Entführung irakischer Leibwächter Der mysteriöse Überfall auf die Bodyguards

War es eine Todesschwadron der Schiiten oder diente der Überfall zur Vorbereitung von Geiselnahmen? Sicher ist nur: Von den in Bagdad gekidnappten Mitarbeitern einer sunnitischen Sicherheitsfirma fehlt jede Spur.

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Bagdad - Nach zwei Stunden war der Spuk in Zayuna, einem Stadtteil im Osten Bagdads, vorbei. Zwei Stunden, in denen angeblich kein Schuss fiel, aber dennoch 33 Mitarbeiter der privaten Sicherheitsfirma al-Rawafid von Bewaffneten als Geiseln genommen wurden.

Gebäude des Sicherheitsunternehmens: War der Überfall ein Racheakt der Schiiten?
AFP

Gebäude des Sicherheitsunternehmens: War der Überfall ein Racheakt der Schiiten?

Seitdem wird gerätselt, werden hinter dem Überfall auf das Unternehmen in dem von Sunniten, Schiiten und Christen bewohnten Vorort steckt. Gegen 16.30 Uhr Ortszeit waren nach Angaben von Augenzeugen rund 25 Bewaffnete in weißen Pick-Ups, wie sie die Sicherheitskräfte des von Schiiten geführten irakischen Innenministeriums benutzen, vorgefahren und in das Gebäude gestürmt.

Die 33 Mitarbeiter der Firma sollen nach Angaben der "New York Times" keine Gegenwehr geleistet haben, weil die Bewaffneten auch mit Uniformen bekleidet gewesen sein sollen, wie sie irakische Polizisten tragen. Sie hielten den Überfall deshalb offenbar für eine Operation der Sicherheitskräfte der Übergangs-Regierung.

Drei der Leibwächter seien bei dem Überfall verwundet worden und hätten fliehen können, wurde Ahseen Mohammed Saeed von der Polizei in Bagdad in der "Washington Post" zitiert. Die übrigen Bodyguards wurden mit vorgehaltenen Pistolen zum Mitkommen gezwungen und in die Pick-Ups geladen, mit denen die Geiselnehmer dann davonbrausten. Seitdem hat sich ihre Spur verloren.

Dass es sich tatsächlich um eine Razzia von irakischen Sicherheitskräften gehandelt haben könnte, stritt Polizeigeneral Raschid Flaih gegenüber der Nachrichtenagentur AP ab. "Es gab keine Ministeriumsanordnung zur Festnahme dieser Männer", beteuert er. Es sei merkwürdig, dass so viele Sicherheitsleute hätten entführt werden können, ohne dass ein Schuss gefallen sei. Vize-Innenminister Ali Ghaleb sagte, die Ermittlungen seien auf höchster Ebene angesiedelt.

Bei dem Überfall sollen die Täter auch Waffen der Bodyguards, Computer-Equipment, Dokumente und einen mit Bargeld gefüllten Safe mitgenommen haben. Das Unternehmen ist für die Sicherheit der irakischen Mobiltelefongesellschaft Irakna verantwortlich.

Das Sicherheitsunternehmen gehört einem Verwandten des sunnitischen Scheichs Ghazi al-Yawer, einem der beiden irakischen Vizepräsidenten. Unter den entführten Mitarbeitern sollen auch viele ehemalige Mitglieder der Leibgarde von Ex-Diktator Saddam Hussein sein. Manche waren angeblich auch hoch dekorierte Offiziere von Saddams Armee.

Seit dem Anschlag auf die schiitische Moschee in Samarra im vergangenen Monat kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten. Möglicherweise war also auch dieser Überfall eine Racheaktion.

Führende Sunniten werfen der von den Schiiten geführten Übergangsregierung und den Polizeikräften seit längerem vor, Todesschwadronen gegen sie einzusetzen. Die Schiiten behaupten dagegen, bei vielen Attacken von Extremisten und anderen Kriminellen seien gestohlene Uniformen und Fahrzeuge der Regierungstruppen benutzt worden.

Wenige Stunden vor dem Überfall auf das Sicherheitsunternehmen fanden amerikanische Soldaten in Amariya, einem sunnitischen Distrikt in West-Bagdad, einen Kleinbus mit den Leichen von 18 ermordeten Irakern gefunden. Ein Polizeisprecher in Abu Ghureib teilte mit, einige der Männer seien mit Seilen erwürgt, andere erschossen worden. Die Hände der Opfer waren gefesselt, ihre Augen verbunden. Mindestens vier der Getöteten sollen Sunniten gewesen sein.

Doch neben den Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten gibt es noch einen weiteren möglichen Grund für den Überfall auf das Sicherheitsunternehmen: Denn die Kidnapper sollen auch die Kundenkarten der Firma mitgenommen haben. So könnten Banden an die Namen von Menschen kommen, die genug Geld für Bodyguards haben und damit potenzielle Opfer von Entführungen oder Erpressungen sind.

Seitdem es immer häufiger Überfälle auf Ausländer gibt, ist die Zahl der Sicherheitsunternehmen im Land gestiegen. Al-Rawafid ist eine von inzwischen 350 solcher Firmen in Bagdad. Hier schließt sich der Kreis der Verdächtigungen wieder: Denn Innenminister Bayan Jabr wolle seit längerem die Kontrolle über diese Unternehmen haben, berichtet die BBC.



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