SS-Massaker von Marzabotto Ein Ehrenbürger und sein dunkles Geheimnis

Die Gemeinde Engelsbrand verleiht einem der ihren eine Ehrenmedaille. Doch ein Italiener erkennt in dem Mann einen verurteilten Kriegsverbrecher, der am SS-Massaker von Marzabotto beteiligt war.

Von , Rom

Mahnmal für Opfer des SS-Massakers von Monte Sole di Marzabotto
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Mahnmal für Opfer des SS-Massakers von Monte Sole di Marzabotto


Nein, die Zeit heilt nicht alle Wunden. Als Valter Cardi das Foto aus der "Pforzheimer Zeitung" sah, brachen seine Wunden wieder auf.

Cardi, 67 Jahre alt, ist Rentner, Lokalpolitiker und Präsident einer Vereinigung, die verhindern will, dass die schlimmsten Gräueltaten deutscher Soldaten in Italien in Vergessenheit geraten.

Auf einem einsamen Berg, dem Monte Sole bei Marzabotto, nicht weit von Bologna entfernt, hatten Einheiten der SS und der Wehrmacht zwischen dem 29. September und dem 5. Oktober 1944 mindestens 770 Menschen auf bestialische Weise umgebracht - erschossen, erschlagen, mit Handgranaten zerfetzt. Viele Opfer waren Frauen und Kinder. Aus Cardis Familie ermordeten die deutschen Uniformträger ein Kind, das gerade 14 Tage alt war. Außerdem dessen Mutter, Bruder, Großeltern, vier Tanten. Alle waren gefährliche "Banditen", nach deutscher Lesart.

Einen der Täter sah Valter Cardi vorigen Donnerstag wieder. Ein Bekannter, ein Anwalt, hatte ihn angerufen und ihm den Zeitungsbericht mit Foto gesandt.

Darauf sieht man den jungen, freundlichen Bürgermeister der kleinen Schwarzwald-Gemeinde Engelsbrand, der einem freundlichen weißhaarigen Mann die Hand schüttelt, weil er ihm gerade eine "gemeindliche Auszeichnung" verliehen hat: für dessen "vielfältiges Engagement für die örtlichen Vereine und als langjähriges gewähltes Mitglied des Gemeinderates". Ein Ehrenbürger also, den auch die Zeitung entsprechend würdigt. Die Szene ist "etwa ein Jahr her", sagt Bürgermeister Bastian Rosenau.

Italien empört sich

Der Italiener Cardi, der erst jetzt davon erfährt, ist entsetzt. "Es ist ein Skandal, es ist absurd", empört er sich. Er schickte sogleich Briefe an die deutsche Kanzlerin und die deutsche Botschafterin in Rom. "Sie müssen etwas tun, Frau Merkel!", hat er geschrieben, "das geht doch nicht!" Die Kanzlerin, so Cardis Wunsch, möge am Jahrestag des Gemetzels nach Marzabotta kommen, so wie Johannes Rau im April 2002, als der damalige Bundespräsident sich für das Verbrechen entschuldigte.

Mit Cardi empören sich nun viele in Italien, alle Medien berichten darüber. Einhelliger Tenor: Das darf ja wohl nicht wahr sein!

Etliche Appelle sind in Berlin angekommen oder noch auf dem Weg, von der Regionalregierung der Emilia-Romagna zum Beispiel und von Parlamentariern. Im Parlament steht zudem eine Dringlichkeitssitzung des Auswärtigen Ausschusses an, anberaumt von den regierenden Sozialdemokraten, um wieder einmal das Verhältnis Deutschlands zu den Kriegsverbrechen seiner Soldaten zu diskutieren.

Und "auch in Berlin ist das inzwischen ein Thema", hat der Engelsbrander Bürgermeister erfahren. Überall herrsche jetzt Aufregung.

Mit Recht. Denn der geehrte brave Bürger Wilhelm Ernst Kusterer, geboren am 8. Februar 1922 in Salmbach, ist wohl tatsächlich - falls nicht eine Verwechslung mit einem Mann gleichen Namens, gleichen Geburtstags und Geburtsorts vorliegt - ein verurteilter Kriegsverbrecher.

In Italien jedenfalls.

Nachdem ihn das Militärgericht in La Spezia noch freigesprochen hatte, verurteilte ihn das Berufungsgericht in Rom wegen schweren und mehrfachen Totschlags zu lebenslanger Haft. Außerdem soll er Schadensersatz an die Hinterbliebenen leisten.

Kusterer war, wie fast alle Angeklagten in den italienischen Kriegsverbrecherprozessen gegen Deutsche, der Verhandlung ferngeblieben und hatte sich durch einen Anwalt vertreten lassen. Das Urteil ist seit 2008 rechtskräftig. Kusterer hat weder Widerspruch eingelegt noch Schadensersatz gezahlt, und er hat die Strafe nie angetreten.

Daheim ein unbescholtener Mann

Seine weiße Weste daheim hat von alledem offensichtlich keine Flecken bekommen. "Wir wussten ja nicht, dass Herr Kusterer Kriegsverbrechen begangen haben soll", sagt der beliebte parteilose Bürgermeister, der mit knapp 90 Prozent der Stimmen wiedergewählt wurde und seine Gemeinde an sich gut kennt. "Es gab keine Vorwürfe, keine Erkenntnisse."

Erst jetzt, seit vergangenem Freitag genau genommen, "gehen hier Fragen ein, ob das denn stimmt, ob wir die Ehrung zurücknehmen - aber wir müssen uns jetzt erst einmal selber informieren". Das Verfahren in Italien, das Urteil, nichts davon ist in der Heimat angekommen. Keiner weiß etwas, nirgendwo ein Hinweis.

An die Strafverfolgungsbehörden will die Gemeinde sich nun wenden. Es könnte gut sein, dass sie von diesen schnell und umfassend informiert wird. Denn die deutschen Behörden haben die italienischen Verfahren gegen deutsche Kriegsverbrecher genauestens verfolgt - meist ohne selbst tätig zu werden. Und eine Auslieferung deutscher mutmaßlicher Täter für im Ausland begangene Taten ist für solche Fälle nicht vorgesehen.

Lustlose deutsche Justiz

Wenn es gelegentlich einen Prozess gab, so ging der meist daneben. So wie bei der juristischen Aufarbeitung des Massakers im toskanischen Sant'Anna di Stazzema. Dort waren am 12. August 1944 mehr als 400 Menschen - ältere Männer, Frauen, viele Kinder - ermordet und ihre Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt worden. In Italien wurden dafür zehn SS-Schergen zu lebenslanger Haft verurteilt. Freilich auch diese in Abwesenheit. In Deutschland ermittelte die Staatsanwaltschaft zwar, aber eher lustlos.

In Stuttgart wurde das Verfahren 2012 eingestellt, weil der Tatnachweis sowieso nicht mit genügender Sicherheit erbracht werden könne. Dann ermittelte die Hamburger Staatsanwaltschaft weiter und stellte 2015 das Verfahren endgültig ein. Obwohl der einzig verbliebene Angeklagte "mit hoher Wahrscheinlichkeit wegen grausamen und aus niedrigen Beweggründen begangenen Mordes anzuklagen wäre", so die Begründung, sei er "aufgrund einer tiefgreifenden Demenzerkrankung dauerhaft verhandlungsunfähig".

Gegen die Täter von Marzabotto wurde in Deutschland offenbar gar nicht erst ermittelt. So konnte Wilhelm Kusterer ein schönes, langes, unbehelligtes Leben in der deutschen Provinz führen. Ein kleines Museum soll er aufgebaut, ein Mundart-Buch geschrieben haben. Zu erreichen war er für SPIEGEL ONLINE nicht.



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