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Entführtes Waffenschiff: Diskreter Deal für einen kleinen Krieg

Von Horand Knaup

Die US-Depeschen klären eine der rätselhaftesten Waffenhandelaffären der vergangenen Jahre auf. 2008 entführten Piraten vor Somalia einen Frachter voller Kampfpanzer und anderem Kriegsgerät - offenbar wollte Kenia die Ladung an Rebellen im Südsudan liefern. Dann kam alles anders als geplant.

US-Memos zur "Faina": Das mysteriöse Panzerschiff Fotos
AP

Manchmal ist die Welt so schlecht, dass es schon wieder lustig wird. Zum Beispiel, wenn Verbrecher Waffenschieber überfallen, wenn daraufhin Politiker lügen und dann von vermeintlichen Freunden im Stich gelassen werden - die insgeheim dasselbe machen.

So lief es in der rätselhaftesten Waffenaffäre der vergangenen Jahre - die sich nun mit Hilfe geheimer US-Dokumente aufklären lässt. Es geht um den Fall "Faina".

Am 25. September 2008 kaperten somalische Piraten das harmlos aussehende Frachtschiff dieses Namens auf dem Weg von der Ukraine in den kenianischen Hafen Mombasa. Sie staunten nicht schlecht, als sie an Bord heiße Ware entdeckten: jede Menge Waffen aus der Ukraine, vor allem 33 Kampfpanzer vom Typ T-72, jeder rund 40 Tonnen schwer - genug, um in Afrika einen kleinen Krieg zu gewinnen. Und so ließen die Piraten in ihren Badelatschen einen Geheimdeal auffliegen, noch verruchter als ihr eigenes Geschäft.

Nach fast fünf Monaten kam die "Faina" wohl gegen 3,2 Millionen Dollar Lösegeld frei und traf am 12. Februar 2009 im Hafen von Mombasa ein. Die kenianische Regierung dementierte alle Mutmaßungen, die Panzer seien in Wahrheit für den christlichen Südsudan bestimmt. Den will die Rebellentruppe SPLA vom muslimischen Norden des Landes abspalten - ein Krisengebiet also. Deshalb behaupteten die Kenianer, die Panzer seien für ihre eigene Armee bestimmt.

Plötzlich drohen die Amerikaner mit Sanktionen

Aber US-Dokumente belegen nun, dass das nicht stimmte. Noch während die Piraten die "Faina" festhielten, vollzog sich im fernen Washington ein Machtwechsel. Präsident George W. Bush ging, Barack Obama kam.

Am 27. November erging, versehen mit dem Vermerk "Geheim", Anweisung an die US-Botschaft in Nairobi mit einem eindeutigen Auftrag:

"Setzen Sie die kenianische Regierung von den ernsten Sorgen in Kenntnis, die sich die US-Regierung und die internationale Gemeinschaft machen über den destabilisierenden Effekt, den die heimliche Lieferung schweren militärischen Geräts und leichter Waffen für die ganze Region bedeuten kann. Sagen Sie der kenianischen Regierung, dass Waffenlieferungen an den Sudan von Seiten der USA Sanktionen gegen den Lieferanten nach sich ziehen würden."

Am 15. und 16. Dezember machen sich Botschafter Michael Ranneberger und hohe Militärs der US-Vertretung an die Arbeit. Ranneberger stößt sofort auf Widerstand, wie er in einem Schreiben am 16. Dezember 2009 zurückmeldet: Bei seinem Treffen mit Kenias Premierminister Raila Odinga weist der ihn darauf hin, "dass sich die kenianische Regierung bereit erklärt hat, GOSS (Government of Southern Sudan) zu unterstützen, und dass es 'energischen Druck' von GOSS gebe, die Panzer zu liefern. Er schlug vor, dass die kenianische Regierung die Panzer nach Uganda liefern könnte und dann von dort in den Südsudan".

Ranneberger macht dem Premier seinerseits klar, dass Washington solchen Schmu nicht dulden würde. Jede Weitergabe der Panzer, sei es via Uganda oder anderweitig, könne zu Sanktionen gegen Kenia führen.

Die US-Position überrascht die Kenianer

Das erwischt die Kenianer kalt. Denn die Regierung Bush war immer informiert und hatte nie etwas dagegen, dass Kenia die SPLA-Guerilla aufrüstete - sie machte sogar mit. In einem Treffen des US-Militärattachés David McNevin mit dem kenianischen Generalstabschef Jeremiah Kianga und dem Chef der Militärischen Aufklärung Philip Kameru fallen deutliche Worte.

"Kameru sagte, dass aus kenianischer Sicht die Panzer der GOSS gehörten. Er fügte hinzu, dass (Kenias Präsident Mwai) Kibaki persönlich ausgesprochen verärgert sei über den Fall. In dem Treffen sagte Kianga, dass die kenianische Regierung 'sehr irritiert' sei über unsere Position … nachdem die letzten Lieferungen alle in Abstimmung mit den USA erfolgt seien. Kianga fragte nach den Gründen für den aus seiner Sicht erheblichen politischen Kurswechsel. Er bat die USA, der südsudanesischen Regierung doch direkt zu erklären, warum sie die Panzerlieferung stoppen."

Ganz offenkundig fühlt sich auch Botschafter Michael Ranneberger, noch eingesetzt von der Bush-Regierung, nicht wohl in seiner Haut. Vorsichtig kabelt er nach Washington:

"Die kenianische Regierung ist verständlicherweise irritiert, weil der Transfer der Panzer doch den Zielen der USA entspricht … die SPLA von einer Guerillaarmee zu einer kleinen konventionellen Truppe umzubauen, die Juba (Hauptstadt der Rebellen) auch verteidigen kann."

Der US-Diplomat wirbt um Verständnis für die Position Kenias:

"In den vergangenen zwei Jahren haben uns die Offiziellen des Verteidigungsministeriums alle Einzelheiten ihres Engagements mit der SPLA offengelegt, so wie wir ihnen unser Trainingsprogramm für die SPLA gezeigt haben, einschließlich des Schießtrainings für Soldaten, entsprechend der Präsidenten-Direktive vom Mai 2007 … Es ist schwierig, den Kenianern beizubringen, dass die Überstellung des Geräts an die SPLA Sanktionen nach sich zieht, wenn sie gleichzeitig sehen, dass die USA ihre Militärhilfe an die SPLA unverändert fortsetzen."

Was aus den Panzern wurde, geht aus den US-Dokumenten nicht hervor. Experten glauben, dass sie durch den Südsudan rollen.

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Forum - Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
insgesamt 1160 Beiträge
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1.
Ty Coon, 04.12.2010
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
Sehr viel. Vertrauliche Gespräche sind die Grundlage der Diplomatie. Wenn es allerdings darum geht, verbrecherische Machenschaften aufzudecken, dann sind solche Plattformen wie WikiLeaks legitim.
2. ...bestenfalls
eikfier 04.12.2010
Zitat von sysopDie Online-Plattform WikiLeaks stellt immer wieder geheime Dokumente ins Netz. Die Regierungen in den USA und Frankreich versuchen nun mit Macht, die Betreiber aus dem Web zu verbannen. Wie viel Geheimnis verdient die Politik?
...die Frage ist natürlich völlig berechtigt? Schließlich hat kein Geringerer als unser späterer Bundespräsident Gustav Heinemann mal geseufzt:"...regiere du mal dieses Welt!" - und meinte damit sicherlich auch unsere gehaßt-geliebten und in jedem demokratischen Falle dringend benötigten Journalisten, ist meine Meinung - Wer den Journalisten nicht nur in Gedanken, sondern tatsächlich einen Maulkorb umhängt, dem geht´s mindestens so wie Kaiser WilhelmII. in der bekannten "Feuerzangenbowle", wenn er nicht sogar Micky-Leaks zu ungeahnter Popularität verhilft - ein bißchen schlimm, ein bißchen doof, ein bißchen lächerlich, denke ich bestenfalls...
3. Wieviel Wahrheit traut man dem Souverän zu?
Sharoun 04.12.2010
Aus teilweise nachvollziehbaren Gründen trauen Exekutive und Legislative ihrem Wahlvolk nicht über den Weg. Allright; das sollte dann aber auch so benannt werden und nicht die übergroße Fahne einer allgegenwärtigen Mitbestimmung -verwirklicht in dieser und durch diese Gesellschaft- geschwenkt werden. Denn das ist nur noch Verhöhnung!
4. PayPal Konto gelöscht
sieben777 04.12.2010
Wir Internet-Nutzer sind nun gefragt. Wehren wir uns gegen dieses Doppelmoral-System? Warum beachten jetzt plötzlich PayPal und Amazon ihre eigenen AGBs? Warum funktioniert die Löschung der verschiedenen Webseiten von Wikileaks so zügig aber bei den der Kinderporno Seiten denn nicht??? Da kann etwas nicht stimmen.
5. Paypal, DNS, Hosting für Wikileaks abgestellt.
maximillian64 04.12.2010
Die sukzesive Verabschiedung der USA von der Meinungsfreiheit ist wie jede Aufgabe von Grundrechten im Tausch gegen Sicherheit ist ein Punktsieg der Kräfte mit all den Gesetzten eigentlich Bekämpft werden sollen. Das Internet ist heute nur noch für cyber- und echte- krimminelle und wirklich frei. Was meinen die Strafverfolger, Politiker und Serviceprovider in den USA den wo WikiLeaks demnächst gehostet wird und spenden einsammelt? Wenn der Druck so weiter aufrecht erhalten wird wird auch die Schweiz und andere Nationen dem Portal die Gastfreunschaft kündigen. Wikileaks wird dann wohl bald bei den gleichen Providern gehostet die Heute bereits Al Quaida Blogs und deren Paymentprovider hosten? Verkehrte Welt!
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