Ende der Belagerung Arafat beschimpft Scharon als "Nazi"

Nach 34-tägiger Belagerung durch israelische Truppen kann sich Jassir Arafat wieder frei bewegen. Als Erstes besuchte der Palästinenserpräsident Patienten im Krankenhaus von Ramallah.


Aufgebracht beschimpfte Arafat seinen Kontrahenten Scharon als "Terroristen, Rassisten und Nazi"
DPA

Aufgebracht beschimpfte Arafat seinen Kontrahenten Scharon als "Terroristen, Rassisten und Nazi"

Ramallah - Arafat, 72, wurde von mehreren hundert Anhängern mit Jubel begrüßt. Er wirkte blass und musste sich von Begleitern stützen lassen. Der Palästinenserchef zeigte der Menge das Victory-Zeichen, hob den Daumen und lächelte. Vor dem Krankenhaus in Ramallah verharrte Arafat vor einem Grab auf dem Parkplatz der Klinik. Dort liegen mehrere Palästinenser begraben, die beim Einmarsch israelischer Truppen erschossen wurden.

Arafat verurteilte scharf die Eskalation des Konflikts um die Geburtskirche in Betlehem. "Wie kann die Welt angesichts dieses grausamen Verbrechens schweigen?" erklärte er. Arafat beschimpfte in seiner ersten öffentlichen Erklärung nach dem Abrücken der Israelis Ministerpräsident Ariel Scharon als einen "Terroristen, Rassisten und Nazi".

Das Ende der fünfwöchigen israelischen Belagerung ist Teil einer Übereinkunft, die unter Vermittlung der USA und Großbritanniens erzielt wurde. Demnach kann sich Arafat im Westjordanland und im Gaza-Streifen frei bewegen und darf auch ins Ausland reisen. Scharon drohte aber, dass ihm nach einer Auslandsreise die Rückkehr verweigert werden könnte, falls es zu neuen Terroranschlägen kommen sollte. Es wird erwartet, dass Arafat die nächsten Tage weiter in Ramallah bleibt.

Die israelischen Panzer und Truppen waren in der Nacht abgezogen worden. Im Gegenzug händigte Arafat sechs von Israel gesuchte Palästinenser aus, die unter internationaler Bewachung in ein Gefängnis nach Jericho gebracht wurden. Die von Israel wegen Terroranschlägen gesuchten Männer wurden von amerikanischen und britischen Offizieren in Militärfahrzeuge gebracht und unter Begleitung israelischer Soldaten nach Jericho gefahren. Dort wurden sie ins Gefängnis gebracht und werden von britischen sowie amerikanischen Aufsehern bewacht. Vier der Palästinenser wurden im Zusammenhang mit dem Mord am israelischen Tourismusminister Rehawam Seewi verurteilt.

Während einer heftigen Schießerei zwischen israelischen Soldaten und den in der Geburtskirche in Betlehem eingeschlossenen Palästinensern war ein Teil der christlichen Kirchen- und Klosteranlage aus dem vierten Jahrhundert in der Nacht zum Donnerstag in Brand geraten. Das Feuer zerstörte Schlafräume des Franziskanerklosters und des von orthodoxen Christen genutzten Bereichs. Der israelische Regierungssprecher Dore Gold wies den Vorwurf der Brandstiftung zurück. Die Geburtskirche wird seit Anfang April belagert. Unter den etwa 200 Menschen in der Kirche befinden sich rund 30 bewaffnete Kämpfer.

Annan löst Dschenin-Kommission auf

Die Uno gab wegen anhaltender Weigerung Israels ihre Absicht auf, die Kämpfe im Flüchtlingslager von Dschenin zu untersuchen. Generalsekretär Kofi Annan sagte dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, offensichtlich könne die von ihm eingesetzte Kommission in naher Zukunft nicht mit ihrer Arbeit beginnen. "Weil sich die Situation im Flüchtlingslager von Dschenin jeden Tag verändert, wird es immer schwieriger, die Vorgänge dort genau festzustellen." Die Kommission sollte Vorwürfen nachgehen, wonach die israelische Armee in den Kämpfen um Dschenin ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübt haben soll.





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