Verhältnis zu US-Präsident Trump Macrons riskanter Flirt

Die Welt rätselt über das Verhältnis von Emmanuel Macron und Donald Trump. Sind sie Kumpel? Wer taktiert wie? Nun reist der Franzose als erster europäischer Staatsgast zum US-Präsidenten - noch vor Angela Merkel.

REUTERS

Von , Paris


Das Kumpelhafte liegt schon in der Anrede: "Emmaaanoueel, was ist los?" buchstabiert die Pariser Tageszeitung "Le Monde" die Art und Weise, wie der US-amerikanische Präsident Donald Trump seinen französischen Amtskollegen Emmanuel Macron routinemäßig am Telefon begrüßt. Dazu gab es zuletzt reichlich Gelegenheit.

Über eine Woche, vom 8. bis 12. April, sprachen beide täglich miteinander. Dann bombardierten ihre Flugzeuge gemeinsam mit britischen Jets Chemiewaffen-Anlagen in Syrien. Am Dienstag nun beginnt in Washington der erste offizielle Staatsbesuch eines europäischen Gastes in der Amtsperiode von Donald Trump. Und natürlich heißt sein Gast "Emmaaanoueel". Die deutsche Kanzlerin kommt Ende der Woche zu Gesprächen. Nur ein Zufall im Zeitplan der Mächtigen?

"Für die Vereinigten Staaten stand das europäische Telefon bisher in Berlin, die Referenzperson war Angela Merkel. Heute ist sie Emmanuel Macron", sagt Yves Bertoncini vom Pariser Jacques Delors Institut. Célia Belin schildert es in der US-Zeitschrift "Foreign Affairs" so: "Frankreich ist nunmehr der beste Vertreter europäischer Interessen in den USA."

Ein Seiteneinsteiger wie Trump

Das hat offenbar etwas mit persönlicher Chemie zu tun. Macron war zunächst ziemlich vorlaut gegenüber Trump. Dessen Rückzug aus dem Pariser Klimavertrag konterte er im Mai 2017 mit der frechen Botschaft: "Make the planet great again." Bei der ersten persönlichen Begegnung drückte Macron dem US-Präsidenten dann so lange die Hand, bis es diesem ungemütlich wurde.

Doch offenbar gefiel all das dem Seiteneinsteiger Trump dann doch. Da war einer wie er! Also ließ er sich mit Frau zum alljährlichen französischen Revolutionsfest am 14. Juli nach Paris einladen. Macron machte daraus eine noch größere Show als sonst. Prompt war Trump so angetan, dass er am 11. November, dem Veteranentag in den USA, nun eine ähnlich pompöse Feier mit militärischem Brimborium plant.

Im Umgang mit älteren Machthabern kennt Macron sich aus. Bekanntester Fall ist sein Verhältnis zu Amtsvorgänger François Hollande. Der muss dem 34-jährigen Wirtschaftsberater bei Aufnahme seiner Geschäfte im Élysee-Palast im Jahr 2012 auch kaum antastbar vorgekommen sein. Fünf Jahre später aber hatte er ihn abgelöst.

Doch kann er nun auch auf Trump einwirken? Oder steht er zu Recht im Verdacht, seinen persönlichen Einfluss auf den erratischen US-Machthaber zu überschätzen? "Manchmal überzeuge ich ihn, manchmal nicht", sagte er in einem Interview mit der britischen BBC im Januar.

Kommt man am Ende immer zu einer gemeinsamen Lösung?

"Man erkennt keine konkreten Ergebnisse", widerspricht dagegen die französische Nord-Amerika-Expertin Laurence Nardon von Französischen Institut für Internationale Beziehungen in Paris (IFRI). Für sie und andere internationale Beobachter kommt der große Test erst in den kommenden Wochen: Wird Trump gegen alle Ratschläge des französischen Präsidenten und anderer Europäer vom Atomabkommen mit Iran abrücken? Bisher sieht alles danach aus, dass er noch vor dem 12. Mai das Abkommen fallen lässt.

Vorsorglich haben Macrons Berater denn auch schon durchblicken lassen, dass sie keine Änderung der Haltung Trumps erwarten. Doch Macron ficht das nicht an: "Wir mögen über die USA verärgert sein, wir mögen mit ihren Methoden nicht einverstanden sein wie in Iran, aber am Ende finden wir immer eine Übereinstimmung", sagte Macron im Januar.

Er selbst reiste in seinen Jahren als Wirtschaftsminister stets zur Technologiemesse nach Las Vegas. Dort traf er sich mit den großen Bossen des Silicon Valley, doch seine Botschaft richtete er an die Franzosen: Schaut her, hier spielt die Musik, und wir müssen mitspielen, schien er sagen zu wollen.

Nicht den Blick auf die digitalen, fortschrittlichen USA verlieren

Viele seine Reformen schließen heute daran an: Er ist ein Fan einheitlicher europäischer Regeln für die Digitalisierung. Das französische Arbeitsrecht hat er auch deshalb so durchforstet, damit junge Digitalunternehmen ohne Probleme ähnlich wie in den USA einstellen und entlassen können. Insofern hat seine Charmeoffensive gegenüber dem in Frankreich sehr unpopulären Trump einen durchaus ernsten Hintergrund. Er will nicht, dass Trump den Blick der Franzosen auf das fortschrittliche, digitale Amerika versperrt.

Das Risiko, das Macron damit eingeht, wird derzeit vor allem in Deutschland beklagt. Als würde er sich bereits von Trump manipulieren lassen. Doch noch ist es nicht so weit: "Emmanuel Macron verkörpert die letzte, beste Hoffnung für die Verbündeten der Vereinigten Staaten, die apokalyptische Natur Trumps zu begrenzen", schrieb der US-amerikanische Trump-Kritiker Roger Cohen im September in der "New York Times". Das ist schon ein Weilchen her. Doch die letzte beste Hoffnung stirbt bekanntlich zuallerletzt.

insgesamt 7 Beiträge
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haresu 23.04.2018
1. Für manche Kleinkinder ...
... braucht es eben männliche Kindergärtner. Macron hat einfach begriffen wie man mit Trump umgehen muss. Wenn der tritt muss man zurück treten, ihm dabei auf die Schulter klopfen und ihn anlächeln.
hdwinkel 23.04.2018
2. Kriege
Es ist jetzt noch nicht soo lange her, daß ein französischer Präsident sich weigerte einen völkerrechtlichen Angriffskrieg der Amerikaner mitzuführen. Damit hat Herr Macron mit seinem Raketenangriff nun gebrochen. Wenn es darum geht, Stärke zu präsentieren, da nehmen sich Putin, Trump, Macron, May und wie sie alle heißen offenkundig nicht sehr viel. Das Völkerrecht zählt vor diesem Hintergrund wenig bis gar nichts. Es wäre weniger peinlich, wenn alle diese Damen und Herren nicht stets die eigenen Werte betonen würden.
pragmat 23.04.2018
3. Chaos
Es hat schon seine Bewandnis, dass Monsieur Macron als erster der EU-Potentaten nach Washington kommt, wobei der Artikelverfasser vergessen hat, dass Ms May aus dem Vereinigten Königreich die erste Besucherin war. Mr Trump muss erst mal ausloten, wer denn eigentlich im Chaos-Konzert der EU-Mächte den Ton angibt. Denn es ist offenbar, dass Deutschland einen nationalen und keinen europäischen Weg gehen will, wenn es um die Handelspolitik und Verteidigungspolitik geht. Deutschland steht ja außerdem dem Herrn Putin bedeutend näher als Frankreich und die USA.
schocolongne 23.04.2018
4. Macron hält sein Pulver trocken, und das ist auch gut so...
Die erratischen Gedankengänge und das ebensolche Handeln des US-Präsidenten auf die Waagschale zu legen, wäre eh komplett ballaballa. Gegenüber Trump kann es nur eine Strategie geben: mit allem rechnen und nach eintritt des Ernstfalls je nach Lage eine Lösung erarbeiten.
Heinrich52 23.04.2018
5. Es ist klug miteinander zu reden
Es ist gut dass man miteinander redet. Das gemeinsame vorgehen gegen Assad wegen des Giftgasangriff in Syrien und in England hat diese Bande gestärkt. Man beginnt Vertrauen zueinander zu haben. Wichtig dass man einen gemeinsamen Nenner findet wie man gegen Putin vorgeht. Das Syrienproblem ist sehr groß, denn der Iran versucht Militärbasen an den Grenzen zu Irsael zu errichten und bedroht so Israel. Es bahnt sich hier ein Konflikt an. Macron braucht gute Argumente den Atomvertrag mit dem Iran so zu halten wie er ist. Denn der Iran bedroht militärisch die ganze nahöstliche Region. Hier braucht man eine gemeinsame Strategie. Auch wirtschaftlich gibt es einiges zu bereden, nicht nur mit Macron sondern auch mit Frau Merkel.
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