Entführungen Türkische Geiseln im Irak freigelassen

Die Entführer der drei türkischen Zivilisten im Irak haben ihre Geiseln freigelassen. Top-Terrorist Abu Mussab al-Sarkawi erklärte, die Freilassung geschehe "zum Wohle der Muslime in der Türkei" - und wegen ihrer Demonstrationen gegen Bush.




Türkische Geiseln: Freilassung "zum Wohle der türkischen Muslime"
AP

Türkische Geiseln: Freilassung "zum Wohle der türkischen Muslime"

Kairo - Die Erklärung erfolgte heute in einem vom arabischen Nachrichtensender al-Dschasira ausgestrahlten Video. Darin erklärt die Terrorgruppe al-Tawhid wa al-Dschihad, sie reagiere mit ihrer Entscheidung auf die Aktionen der "Muslime und Gotteskrieger" in der Türkei. Die Regierung in Ankara bestätigte inzwischen die Freilassung der Türken. "Wir wissen nur, dass sie freigelassen wurden", sagte ein Regierungssprecher in Istanbul.

Auf dem Video erklärte ein maskierter Mann: "Al-Tawhid wa al-Dschihad geben die Freilassung der türkischen Geiseln bekannt wegen der Muslime in der Türkei und ihrer Demonstrationen gegen (US-Präsident George W.) Bush." Auf dem grobkörnigen Video waren die drei Geiseln mit mehreren hinter ihnen stehenden Maskierten zu sehen.

Türkische Medien berichteten heute auch über das Schicksal von zwei weiteren im Irak bereits vor drei Wochen verschleppten Türken. Diese hätten ihren Familien mitgeteilt, ihnen gehe es gut und sie würden innerhalb einer Woche nach Hause zurückkehren.

Sarkawis Gruppe hatte die drei Männer am Wochenende in seine Gewalt gebracht. Er drohte mit ihrer Enthauptung, wenn Ankara nicht binnen 72 Stunden alle türkischen Vertragspartner der Besatzungstruppen zum Abzug bewegt. Das Ultimatum wäre heute ausgelaufen - am Schlusstag des Nato-Gipfels in Istanbul.

Die Türkei stellt zwar kein Kontingent für die Koalitionstruppen im Irak. Viele Türken arbeiten aber als Vertragslieferanten der von den USA geführten Truppen.

Nach der Entführung hatten die Terroristen erklärt: "Die türkischen Truppen und Unternehmen, die die Besatzungstruppen unterstützen", müssten den Irak bis zum genannten Fristablauf verlassen. Sonst würden die drei türkischen Arbeiter getötet. In einer dem Video beigefügten schriftlichen Erklärung riefen die Entführer die türkische Bevölkerung zu Demonstrationen gegen den Aufenthalt von US-Präsident George W. Bush in der Türkei auf. Der Besuch von "Bush, dem Verbrecher, dem Feind des Islams" müsse klar verurteilt werden.

Wie ernst die Drohung zu nehmen war, belegen Sarkawis bisherige Verbrechen. Seine Gruppe hat die Verantwortung für die Entführung und Enthauptung der amerikanischen Geisel Nicholas Berg und des Südkoreaners Kim Sun-il übernommen.

Die USA haben auf Sarkawi eine Kopfgeldprämie von zehn Millionen Dollar ausgesetzt. "Er bleibt unser Ziel Nummer eins in diesem Land. Er ist ein sehr wirkungsvoller Terrorist", sagte kürzlich Brigadegeneral Mark Kimmitt, der stellvertretende Leiter der US-Militäroperation in dem Golfstaat.

Erst gestern kursierten Gerüchte, dass der in Jordanien geborene Sarkawi in Hilla, rund hundert Kilometer südlich von Bagdad, festgenommen worden sei. Am späten Vormittag überschlugen sich die Meldungen der Nachrichtenagenturen. Doch dann gab General Kimmitt die Enttäuschung des Tages bekannt: "Ich könnte mir kein besseres Ereignis vorstellen, um darüber am ersten Tag nach der Übergabe der Souveränität zu berichten, aber leider ist es nicht wahr."

Neue Attentate von Aufständischen

Unterdessen wurden bei Attentaten in Bagdad, Kirkuk und al-Latifija heute mehrere Menschen getötet. In Bagdad explodierte am Straßenrand eine Bombe und tötete mindestens drei amerikanischen Soldaten in einem Konvoi.

Augenzeugen berichteten zudem über die Explosion eines Sprengsatzes an einer Öl-Pipeline in al-Jussifija südlich von Bagdad. Es entstand Sachschaden. Über der Pipeline, die Bagdad und al-Mussajib verbindet, war eine große Rauchwolke zu sehen.

In Kirkuk töteten Aufständische bei einem Attentatsversuch auf den Polizeichef der nordirakischen Stadt einen Leibwächter. Polizeichef Ahmed Hamawandi selbst sei unverletzt geblieben, teilte die Polizei am Dienstag mit. Hamawandi gehört der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) an.

In der gleichen Region erschossen Aufständische bei al-Latifija laut Augenzeugen den Fahrer eines Sattelschleppers, der einen Wohnwagen transportierte. Die Täter hätten wohl geglaubt, der Fahrer sei im Auftrag der US-Armee unterwegs, erklärten Anwohner. Der Direktor der Kommunalbehörde der nahe gelegenen Stadt Hilla überlebte unverletzt ein Attentatsversuch, als Unbekannte im Stadtzentrum auf sein Auto feuerten.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.