehend beide Ämter. Macrons Regierungsmehrheit sei nicht in Gefahr, betonten die Mitglieder der Mehrheitsfraktion im Parlament. Auch gab es kaum Zweifel, dass bald ein Nachfolger für Collomb gefunden werde. Der bisherige Außenminister Jean-Yves Le Drian könnte es werden. Und doch schien es möglich, dass sich Macron dieses Mal nicht so leicht aus der Affaire ziehen könnte.

Collomb und Macron: Einst wichtige Partner, jetzt entzweit
AFP

Collomb und Macron: Einst wichtige Partner, jetzt entzweit

Bisher räumt der Präsident allenfalls Stilkritik ein. Vier Tage lang tourte er übers vergangene Wochenende durch die klimageschädigten französischen Karibikinseln, um sich dort als volksnaher Präsident zu präsentieren. Das sollte einen Imagewandel bewirken. Doch selbstverständlich keine politische Wende. Im Gegenteil: "Ich will, dass wir noch schneller, noch stärker vorankommen", sagte Macron über seine geplanten Reformen, die schmerzhafte Eingriffe bei Renten und Pensionen einschließen. "Ein Boulevard für die Opposition!", kommentierten die Medien Macrons Verhalten. Allerdings liegt hier weiterhin die große Stärke des Präsidenten: Sowohl rechts wie links bleibt die französischen Opposition zersplittert und zerstritten. Eine irgendwie glaubwürdige Regierungsalternative ist nicht in Sicht.

Gleichwohl droht dem Präsidenten in seinem persönlichen Ansehen bei den Franzosen nachhaltiger Schaden. Collomb ist nicht der Typ, den man einfach so fallen lässt. Er ist ein Kumpel. Er hat noch dazu den Charme der alten französischen Schauspiellegende Jean Gabin.

Dass der Präsident ihn verliert und sogar spürbar menschlich enttäuscht hat, passt so gar nicht in Macrons Drehbuch der Präsidentschaft. Denn sein Ziel ist es, nach harten Reformen, die seinen konservativen Wählern gefallen, sich mit großzügigen Gesundheits- und Armutsbekämpfungsplänen zurück ins Bewusstsein der Linken zu bringen. Dabei sollte der ehemalige Sozialist Collomb eine wichtige Rolle spielen. Auch Macron war einmal Mitglied der Sozialisten. Offenbar zweifelte Collomb auch daran, dass der Präsident noch einmal in der Lage sein würde, diese politische Ader bei sich wiederzuentdecken.



insgesamt 33 Beiträge
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Freidenker10 03.10.2018
1.
"hyperintelligente Politiker". Erinnert irgendwie an die Obama Truppe oder auch Merkel. Leider fehlt solchen hyperintelligenten Politikern die Empathie und die Bodenhaftung. Man vergisst scheinbar schnell das es die Wähler, also die normalen Bürger waren die einen gewählt haben und für die man Politik betreiben sollte. Aber genau wie Merkel verlieren sich solche Politiker dann schnell in der "Rettung der Welt" weil die Innenpolitik wohl zu langweilig ist, oder zuviel Gegenwind verspricht. Das Prädikat des hyperintelligenten Politikers hat wohl auch auf Kennedy gepasst mit dem einen Unterschied das der bis zu seiner Ermordung eben auch die Probleme im eigenen Land nicht vergessen hat und die Welt wirklich gerettet hat...!
genugistgenug 03.10.2018
2. Lieber nicht reGIERen, wie falsch reGIEren???
Wenn man nichts ändern kann und der Chef beratungsresistent ist und/oder das Vertrauen verloren ist, dann bleibt nur noch die Kündigung - oder in Deustchland die innere Kündigung, die aber schlimmer sit für die Menschen im Land. Macron ist eine kleine Sternschnuppe die nun verglüht, oder wer erinnert sich noch an Richter Gnadenlos oder wie hieß der SS-Mann mit seinen Republikanern, usw. Alle gingen schnell unter.
th.diebels 03.10.2018
3. Korrekt:
"die Ratten verlassen das sinkende Schiff" ! Macron kann leider auch nicht übers Wasser laufen - obwohl viele Wähler dies geglaubt haben ! So lange A. Merkel ihm noch die "Treue" hält, kann der verkannte Sonnyboy noch auf einige schöne PR-Bilder hoffen !
hileute 03.10.2018
4. Es ist divh kein zufall das die ganzen minister flüchten
sondern ein sehr eindeutiges Zeichen das macron auf ganzer Linie versagt hat und dies auch immernoch tut. Da muss er sich an die eigene nase fassen und möglichst selbst auch zurücktreten
gersois 03.10.2018
5. Widerstand in der Regierung
Auch sein Landwirtschaftsminister Travert hat sich gegen ihn gestellt. Macron wünscht ein Glyphosatverbot innerhalb von drei Jahren, sein Minister, einer seiner ersten Gefolgsmänner, sieht keine Notwendigkeit, diese per Gesetz zu verabschieden. Entsprechend ist das verbot im September zum zweiten Mal in der Nationalversammlung gescheitert.
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