Endspurt im US-Wahlkampf Grabenkampf um jede Stimme

Klare Rollenverteilung im US-Wahlkampf: Obama setzt auf die große Inszenierung und stimmt schon den präsidialen Ton für die Zeit nach der Entscheidung an. McCain kämpft gegen miese Umfragewerte und fährt harte Attacken gegen seine Rivalen. Die Medien sehen ihn bereits auf der Verliererstraße.

Von , New York


New York - In den letzten dramatischen Tagen des Wahlkampfs kehrt Barack Obama zu dem Leitmotiv zurück, das ihn zu seinen ersten Erfolgen getragen hat. Jenem Ur-Motto, das er zuletzt einem spürbar pragmatischeren Ton geopfert hatte, notgedrungen. "Hoffnung", rief er am Montag in Ohio, "lässt uns allen Gegenbeweisen zum Trotz darauf beharren, dass etwas Besseres auf uns wartet."

Kandidat Obama: Rückbesinnung auf "Hoffnungs"-Rhetorik
AFP

Kandidat Obama: Rückbesinnung auf "Hoffnungs"-Rhetorik

Die Menge jubelte: Es war das erste Mal seit Wochen, dass Obama nicht mehr nur von der miesen Wirtschaft sprach, von Steuern und dem alltäglichen Kleinkram des Wahlkampfes - sondern wieder vom großen Prinzip Hoffnung.

Und so schließt sich der Kreis. Obama geht mit der gleichen luftigen Rhetorik in die Zielgerade, mit der er vor 21 Monaten in Springfield, der Hauptstadt seines Heimatstaats Illinois, gestartet war - und mit der er sich damals viel Häme zugezogen hatte. Dazwischen lagen lange Monate, in denen er lernen musste, dass sich die Wähler nicht allein durch Inspiration bewegen lassen, sondern für harte Zeiten handfeste Rezepte brauchen.

Doch jetzt, im Endspurt, kann Obama es sich leisten, sich wieder zu den großen abstrakten Botschaften zurückzukehren: Er hat seine wirtschaftspolitische Kompetenz unter Beweis gestellt - für die meisten Amerikaner der einzige Grund, ihn zu wählen. Er hat die Menschen mit sich vertraut gemacht. Er hat den Sympathiewettbewerb gewonnen.

Und so wendet er sich in dieser Woche bereits der "Zeit danach" zu, in der es gilt, das Wahlvolk zu einen. Rivale John McCain hat sich unterdessen so verfranst, dass Obama sogar für zwei Tage ganz aus dem Wahlkampf verschwinden konnte, um seine schwer kranke Großmutter auf Hawaii zu besuchen, ohne dass McCain dieses Vakuum für sich nutzen konnte.

"Wir sind eine Nation, alle stolz, alle Patrioten", sagte Obama in Ohio also. "Patrioten, die an demokratische Politik glauben, und jene, die an republikanische Politik glauben." Es gebe "kein rotes Amerika oder ein blaues Amerika", sondern nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Damit verfolgt er exakt den gleichen Kurs, den er schon 2004 mit seiner Parteitagsrede einschlug, mit der er berühmt wurde.

Es ist ein lange geplanter thematischer Bogen, das Finale einer cleveren Selbstinszenierung, und nichts kann ihn davon abbringen. Die Rede im Schlüsselstaat Ohio - bei der Obama seine programmatischen Kernaussagen - zu Steuern, Gesundheitswesen, Wirtschaft, Bildung, Außenpolitik und Energie - erstmals wieder mit der "Hoffnungs"-Rhetorik garnierte - wurde den Reportern als sein "Schlussplädoyer" angekündigt: Der Kandidat kehre damit "zum Tenor des Anfangs" zurück, um das Rennen "mit einer Art positivem Appell" zu beenden. Die Ansprache wurde danach auch als Web-Video an alle registrierten Fans verschickt.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.