Entführungen in Nigeria Fluch des schwarzen Goldes

Ein entführter Deutscher in Nigeria ist frei, von einem anderen fehlt seit Tagen jede Spur. Rund um die Ölquellen ist ein Entführungsgeschäft entstanden, an dem die Großkonzerne nicht unschuldig sind. Die Regierung könnte blutig zurückschlagen.

Von Sönke Klug


Hamburg - Das Zählen wird mittlerweile schwierig. Allein in den vergangenen zwei Wochen sind im Nigerdelta bei fünf Entführungen mindestens 16 Ausländer verschleppt worden. "Dieses Ausmaß an Entführungen ist neu, und es wird sicher noch wachsen", sagt der Nigeria-Experte Dirk Kohnert, stellvertretender Leiter des Hamburger Afrika-Instituts.

Politik und Geschäft untrennbar verwoben: Milizionäre der Niger Delta Volunteer Force in ihrem Lager
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Politik und Geschäft untrennbar verwoben: Milizionäre der Niger Delta Volunteer Force in ihrem Lager

Seine Prognose wird nahezu jeden Tag belegt. Heute wurde erneut ein ausländischer Mitarbeiter einer Ölfirma verschleppt, der mit seinem Auto im Nigedelta unterwegs war. Zu seiner Nationalität liegen bislang keine Angaben vor.

Das Auswärtige Amt warnt jetzt vor Reisen in eine Region, die fast so groß ist wie Nordrhein-Westfalen. In den Bundesstaaten an der Nigermündung hätten sich in den vergangenen Jahren mindestens zwanzig Rebellengruppen gebildet, die zuletzt immer häufiger Ausländer entführten, so Kohnert. Deutsche, Norweger, Ukrainer, Südkoreaner, Philippiner - oft kommen die Geiseln nach wenigen Tagen wieder frei. So wie ein am Sonntag entführter Deutscher, der aus einem Nachtclub in Port Harcourt verschleppt worden war.

Die Rebellen fordern meist nicht oder nicht nur Lösegeld. Politik, Geschäft und Gewalt sind hier untrennbar verwoben. "Häufig sind es Forderungen nach mehr Beteiligung an den Öleinnahmen für die Menschen der Region", sagt Kohnert. Zwar hänge "der größte Teil der nigerianischen Staatseinnahmen vom Öl ab" - doch da, wo das Öl herkommt, kommt das Geld nicht an.

Als in den sechziger Jahren das Geschäft mit dem Öl begann, zog der Boom Großkonzerne ins Land, heute bestimmen zum Beispiel Shell und Exxon das Geschäft mit dem schwarzen Gold. Anfangs flossen fünfzig, heute nur rund zehn Prozent der staatlichen Öleinnahmen zurück in das Nigerdelta. "Absolut ist der Betrag zwar sogar gestiegen, trotzdem lebt der größte Teil der Bevölkerung in krasser Armut", sagt Dirk Kohnert. Zusätzlich belasten Umweltschäden durch die Ölförderung Landwirtschaft und Fischerei.

"Keine Zukunft"

Die Armut ist in Nigeria allgegenwärtig. Im Nigerdelta ist sie besonders bitter, aber auch in den Slums der ehemaligen Hauptstadt Lagos ist das Überleben alltäglicher Kampf. Die Dortmunder Studentin Nicole Scherschun arbeitet dort in einem Projekt der Entwicklungszusammenarbeit. In ihrem Internet-Tagebuch schreibt sie: "Weißer Dunst liegt über den Slums. Irgendwo dort wird an mehreren Stellen Müll einfach verbrannt. Die Häuserbuden stehen dicht zusammen, zusammengezimmert aus alten Brettern und aufgesetzten Wellblechdächern. Alles ist grau, selbst die Menschen die durch die schmalen Gassen laufen, von Staub und Dreck bedeckt. Kleine Kinder, in Fetzen gekleidet, und staubigen Gesichtern, Füßen und Händen, rennen durch die Gassen oder sitzen auf dem Boden vor den Buden. Keine Zukunft steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Wenn du Glück hast, überlebst du die Kindheit."

Kohnert nennt es den "Ressourcenfluch". Wo viel zu verdienen ist, entstehen Begehrlichkeiten, fühlen Menschen sich vom Reichtum abgehängt. Zu viel, so glauben die Menschen im Nigerdelta, fließe an Eliten und in den Norden, zu wenig in den Süden. "Ganz Radikale fordern sogar die Abspaltung", so der Experte.

"Lösegelder sind Peanuts"

In dieses aufgeheizte Klima hinein kam die umstrittene Wahl von 2003, in der Präsident Olusegun Obasanjo sich eine zweite Amtszeit sicherte. Kohnert spricht von massiver Wahlfälschung. Im Wahlkampf hatten sich rivalisierende politische Gruppen bewaffnet. Kurz nachdem die Waffen im Land und die Milizen aufgestellt waren, begannen die Entführungen.

Gruppen wie die "Bewegung für die Bevölkerung im Nigerdelta" haben zuletzt mehr Arbeitsplätze und eine bessere Infrastruktur für die Region gefordert - und angeblich kein Lösegeld. Doch unter den zahlreichen Milizen gebe es viele, die auch oder nur Geschäfte mit den Geiseln machten, sagt Dirk Kohnert.

"Die Großkonzerne kalkulieren das mittlerweile ein, im Vergleich zu den Profiten sind die Lösegelder für sie Peanuts", erklärt der Nigeria-Experte. Kritisch werde die Lage jetzt für die nigerianische Regierung. Kohnert sieht dort keine Bestrebungen, die Öleinnahmen anders zu verteilen. Die Korruption biete den größten Anreiz, alles so zu lassen, wie es ist. Und auch europäische Firmen seien "notorisch dafür bekannt, Korruption begünstigt zu haben". So bleibt das System stabil - und weiter werden Ausländer verschleppt.

Damit die ständigen Entführungen die Ölkonzerne nicht doch irgendwann zum Abzug zwingen - bis jetzt haben nur einzelne Zuliefererfirmen aufgegeben - könnte die nigerianische Regierung Gewalt gegen die Rebellengruppen im Nigerdelta einsetzen. "Das ist abzusehen", sagt Kohnert, "das schaukelt sich jetzt hoch." Bis der Konflikt eskaliert, werde die Zahl der Entführungen noch steigen.

Dass immer wieder Deutsche unter den Verschleppten sein werden, ist mehr als wahrscheinlich. Es sieht nicht so aus, als bekäme der Krisenstab im Auswärtigen Amt demnächst eine Atempause.



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