Ende einer Städtepartnerschaft: Die Europa-Monster aus Bishop's Stortford

Von Marco Evers, London

Zum Teufel mit Europa: 46 Jahre bestand die Partnerschaft des englischen Städtchens Bishop's Stortford mit dem deutschen Friedberg und Villiers-sur-Marne in Frankreich. Doch der Bürgermeister, wie Premier Cameron ein Tory, hat die Freundschaft aufgekündigt. Der Brief war nur eine Seite lang.

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Horst Friedrichs

Partnerschaftsvereinschef Smith: Die Völkerverständigung in Person

Natürlich entscheidet sich das Schicksal Europas nicht in Bishop's Stortford, einem schmucken Ort mitten in England mit rund 35.000 Einwohnern.

Aber dieses leicht langweilige Städtchen ist gerade Schauplatz und Spiegel dramatischer historischer Ereignisse. Hier führt eine Riege seltsamer konservativer Lokalpolitiker eine Miniaturversion des Spektakels auf, das Premier David Cameron auf der großen Bühne zum Besten gibt. Das Stück heißt: zum Teufel mit Deutschland, Frankreich und Europa.

Es ist Ende November. Noch streiten Berlin, Paris und London um die künftige Form von EU und Euro-Zone, doch in Bishop's Stortford sind die Würfel längst gefallen. Bürgermeister John Wyllie schreibt Briefe.

Adressiert sind die Schreiben an die werten Amtskollegen der beiden Partnerstädte - Friedberg nahe Frankfurt am Main und Villiers-sur-Marne nahe Paris. Wyllie schreibt nicht, um die Kollegen einzuladen zu den üblichen Verbrüderungsfesten, Konferenzen, Jugendfreizeiten oder Austauschprogrammen. Er schreibt, um ihnen die Freundschaft zu kündigen, nach 46 Jahren Sonnenschein.

Am 28. September 2012, so teilt Wyllie trocken mit, wird die Gemeinde alle Bande kappen mit den Schwestergemeinden. Gründe für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen nennt er nicht.

Aussprache? Konsultation? Fehlanzeige

In Friedberg und Villiers herrscht seither ungläubiges Staunen. "Es ist ein Schrieb von nur einer Seite", sagt Friedbergs Bürgermeister Michael Keller (SPD) fassungslos. Dabei seien die letzten Jahrzehnte "eine erfolgreiche Zeit gewesen". Natürlich sei das Konzept von Städtepartnerschaften etwas angejahrt, aber man hätte die Beziehung ja verändern und verbessern können. Und "das Mindeste" wäre doch ein Gespräch gewesen.

Für Keller ist der Fall klar. Hier habe ein konservativer Gemeinderat zeigen wollen, "was er von Europa hält". Nämlich nichts. "Bedauerlich" sei das, gefährlich sogar. "Systemrelevant sind in Europa nicht die Banken", mahnt Keller, "sondern die Kommunen." Und wenn es auf dieser Ebene nicht funktioniere, dann sei weiter oben im Gefüge erst recht Feierabend.

Bishop's Stortford grenzt an den Flughafen London-Stansted, aber es liegt außerhalb der Flugschneise. Ein ruhiger, wohlhabender Ort mit lauter Schieferdächern, einem niedlichen Flüsschen und fast ohne Arbeitslosigkeit. Er ist sich selbst genug. Mit dem Zug sind es 38 Minuten bis ins Londoner Finanzviertel, wo ein Großteil der Bewohner sein Geld verdient, auch Wyllie, der ehrenamtliche Bürgermeister.

Im Gemeinderat halten die Tories seit der Kommunalwahl im Mai eine allmächtige Mehrheit: Sie stellen 16 der 18 Mitglieder. Entsprechend kurz war der Prozess gegen Friedberg und Villiers.

Aussprache? Konsultation? Fehlanzeige. Der Entscheid kam "vollkommen überraschend", klagt Dave Smith, 68, pensionierter Elektro-Ingenieur, jetzt Vorsitzender des Partnerschaftsvereins mit seinen mehr als 100 zahlenden Mitgliedern. Seit 35 Jahren fährt Smith nach Friedberg ("eine großartige Stadt"). Immer beglich er die Reisekosten selbst, wie alle Teilnehmer.

Smith, die Völkerverständigung in Person, Bezwinger des Adolfsturms von Friedberg mit seinen mehr als 200 Stufen, kramt stolz ein Dokument hervor. Seit 1990 ist er "Träger des Ehrenschildes der Stadt Friedberg" - für seinen "persönlichen Einsatz für ein geeintes Europa", wie die Urkunde hervorhebt.

Cameron hat sich jetzt an die Spitze seiner Europa-Monster gestellt

Jetzt zwingt ihn dieser Einsatz für Europa dazu, ausgerechnet gegen sein eigenes Stadtparlament in den Krieg zu ziehen. Es noch umzustimmen, wird ein schwerer Kampf, sagt Smith, "da darf man sich nichts vormachen".

So ist das eben mit den heutigen Konservativen, sagt Mike Wood, 66, das einzige Gemeinderatsmitglied von den europafreundlichen Liberaldemokraten. Tories seien "eigentlich normale Leute. Aber wann immer das Thema Europa aufkommt, verwandeln sie sich in eine Art Monster", sagt er.

Cameron hat sich jetzt an die Spitze seiner Europa-Monster gestellt und es bisher nicht bereut. Auf einmal erfreut sich der Premier bester Umfragewerte - und das, obwohl es eigentlich gerade nicht gut läuft für seine Regierung. Die Wirtschaft rutscht wieder in die Rezession. Mehr Leute sind arbeitslos denn je in den vergangenen 17 Jahren. Die Inflation liegt bei fast fünf Prozent. Doch alle schlechten Nachrichten sind wie vergessen, seit Cameron sich als EU-Rebell gebärdet.

Natürlich war Wyllie, Bürgermeister von Bishop's Stortford, noch nie in Friedberg oder Villiers. "Leider", sagt er. Ihm bleibt alle Aufregung um die Kündigung der Städtepartnerschaft vollkommen unverständlich. Heute flögen austauschwillige Schüler doch lieber nach China, Russland oder in die USA, aber "mangels Interesse" doch eher nicht nach Deutschland.

Um Europa jedenfalls, so beteuert Wyllie, sei es ihm bei der Entscheidung keineswegs gegangen. Auch Geld habe keine Rolle gespielt, Städtepartnerschaften kosteten ja ohnehin kaum etwas.

Worum ging es dann?

Wyllie ist durch und durch Tory, und das bedeutet: von Grund auf argwöhnisch gegenüber allem, was vom Kontinent kommt und Kooperation im Schilde führt. Er sagt dazu nur dies: "Uns war es einfach wichtig, das Thema Städtepartnerschaft zu entpolitisieren."

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insgesamt 119 Beiträge
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1. Auf solche "Freunde"
michaelXXLF 17.12.2011
kann man getrost verzichten. Wie dumm und geschichtsvergessen kann man eigentlich sein? "Heute flögen austauschwillige Schüler doch lieber nach China, Russland oder in die USA, aber "mangels Interesse" doch eher nicht nach Deutschland." Und wenn man ihnen keinen Anreiz bietet wird sich das vermutlich auch nicht ändern.
2.
muellverbrenner 17.12.2011
Zum Teufel mit Europa: 46 Jahre bestand die Partnerschaft des englischen Städtchens Bishop's Stortford mit dem deutschen Friedberg und Villieurs-sur-Marne in Frankreich. Doch der Bürgermeister, wie Premier Cameron ein Tory,*hat die Freundschaft aufgekündigt. Der Brief war nur eine Seite lang.
3. finde ich toll
ProDe 17.12.2011
Zitat von sysopZum Teufel mit Europa: 46 Jahre bestand die Partnerschaft des englischen Städtchens Bishop's Stortford mit dem deutschen Friedberg und Villieurs-sur-Marne in Frankreich. Doch der Bürgermeister, wie Premier Cameron ein Tory,*hat die Freundschaft aufgekündigt. Der Brief war nur eine Seite lang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803982,00.html
Man findet ja langsam mehr und mehr Artikel, die den hohen Schwachsinnsgehalt von Merkels Euro-Vernichtungspolitik aufzeigen. Selbst in liberalen Medien wie dem Handelblatt oder SPON finden sich mehr und mehr Artikel abgebildet von "echten" Ökonomen und nicht nur den Mietmäulern wie Sinn. Dennoch ist die Erkenntnis bei den meisten Bürgern noch nicht gereift, dass Merkels-schwäbische Hausfrauen und Sparpolitik die Krise erst noch richtig beschleunigt hat und dass Deutschalnd endlich daran arbeiten muss die Binnennachfrage zu stärken statt sich auf den Export zu konzentrieren und damit die Defizte unserer EU-Nachbarn noch weiter zu verschlimmern. Vielleicht helfen solche Aktionen ja auch ein wenig zu verdeutlichen, wass der Rest der Welt von der idiotischen Politik Merkozys hält Dass es diese Aktion allein schon quasi auf die Titelseiten geschafft hat war sie schon wert - Leider ist der Artikel dazu noch eher mässig
4. Wir wieder mal ...
dx456 17.12.2011
Zitat von sysopZum Teufel mit Europa: 46 Jahre bestand die Partnerschaft des englischen Städtchens Bishop's Stortford mit dem deutschen Friedberg und Villieurs-sur-Marne in Frankreich. Doch der Bürgermeister, wie Premier Cameron ein Tory,*hat die Freundschaft aufgekündigt. Der Brief war nur eine Seite lang. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,803982,00.html
Warum muss die deutsche Seite jeden der anders denkt gleich als seltsam oder als Monster einstufen, wie in diesem schlechten Artikel? Gibt es denn überhaupt keine Toleranz für abweichende Einstellungen mehr? Lass doch die Bishop's Stortforter in Frieden ihre Entscheidungen treffen und verbaut nicht sofort den Rückweg mit unsachlichen besserwisserischen Feststellungen. Eine negative Eigenschaft der Alles-Besserwisser ist ja, dass sie auch nicht nachfragen, warum jemand anders denkt, sondern stets öffentlich vermuten. Es erscheint mir so, dass etwas mehr Annahme Andersdenkender eine angebrachte Tugend wäre. Wer weiß? Vielleicht vertragen wir uns bei etwas besserem Verhalten von deutscher Seite aus bald wieder.
5. Engstirnland
vlupme 17.12.2011
Wenn die Briten jetzt sich isolieren wollen schön und gut, sollen sie nur ruhig machen. Vielleicht finden sie ja einen Weg die britischen Inseln auch geografisch von dem europäischen Festland fortzubewegen.
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