Ende der Hängepartie Rom bejubelt Berlusconis Rücktritt

Nun hat er seine Ankündigung wahrgemacht: Silvio Berlusconi ist vom Amt des italienischen Ministerpräsidenten zurückgetreten - und ganz Rom feiert seinen Abgang. Zuvor stimmte das Abgeordnetenhaus dem Reform- und Sparpaket zu, das IWF und EU gefordert hatten.


Rom - Vier Tage hat er sich nach seiner Rücktrittsankündigung noch Zeit gelassen, doch nun ist die Ära Silvio Berlusconi vorbei: Der italienische Ministerpräsident hat offiziell seinen Rücktritt eingereicht. Diesen Schritt hatte der 75-Jährige am Dienstag angekündigt, nachdem er bei einem kritischen Votum im Parlament eine Niederlage kassiert hatte. Gegen 21 Uhr - eine knappe halbe Stunde später als ursprünglich geplant - kam Berlusconi bei Staatspräsident Giorgio Napolitano an. Rund 40 Minuten später folgte dann die Bestätigung aus dem Palast - das Kapitel Berlusconi ist nach fast zwei Jahrzehnten Geschichte.

Wie gespannt die Italiener die aktuelle Krise ihres Landes verfolgen, zeigte sich am Abend. "In ganz Rom gehen die Menschen auf die Straße", berichtet SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Fiona Ehlers. In der Stadt herrsche eine festliche Aufbruchstimmung, Hupkonzerte und Fahnenschwenken inklusive.

Schon um kurz vor 20 Uhr hätten sich die Straßen vor dem Präsidentenpalast mit Berlusconi-Gegnern gefüllt, um den "Tag der Befreiung" zu feiern. Während der Noch-Premier im Inneren verschwand, hätten die Menschen draußen laute Sprechchöre angestimmt: "Mafiosi", "Gefängnis", "Basta".

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Aufstieg und Fall Silvio Berlusconis: Ciao Cavaliere
Ein Italiener habe extra seine Familienfeier verlassen, um zum Präsidentenpalast zu kommen, sagt Ehlers. 17 Jahre habe er auf diesen Moment gewartet. Nun wolle er vor genau der Tür stehen, hinter der Berlusconi sein Rücktrittsgesuch einreiche.

Einzig vor Berlusconis Villa Grazioli sei die Stimmung anders, sagt Ehlers: Dort hätten sich etwa 20 Unterstützer mit "Silvio, halte durch!"-Plakaten versammelt.

Ein Wirtschaftsexperte soll Italien führen

Vor dem Abgang Berlusconis stellte das Abgeordnetenhaus im Parlament noch die Weichen für einen Weg aus der Schuldenmisere. Es stimmte den Reform- und Sparmaßnahmen zu, die die EU und auch der Internationale Währungsfonds (IWF) fordern. Auch der Senat hat das Paket bereits abgenickt. Berlusconi hatte die Verabschiedung der Maßnahmen durch beide Parlamentskammern zur Bedingung für seinen Rücktritt erklärt.

Das Paket sieht unter anderem den Verkauf von Staatseigentum, den Abbau von Bürokratie- und Wettbewerbshindernissen sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen vor. Italien steht unter großem Druck der Märkte, möglichst schnell eine effektive neue Regierung einzusetzen.

Als wahrscheinlicher Nachfolger Berlusconis an der Spitze einer Übergangsregierung gilt der frühere EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti. Der 68-Jährige wurde von Staatspräsident Napolitano bereits zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Der Wirtschaftswissenschaftler Monti führte in seinem Haus in Rom bereits Gespräche mit dem neuen Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), seinem Landsmann Mario Draghi.

Monti wird zugetraut, die komplizierten finanzpolitischen Zusammenhänge zu durchschauen, die dem Land seit Monaten das Leben schwermachen. Er hatte in Italien bisher kein politisches Mandat inne. 2004 bat ihn Berlusconi, Finanzminister zu werden. Doch Monti lehnte damals ab. Er war Kommissar der Europäischen Union, zunächst als Kommissar für den Binnenmarkt - für das Amt nominierte ihn Berlusconi 1994 - später als Wettbewerbskommissar, der sich mit Riesen wie Microsoft oder General Electric anlegte. Monti ist derzeit Präsident der Mailänder Universität Bocconi, an der selbst in den Sechzigern auch Management studierte.

mmq/aar/dpa/dapd/AFP

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insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
wika 12.11.2011
1. Willkommen im Reich der Böcke und Gärtner …
… Monti solls richten. Dass ist doch eine Ansage von Format. Wie wäre es denn in diesem Zusammenhang, wenn Merkel die Regierungsgeschäft hier an Ackermann übergäbe. Wäre doch nur folgerichtig und logisch, oder? Das Berlusconis Rücktritt überfällig war, dass steht ja völlig außer Frage, aber die Neubesetzung ist geradezu ein Hohn. Als müsste man die Staaten wie Banken führen. Dies ist nur dann richtig wenn es um die Volksausbeute geht und offenbar ist da nichts anderes mehr in Planung. Ist eigentlich die konsequente Fortführung einer Politik die bereits vor geraumer Zeit *Charles Ponzi zu Ehren kommen ließ* … Link (posthume Würdigung seiner Lebens-Leistung durch die EU-Finanzminister) (http://qpress.de/2011/07/16/eu-finanzminister-wollen-charles-ponzi-auszeichnen/), dadurch belegt, dass sie sein System als das Rettungssystem schlechthin adaptierten und bis heute danach handeln. Gute Nacht Europa … oder „Mensch kauft euch doch mal einen richtigen An-Führer“ … sonst nehmen die gärtnernden Böcke einfach Überhand (°!°)
alterknacker 12.11.2011
2.
Gott sei´s getrommelt und gepfiffen.
weltbetrachter 12.11.2011
3. nüchtern und emotionslos betrachtet ....
Nüchtern und emotionslos betrachtet machen einem diese Rücktrittsorgien schon ein wenig Angst. Griechenland, Italien und wer kommt als nächstes. --- Denn egal was man über die Akteure denkt, ausschlaggebend war und ist die Staatsschuldenkrise. Und das hier letztlich die Finanzmärkte einen gehörigen Anteil an diesen Rücktritten haben, stellt alles politische Handeln der Vergangenheit auf den Kopf. --- Regierungen fallen, Staaten gehen Pleite. Gut, es waren auch die ungebremsten Schuldenmacher der letzten Jahre. Aber das ändert nichts daran, das diese Rücktritte nicht nur politisch begründet sind. --- Wir gehen Zeiten entgegen, die wir zuvor noch nie gehabt haben. DAS macht mich nachdenklich.
M_arcellus 12.11.2011
4. Weltfrieden
Es kann jetzt nur besser werden!
Porgy, 12.11.2011
5. Endlich!
Zitat von sysopNun hat er seine Ankündigung wahr gemacht: Silvio Berlusconi ist vom Amt des italienischen Ministerpräsidenten zurückgetreten. Zuvor stimmte das Abgeordnetenhaus dem Reform- und Sparpaket zu, das IWF und EU fordern. Künftig soll ein Anti-Berlusconi das Land regieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797458,00.html
Nicht nur Italien atmet jetzt auf! Nicht, dass Mario Monti, oder wer immer Berlusconis Nachfolger wird, "über Nacht" viel wieder von dem in Italien Ordnung bringen könnte, was Berlusconi ihm "hinterlassen" hat. Nein, sicher nicht. Dafür ist alles in politischer, kultureller, juristischer und finanzieller Hinsicht in Italien unter der Ära Berlusconi viel zu verkommen. D.h. es wird mindestens zehn bis zwanzig Jahre dauern, Italien wenigstens halbwegs wieder "auf Vodermann" zu bringen, egal wie gut und kompetent die Nachfolger Berlusconis sind. Aber, wie lautet nochmal das alte chinesische Sprichwort? "Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt." Und dieser allererste Schritt war der längst fällige Rücktritt Berlusconis.
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