Energie-Dilemma Ukraine setzt auf neue Atommeiler

Die Katastrophe von Tschernobyl erschütterte das Vertrauen der Ukrainer in die Atomenergie. Doch nach dem Gaskrieg mit Russland setzt das Land wieder auf Reaktoren. Es will 14 neue Meiler bauen.

Von Alexander Schwabe


Als am 26. April 1986 der Reaktorblock 4 im ukrainischen Tschernobyl explodierte, führte dies zur bisher größten zivilen Atomkatastrophe. Weite Teile Europas wurden verstrahlt. Die Behörden vor Ort waren zunächst hilflos und schickten in abenteuerlichen Rettungsaktionen Menschen in den Tod. Nach dem "Super-Gau" hatte man in der Ukraine genug von der Atomenergie. In der Bevölkerung und im Parlament gab es heftigen Widerstand gegen deren weitere Nutzung. Anfang der neunziger Jahre beschloss das Parlament ein Atommoratorium, es sollten keine weiteren Reaktorblöcke gebaut werden.

Atomkraftwerk Tschernobyl: Die Laufzeiten für baugleiche Reaktoren werden verlängert
AP

Atomkraftwerk Tschernobyl: Die Laufzeiten für baugleiche Reaktoren werden verlängert

Doch die Erinnerung an Tschernobyl verblasste, mit dem Bewusstsein für die Gefahr schwand auch die Angst. Zwei Blöcke neueren Typs in Chmelnitzki und Rowno, die Mitte der neunziger Jahre zu 80 Prozent fertig gebaut waren, wurden nach einer Unterbrechung trotz des Moratoriums fertiggestellt und vor zwei Jahren in Betrieb genommen. Bedenken spielten keine Rolle mehr. Vor der Parlamentswahl diesen März warb lediglich das in der Ukraine politisch ohnmächtige Grüppchen der Grünen für einen Atomausstieg - ohne große Resonanz. Derzeit liefern die vier noch aktiven Kernkraftwerke mit 15 Reaktorblöcken rund die Hälfte des im Land produzierten Stroms.

Der Gasstreit mit Russland um die Jahreswende rüttelte die Ukrainer wach. Kurzerhand hatte der Kreml - größter Energielieferant der Ukraine und Mehrheitseigner des russischen Energieriesen Gasprom - für mehrere Tage den Gashahn zugedreht. Im zweitgrößten Flächenland Europas begann man zu frösteln. Mitte Januar kündigte Präsident Wiktor Juschtschenko an, sein Land, das über eigenes Uran verfügt, wolle selbiges fortan selbst anreichern. Begründung: Binnen fünf Jahren wolle man unabhängig von Energieimporten sein, so sein Ziel.

Vor drei Wochen kam eine neue, eine etwas weniger, doch immer noch reichlich illusorische Vorgabe. Das Kabinett verabschiedete ein Regierungsprogramm zur Energiestrategie der Ukraine bis 2030, das Juschtschenko der Öffentlichkeit vorstellte. Darin werden Zahlen genannt, ohne dass ansatzweise deutlich ist, wie diese erreicht werden sollen. Zielsetzung ideal, Umsetzung unklar, urteilen Experten.

Einige Beispiele aus dem Zahlenwunderwerk: Der Gasimport soll von derzeit 80 Prozent auf 20 Prozent im Jahr 2030 verringert werden. Der Gasverbrauch im Land soll von 76 Milliarden Kubikmeter auf 49 Milliarden sinken. Parallel dazu soll der Kohleverbrauch mehr als verdoppelt werden (von 65 Millionen Tonnen im Jahr 2005 auf 153 Millionen Tonnen 2030). In 25 Jahren soll in der Ukraine mindestens doppelt so viel Strom fließen wie heute (je nach Wirtschaftsentwicklung zwischen 330 und 440 Milliarden Kilowattstunden statt 180 Milliarden).

Noch im vergangenen Jahr bezog die Ukraine mehr als die Hälfte der Energie aus dem Ausland. Rund 20 Prozent der Energie wird nuklear gewonnen, davon die Hälfte im eigenen Land, die andere Hälfte kommt aus Russland. Wie beim Gas will man die Abhängigkeit von Russland auch bei der Atomenergie herunterfahren: Im Jahr 2030 soll es keinen Import mehr geben, das Land will dann die gesamte Nuklearenergie selbst herstellen. Darüber hinaus soll ihr Anteil an der Gesamtenergie von 20 auf 36 Prozent steigen.

Um dies zu erreichen, will die Ukraine neue Atomkraftwerke bauen. Die Laufzeit der vier derzeit produzierenden Reaktoren endet in vier Jahren. Es gilt als sicher, dass sie verlängert wird. Das Land kann sich gar nicht leisten, alle Reaktoren stillzulegen. Erstens hat es noch keine Ersatzblöcke gebaut, zweitens gibt es bisher kein Budget für die teure Stilllegung. In zwei Jahren soll Baubeginn für fünf neue Reaktoren auf der Basis russischer Technik sein, bis 2030 sollen es 14 sein.

In der Atompolitik bleibt die Ukraine freilich hinter Russland zurück. Dort will man in den nächsten 25 Jahren 40 neue Meiler bauen, teilte Sergej Kirijenko, Chef des Atomkonzerns Rosatom, kürzlich mit. Der Anteil des Atomstroms am Energieverbrauch soll von 16 auf rund 25 Prozent steigen. Mit dem Ausbau hofft Moskau, mehr Erdgas und -öl für gutes Geld exportieren zu können.

Wie in Deutschland und anderen Atomenergie produzierenden Ländern ist die Entsorgung verbrauchter, strahlender Brennstäbe nicht gelöst. Ein Endlager ist nicht in Sicht, bisher hat man gerade mal eine Machbarkeitsstudie für ein Zwischenlager unterzeichnet, die eine amerikanische Firma erstellen soll.

Auch wenn die Ukraine neue Atomkraftwerke baut - die Brennstäbe kommen vorerst weiter aus Russland. Der Kreml wird wie beim Gas auch auf diesem Gebiet die Ukraine in seiner Abhängigkeit halten können. Als im Januar das Gas ausblieb, und man in der Ukraine stolz erklärte, man werde in Zukunft auf russisches Gas nicht mehr angewiesen sein, kursierten Gerüchte, wonach Moskau auch die Brennstäbe um das Fünf- bis Zehnfache verteuern wolle. Es nutzt vorerst wenig, dass die Ukraine in einem Pilotprojekt im südlichsten Kernkraftwerk im Nikolaiew-Gebiet Brennstäbe aus dem Westen testet. Dort wurden im vergangenen Jahr 40 wesentlich teurere derartige Brennstäbe verbraucht - ein Kernkraftwerk benötigt pro Jahr allerdings rund 1000.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.