Energiehunger Indien plant gigantisches AKW in Erdbebengebiet

Kaum ein Land baut so viele Atomkraftwerke wie Indien, denn der Energiehunger des Landes ist gigantisch. Mitten in einem Erdbebengebiet soll die größte nukleare Anlage der Welt entstehen. Die Katastrophe in Japan befeuert den Widerstand gegen das Projekt.

Von , Islamabad

Singh (r.) und Sarkozy: Frankreichs Areva-Konzern baut das größte AKW der Welt
AFP

Singh (r.) und Sarkozy: Frankreichs Areva-Konzern baut das größte AKW der Welt


Indien betreibt ein ehrgeiziges ziviles Atomprogramm. Angespornt von der wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte will das Land zur ökonomischen Großmacht aufsteigen. Dafür wird aber entsprechend viel Energie benötigt. Bis 2032 soll die Kernkraftwerksleistung von derzeit knapp fünf auf rund 64 Gigawatt steigen.

Premierminister Manmohan Singh bat internationale Kraftwerksbauer deshalb um Angebote: Er versprach "enorme Chancen", an einem wachsenden Markt teilzuhaben. Russland, Frankreich, die USA und selbst der ewige Konkurrent China mischen jetzt kräftig in Indien mit.

Doch nach der Katastrophe in Japan gibt es massiven Widerstand gegen ein Prestigeprojekt der Regierung: In Jaitapur, etwa 300 Kilometer südlich der der Millionenstadt Mumbai an der Arabischen See gelegen, soll das größte Atomkraftwerk der Welt entstehen. Nach Angaben des geologischen Dienstes der indischen Regierung kam es in dieser Region an der indischen Westküste aber allein zwischen 1985 und 2005 zu 92 Erdbeben. 1993 wurden die stärksten Erschütterungen mit einem Wert von 6,3 auf der Richterskala gemessen, berichtet die "Times of India". Vor zwei Jahren habe in nur 20 Kilometer Entfernung ein Erdbeben gegeben, bei dem Straßen verschwunden seien.

Ausgerechnet hier soll also das Kraftwerk der Superlative entstehen. Die Nuclear Power Corporation of India, ein staatliches Energieunternehmen, hat den französischen Areva-Konzern beauftragt, in dem Dorf Madban, nahe Jaitapur, insgesamt sechs Reaktoren mit jeweils 1650 Megawatt Leistung zu bauen. Mit einer Gesamtleistung von knapp zehn Gigawatt wäre es damit die leistungsstärkste Nuklearanlage der Welt. Im Dezember reiste Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach Indien, um höchstpersönlich das Abkommen zu unterzeichnen.

Bauern wehren sich gegen Landverkauf

Umweltaktivisten sind alarmiert: Erschütterungen könnten zu einer vergleichbaren Katastrophe wie in Japan führen, befürchten sie. Geologen warnen, es gebe "keine Garantie", dass sämtliche Schutzmaßnahmen ausreichten, um die Menschen vor einem GAU zu schützen. Zudem sei die Westküste Indiens ein "ökologisch besonders empfindliches Gebiet" und das Urlaubsparadies Goa nur 200 Kilometer entfernt. "Es ist besser, kein Atomkraftwerk in dieser seismischen Zone zu haben", zitiert die "Times of India" den Umweltschützer Pradeep Indulkar.

Bisherige lokale Proteste gegen das Atomkraftwerk Jaitapur richteten sich vor allem gegen die Landnahme durch die Regierung des Bundesstaates Maharashtra. Von rund 2300 betroffenen Bauern hatten bis zum Dezember nur hundert einem Verkauf ihres Landes zugestimmt, damit dort die Anlage entstehen kann. Die meisten befürchten, dass sie keine neue Bleibe finden würden, gäben sie ihr Land auf. Die Kompensationen für die Aufgabe der fruchtbaren Felder, auf denen Mangos und Cashewnüsse angebaut werden, seien "mickrig", erklärte Indulkar noch vor der Katastrophe in Japan.

Der französische Kraftwerksbauer Areva rechnete vor den Ereignissen in Japan noch damit, dass die beiden ersten Reaktoren spätestens bis 2018 ans Netz gehen können. Der Widerstand gegen den Bau dürfte jetzt aber wachsen, juristische Schritte die Sache verzögern. Außerdem konnte Indien die Finanzierung allein der ersten zwei Reaktoren um Wert von 9,3 Milliarden Dollar nur mit großen Mühen organisieren. Weitere Verzögerungen dürften den Bau verteuern oder womöglich unfinanzierbar machen.

Umweltminister verspricht weitere Sicherheitsmaßnahmen

Jetzt ist eine heftige Debatte entbrannt, ob das Kraftwerk nötig ist oder nicht. Internetnutzer Laddoo7 twittert, sollte es gebaut werden, sei das "ein weiterer Grund, aus Mumbai abzuhauen". Gaurav Pramanik aus Mumbai schreibt: "Wenn es in Japan passieren kann, was gibt uns das Selbstvertrauen, dass es nicht in Indien passieren wird?" Gurudutt Kamath twittert dagegen, Berichte über angebliche Erdbebengefahr in Jaitapur sei "Unsinn". Man sollte Wissenschaftlern größeres Vertrauen schenken als Politikern, fordert er.

Selbst in Indiens Regierung machen sich Zweifel breit. Bislang wurde Kritik an ihren nuklearen Projekten stets mit Verweis auf die wirtschaftliche Notwendigkeit zurückgewiesen. Doch jetzt sagte Umweltminister Jairam Ramesh, die nukleare Krise in Japan sein "ein Weckruf für Indien". Für die Anlage in Jaitapur würde man weitere Sicherheitsmaßnahmen treffen.

Von einem Verzicht auf das Projekt oder gar von einem Ausstieg aus der Atomenergie will er aber nichts wissen. Ein Sprecher der Atomenergiebehörde in Mumbai erklärte, man könne angesichts der wirtschaftliche Ambitionen Indiens nicht auf Kernenergie verzichten. "Schon jetzt leiden wir unter Strommangel, wie sollen wir dann erst die Bedürfnisse einer stark wachsenden Wirtschaft und ebenso stark wachsenden Bevölkerung befriedigen?"

Indien betreibt derzeit landesweit 20 Kernreaktoren und gehört damit schon jetzt zu den sechs größten Atomenergie-Nationen. Man sei stolz darauf, sagt der Sprecher der Atomenergiebehörde, "noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts das weltgrößte Kraftwerk zu betreiben". Derzeit ist noch die japanische Anlage Kashiwazaki-Kariwa mit sieben Reaktoren und einer Kapazität von 8,2 Gigawatt die Nummer eins. Allerdings war sie von 2007 bis 2009 stillgelegt - wegen eines Erdbebens.



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Seite 1
gutefisch 16.03.2011
1. ?
Zitat von sysopKein Land baut so viele Atomkraftwerke wie Indien, denn der Energiehunger des Landes ist gigantisch. Mitten in einem Erdbebengebiet soll die größte nukleare Anlage der Welt entstehen.*Die Katastrophe in Japan bfeuert den Widerstand gegen das Projekt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751242,00.html
Nach dem die zwangsweise Geburtenkontrolle in Indien jämmerlich fehlgeschlagen ist, ist das jetzt vielleicht ein neuer Versuch der Überbevölkerung herr zu werden?
MasaGemurmel 16.03.2011
2. Unbegreiflch
Schwer zu verstehen, daß ein Land wie Indien (mit viel Sonne und natürlicher Wäre) auf Kernenergie setzt. Wenn schon wir in Deutschland Stromüberkapazitäten haben, dank stark wachsender regerativer Energiequellen, dann hat ein Land am Äquator (viel Sonne, viel Thermisches Potential, viel Regen) Kernerbergie doch gar nicht nötig. Die Atomlobby macht eine vermeindlich "guten" Job :-( Da werden Kühlschränke an Inuit verkauft. .
TheBear, 16.03.2011
3. Ist doch richtig
Zitat von sysopKein Land baut so viele Atomkraftwerke wie Indien, denn der Energiehunger des Landes ist gigantisch. Mitten in einem Erdbebengebiet soll die größte nukleare Anlage der Welt entstehen.*Die Katastrophe in Japan bfeuert den Widerstand gegen das Projekt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751242,00.html
Ist doch richtig, bei der Riesenbevölkerung und der Geburtenrate, eine 1-Kind-Politik wie die Chinesen ist in Indien ja nicht drin.
nichtWeich 16.03.2011
4. ....
Zitat von MasaGemurmelSchwer zu verstehen, daß ein Land wie Indien (mit viel Sonne und natürlicher Wäre) auf Kernenergie setzt. Wenn schon wir in Deutschland Stromüberkapazitäten haben, dank stark wachsender regerativer Energiequellen, dann hat ein Land am Äquator (viel Sonne, viel Thermisches Potential, viel Regen) Kernerbergie doch gar nicht nötig. Die Atomlobby macht eine vermeindlich "guten" Job :-( Da werden Kühlschränke an Inuit verkauft. .
Blöd nur, dass Strom ständig verfügbar sein soll und nicht bloss wenn gerade die Sonne scheint.
zinobln, 16.03.2011
5. der napoleon-komplex
Zitat von sysopKein Land baut so viele Atomkraftwerke wie Indien, denn der Energiehunger des Landes ist gigantisch. Mitten in einem Erdbebengebiet soll die größte nukleare Anlage der Welt entstehen.*Die Katastrophe in Japan bfeuert den Widerstand gegen das Projekt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751242,00.html
kleine männer wollen zwanghaft immer das größte! kleiner franzose, kleiner inder, kleiner japaner und natürlich der kleine deutsche...etc. was dabei raus kommt und gekommen ist hat uns die vergangenheit bereits eindrucksvoll gezeigt. in der gegenwart passiert es gerade und die kleinen männer (mit ihren kleinen schw...und absatzschuhen daher auch ihr minderwertigkeitskomplexen) machen weiter.
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