Entführter Deutscher in Nigeria Tod im Terroristen-Versteck

Tragisches Ende einer Geiselnahme: Bei einer Anti-Terror-Mission durch die nigerianische Armee wurde ein entführter deutscher Ingenieur in dem belagerten Versteck in Nordnigeria durch seine Peiniger kaltblütig getötet. Hinter seiner Entführung steckt al-Qaida.

Wochenmarkt in Kano: Drama in Nordnigeria
dapd

Wochenmarkt in Kano: Drama in Nordnigeria

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Berlin - Bei einem Zugriff auf ein Versteck von Terroristen durch die nigerianische Armee ist ein seit vier Monaten entführter deutscher Ingenieur durch seine Peiniger getötet worden. Sicherheitsbeamte berichteten, die Sondereinheit "Joint Task Force" (JTF) habe am Donnerstagmorgen versucht, ein zuvor ausgemachtes Versteck von Terroristen in der Nähe der Universität der Stadt Kano zu stürmen. Der Zugriff habe auf ein Treffen mehrerer Kommandeure von lokalen Qaida-Ablegern gezielt. Dass sich der entführte Deutsche Edgar R. ebenfalls in dem Gebäude befand, sei nicht bekannt gewesen.

Schon bevor die schwer bewaffneten Soldaten in das Versteck der mutmaßlichen Terroristen eindringen konnten, wurde der Deutsche offenbar von seinen Kidnappern kaltblütig erschossen. Erst nachdem die Soldaten das Gebäude nach längeren Schusswechseln und mehreren Explosionen eingenommen und insgesamt fünf mutmaßliche Terroristen getötet hatten, fanden sie auch die Leiche der deutschen Geisel. An den Händen gefesselt war Edgar R. nach ersten Erkenntnissen bei Beginn der Militäraktion durch die Kidnapper getötet worden.

Das Auswärtige Amt (AA) konnte den Tod des Deutschen, einem Ingenieur der Baufirma Bilfinger Berger, zunächst nicht bestätigen. Man arbeite intensiv an der Klärung des Falls, hieß es nach dem Erscheinen der ersten Meldungen aus Nigeria. Das Ministerium bestätigt den Tod von deutschen Staatsbürgern grundsätzlich erst, wenn ein Mitarbeiter der Botschaft vor Ort eine eindeutige Identifizierung vorgenommen hat. In deutschen Sicherheitskreisen hieß es aber schon gegen Mittag, es gebe kaum Zweifel an den Berichten über die gescheiterte Befreiungsaktion im Norden Nigerias.

Video markierte dramatische Wende

Edgar R. war Ende Januar 2012 von drei Unbekannten von einer Baustelle in Kano verschleppt worden, dort arbeitete er im Auftrag von Bilfinger Berger für eine lokale Baufirma. Der Ingenieur aus dem Main-Tauber-Kreis in Baden-Württemberg war bereits seit längerer Zeit in Nigeria tätig, auf seiner Facebook-Seite hat er die Stadt Kano sogar als Wohnort angegeben. Entführungen von Ausländern gehören in dem von Unruhen und politischen Machtkämpfen erschütterten Land zur traurigen Routine, meist aber konnten die westlichen Arbeitgeber die Geiseln durch Lösegeldzahlungen recht schnell wieder aus der Hand der Kidnapper befreien.

Spätestens seit Ende März aber war der Krisenstab im Auswärtigen Amt wegen der Verschleppung von Edgar R. tief beunruhigt. So tauchte auf islamistischen Websites ein Drohvideo eines afrikanischen Ablegers der Terrororganisation al-Qaida auf, in dem Edgar R. an den Händen gefesselt vor einer Gruppe von bewaffneten und maskierten Männern zu sehen ist. Das Video, auf dem der Deutsche in seiner eigenen Sprache und auf Englisch um sein Leben fleht, markierte eine dramatische Wende des Falls. Statt mit Kriminellen, so die Analyse der Experten, hatte man es nun mit einer politisch motivierten Entführung zu tun. Eine schnelle Lösung des Falls erwartete nun niemand mehr.

Zeitgleich mit dem Video nannte der Ableger von al-Qaida auch konkrete Forderungen. So sollte die Bundesregierung die Ehefrau eines in Deutschland zu einer hohen Haftstrafe verurteilten Terroristen aus der Haft entlassen. Dabei handelte sich um Filiz Gelowicz, Ehefrau von Fritz Gelowicz, der wegen seiner Beteiligung an den Terrorplanungen in der sogenannten Sauerlandgruppe in Haft sitzt.

Fahnder stehen vor einem Rätsel

Seine Frau saß zu diesem Zeitpunkt wegen Verbreitung von Terrorpropaganda eine zweieinhalbjährige Gefängnisstrafe ab. Ihr Fall war zuvor mehrmals in Propagandavideos thematisiert worden, da sie unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt sei. Sie selber hatte diese Vorwürfe kurz darauf öffentlich dementiert.

Bis heute rätseln die Fahnder, wie die Entführergruppe speziell auf den Fall von Filiz Gelowicz aufmerksam wurde und warum sie deren Freilassung plötzlich als konkrete Forderung für ihre deutsche Geisel nannten. Möglich erscheint, dass der Qaida-Ableger die Geisel von einer kriminellen Gruppe abgekauft hatte und dann für ihre Propaganda einsetzen wollte. In jedem Fall aber beweist der Vorgang für die Experten, dass die zerstreuten Gruppen, die mit al-Qaida sympathisieren, durch das Internet mittlerweile weltweit Informationen austauschen.

Unabhängig von dem Video wurde Filiz Gelowicz wenig später regulär aus der Haft entlassen, da sie bereits einen Großteil der Strafe abgesessen hatte. In Nigeria wurde Anfang Mai in einer Zeitung eine Anzeige geschaltet, die sowohl die Freilassung vermeldete und die Entführer aufforderte, nun auch den deutschen Ingenieur aus der Geiselhaft zu entlassen. Bewegung kam jedoch auch dadurch nicht in den Fall.

Für Experten symbolisiert der Fall, wie gefährlich die Terrorgruppe "al-Qaida des islamischen Maghreb" (AQIM) mittlerweile ist. Der Terror-Ableger war aus der "Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf" in Algerien hervorgegangen und terrorisiert seitdem die gesamte Sahel-Region. Schätzungen zufolge hat die Gruppe zwischen 500 bis 2000 Mann unter Waffen. Aufgerüstet worden sind die Kämpfer ironischerweise aus dem Westen: Durch Dutzende von Entführungen heimsten einzelne Kommandos der AQIM rund 150 Millionen Euro ein, mit dem Geld sollen sie sich sogar Boden-Luft-Raketen aus Libyen beschafft haben. Westliche Geheimdienste sehen die AQIM deswegen als ernste Bedrohung in der Region.



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