Gaza-Konflikt Israels heikle Hannibal-Direktive

Israel fürchtet bei der Offensive im Gazastreifen kaum etwas so sehr wie die Entführung eigener Soldaten. Also opfert die Armee lieber ihre eigenen Leute, als sie der Hamas in die Hände fallen zu lassen.

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Von Ulrike Putz


Auf den ersten Blick war es eine Propagandalüge der schlechteren Art: Als ein Sprecher der Kassam-Brigaden der Hamas am Sonntagabend in einer Fernsehansprache bekannt gab, seine Truppe habe einen israelischen Soldaten namens Schaul Aaron in ihre Gewalt gebracht, musste er gewusst haben, dass die Mär nicht lange leben würde.

Und tatsächlich konnte Israel nach nur wenigen Stunden Entwarnung geben. Kein Soldat wurde vermisst, die Behauptung der Hamas sei "unwahr", schmetterte Israels Uno-Botschafter Ron Prosor die Geschichte ab.

Hinter der so leicht zu entlarvenden Lüge der Hamas steckte dennoch Kalkül.

(Update: Diese Darstellung entspricht in Teilen nicht der Faktenlage. Siehe dazu die Anmerkung unten)

Der Schreck, der die Führung in Jerusalem und viele Israelis erfasste, als sie von der angeblichen Entführung hörten, sollte Militärs und Zivilisten eines in Erinnerung rufen: Auch wenn Israel der Hamas haushoch überlegen ist, können die Radikalislamisten dem jüdischen Staat erheblichen Schaden zufügen. Sie müssen dazu nur eine der "ultimativen strategischen Waffen der Hamas" in die Hände kriegen. Den Begriff prägte die israelische Armee selbst - gemeint sind gekidnappte israelische Soldaten.

Tatsächlich würde ein solcher Vorfall nicht nur den Verlauf des jetzigen Waffengangs beeinflussen. Er würde das Machtverhältnis zwischen Jerusalem und der Hamas auf Jahre verschieben. Israel garantiert seinen Soldaten, alles in seiner Macht stehende zu tun, um sie im Falle einer Entführung nach Hause zu holen. Ein entführter Israeli wäre der Hamas deshalb ein äußerst wertvolles Faustpfand. Im Gegenzug für seine Freilassung könnte sie Israel zu Zugeständnissen zwingen, die Jerusalem unter anderen Umständen niemals machen würde.

Besser tot als entführt

Um sich nicht erpressbar zu machen, versucht Israel, Entführungen zu verhindern - wenn es sein muss, um jeden Preis. Seit den späten Achtzigerjahren geht die Armee bei versuchten Kidnappings deshalb nach der umstrittenen "Hannibal-Direktive" vor. Vorgesetzte sollen dabei eher den Tod als die Entführung eines Untergebenen in Kauf nehmen. Die Anweisung sieht vor, dass Soldaten auf Feinde schießen, die einen Kameraden in ihrer Gewalt haben - auch wenn dies das Leben des Israelis gefährden könnte.

Die "Hannibal-Direktive" wird selten öffentlich diskutiert. Doch nach dem Gaza-Krieg 2008/2009 meldete sich der Oberstleutnant der Golani-Elitetruppe zu Wort. Er erwarte von seinen Männern, dass sie eher Selbstmord begehen, als sich gefangen nehmen zu lassen, sagte Schuki Ribak, der damals das 51. Bataillon kommandierte.

Er habe seinen Soldaten vor ihrem Einsatz klare Anweisung gegeben, dass kein einziger von ihnen jemals gekidnappt werden dürfe. "Auch wenn das heißt, dass er sich und diejenigen, die ihn schnappen wollen, mit seiner Granate in die Luft jagt. Auch wenn das heißt, dass seine Einheit eine Salve auf das Auto abfeuert, in dem sie ihn wegschaffen wollen."

Ein Soldat gegen 1027 Häftlinge

Ribaks Äußerungen wurden in Israel mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen: Da alle Männer und Frauen Militärdienst leisten müssen, könnte jeder einzelne von der angesprochenen Direktive betroffen sein. In den vergangenen Jahren gab es im Land immer wieder Diskussionen darüber, ob es sinnvoll und moralisch vertretbar ist, für die Heimkehr eines einzelnen Israelis viele Terroristen freizulassen und damit das Gemeinwohl zu gefährden. Dutzende junger Rekruten haben inzwischen ein Dokument unterschrieben, mit dem sie den Staat von der Pflicht befreien, alles für ihre Heimkehr zu tun.

Letztes Beispiel für einen entsprechenden Deal mit der Hamas war die Freilassung des 2006 an der Grenze zum Gazastreifen gekidnappten Gefreiten Gilad Schalit. Der junge Mann wurde fünf Jahre lang gefangen gehalten. Mehrere Befreiungsversuche der Armee misslangen. Schließlich musste sich Jerusalem auf einen von Deutschland und Ägypten eingefädelten Handel mit der Hamas einlassen, bei dem im Gegenzug für die Freilassung Schalits 1027 palästinensische Häftlinge frei kamen. Unter ihnen waren mehrere, die als Terroristen und mehrfache Mörder verurteilt worden waren. Die Regierung in Jerusalem gab damals an, die Freigelassenen seien insgesamt für den Tod von 569 Israelis verantwortlich.

2008 hatte Israel einen ähnlichen Tauschhandel mit der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah vollzogen. Damals ließ die Regierung im Gegenzug für die Rückführung der Leichen zweier israelischer Soldaten fünf Gefangene frei - auch unter ihnen war ein des Massenmords schuldig befundener Terrorist. Zudem übergab sie die sterblichen Überreste von 200 getöteten Hisbollah-Kämpfern.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat die israelische Armee eingeräumt, dass sie doch einen Soldaten vermisst. Es ist unklar, ob er noch lebt. Mehr dazu hier.

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