Entführungsdrama Informations-Wirrwarr um den toten Deutschen

Im Geiseldrama werden die Informationen aus Afghanistan immer widersprüchlicher: Ein Polizeichef bestreitet plötzlich, den Tod eines verschleppten Deutschen verlautbart zu haben. Unklar ist auch, ob der Leichnam eine Schussverletzung aufweist.


Kandahar - Dorfbewohner hätten die Leiche in der Ortschaft Jagathu entdeckt, erklärte Polizeichef Mohammed Hewas Maslum. Zur Todesursache könne er noch nichts sagen. "Die Leiche wird gerade in die Distrikthauptstadt gebracht", sagte Maslum SPIEGEL ONLINE. Zur Identität äußerte er sich nicht, da er den Deutschen die Untersuchungen überlassen wolle.

Sicherheitskräfte vor der deutschen Botschaft in Kabul: Vertrauensarzt soll die Leiche des toten Deutschen obduzieren
DPA

Sicherheitskräfte vor der deutschen Botschaft in Kabul: Vertrauensarzt soll die Leiche des toten Deutschen obduzieren

Stunden später dementierte er seine Angaben. "Ich habe niemandem gesagt, dass die Leiche gefunden wurde", erklärte Maslum laut der Nachrichtenagentur Reuters. Offenkundig, so vermuten Beobachter, hatte der Offizier, der erst wenige Tage im Amt ist, mehr verraten, als er durfte.

Die deutschen Behörden gehen davon aus, dass es sich bei der Leiche um Rüdiger D. aus Mecklenburg-Vorpommern handelt. Vermutlich war er bereits kurz nach der Entführung an einem Schwächeanfall oder Herzinfarkt gestorben. Nun soll der Leichnam möglichst schnell nach Kabul gebracht werden, wo ein Vertrauensarzt der Botschaft und Experten des Bundeskriminalamts (BKA) eine genaue Obduktion durchführen wollen.

Die Leiche habe "eine Schusswunde am Kopf", sagte ein hochrangiger Mitarbeiter der Sicherheitskräfte, der nicht namentlich genannt werden wollte. Er konnte nicht sagen, ob die Wunde der Geisel vor oder nach dem Tod zugefügt wurde.

Die Behörden hatten tags zuvor erklärt, einer der beiden im Süden des Landes entführten Deutschen sei einem Herzanfall erlegen. Der zweite Deutsche lebe noch, es werde alles getan, um seine Freilassung zu erreichen.

Bei der Leiche soll des Angaben des Polizeichefs auch der Bruder des stellvertretenden Parlamentssprechers Arif Noorzai gewesen sein. Der Bruder, dessen Name Maslum mit Ishap Noorzai angab, sei am Leben und bei guter Gesundheit, sagte Maslum. Deutsche Behörden vermuten, dass die Entführung möglicherweise dem Bruder des einflussreichen Politikers galt, der aus der Region Helmand stammt, einem einflussreichen Paschtunenstamm angehört. Arif Noorzai gilt bei internationalen Geheimdiensten auch als einer der sogenannten "drug lords", die ihre politischen Kontakte nutzen, um massiv an dem milliardenschweren Geschäft mit afghanischem Opium mitzuverdienen. Warum die Kidnapper Noorzai freiließen, ist noch unklar. Möglicherweise soll er nun in den weiteren Verhandlungen mit der deutschen Seite vermitteln.

Nach Darstellung der Taliban gibt es jedoch keine überlebende Geisel. "Die Taliban können sagen, wo sich die Leichen der beiden Deutschen befinden", hatte Taliban-Sprecher Jussuf Ahmadi der Nachrichtenagentur AFP zuvor telefonisch mitgeteilt. Wenn die deutsche Regierung die Toten bergen wolle, würden die Taliban sie bedingungslos herausgeben. Ein Leichnam wurde inzwischen nach Angaben eines afghanischen Polizeikommandeurs geborgen. Weitere Einzelheiten sind noch nicht bekannt.

Beweise dafür, dass die Deutschen von den Taliban getötet wurden, lieferte der Taliban-Sprecher indes nicht. Die Glaubwürdigkeit Ahmadis war bezweifelt worden, allerdings versicherte ein weiterer Sprecher der Taliban, Sabihullah Mudschahed, AFP heute, Ahmadi sei in der Angelegenheit der deutschen Geiseln Wortführer der Taliban.

Der Sprecher des afghanischen Außenamts, Sultan Ahmed Baheen, bekräftigte heute unterdessen, eine der deutschen Geiseln sei gestern Abend noch am Leben gewesen; er berief sich dabei auf Geheimdienstinformationen. "Eine andere Neuigkeit habe ich heute früh nicht", sagte er.

Die Bundesregierung geht außerdem nicht davon aus, dass die beiden Männer tatsächlich von den Taliban entführt worden seien. Vielmehr werden als Kidnapper Kriminelle eines mit den Taliban sympathisierenden Stammes vermutet.

Die beiden Deutschen waren am Mittwoch in der Provinz Wardak verschleppt worden. Es handelt sich offenbar um Ingenieure, die nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin Mitarbeiter eines in Kabul ansässigen Unternehmens waren. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE stammt der Verstorbene Rüdiger D. aus Mecklenburg-Vorpommern und litt an Diabetes. Er starb, nachdem vergeblich versucht worden war, ihm über Vermittler Medikamente zukommen zu lassen. Bei dem zweiten Entführten handelt es sich demnach um einen Mann namens Rudolf B.

Beck will Debatte über Bundeswehreinsatz

SPD-Chef Kurt Beck rief unter dem Eindruck der Ereignisse zu einer sachlichen Debatte über die Verlängerung der Bundeswehrmandate auf. Es dürfe aber kein Zusammenhang zwischen dem Bundeswehreinsatz und den jüngsten Entführungsfällen hergestellt werden, sagte Beck im ZDF-Sommerinterview: "Wir müssen die längerfristigen Perspektiven sehen." Mit Blick auf den Widerstand in seiner Partei gegen den Tornado-Einsatz und die Anti-Terror-Operation "Enduring Freedom" sagte Beck: "Wir sind mitten in einem Findungsprozess."

Beck sagte, es sei für die SPD "selbstverständlich, dass wir das begonnene Mandat nicht einfach in Frage stellen". Diskutiert werde in seiner Partei über eine "Ausdifferenzierung". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte dagegen kürzlich bereits angekündigt, dass alle drei Afghanistan-Mandate der Bundeswehr fortgesetzt werden sollten. Während die deutsche Beteiligung an der Isaf-Schutztruppe in der großen Koalition relativ unstrittig ist, wollen Teile der SPD wegen der wachsenden Zahl ziviler Opfer einen Ausstieg aus der US-geführten Operation "Enduring Freedom".

Südkorea: Vorbereitungen für Truppenabzug laufen

Außerdem drohen die Taliban weiterhin mit der Ermordung einer Gruppe von entführten Südkoreanern. Sie würden umgebracht, wenn nicht bis heute Abend um 19 Uhr Ortszeit 23 inhaftierte Taliban von der Regierung in Kabul freigelassen würden, sagte Ahmadi.

Das afghanische Verteidigungsministerium dementierte indes einen Bericht, wonach afghanische Sicherheitskräfte und ausländische Truppen einen Militäreinsatz zur Befreiung der Geiseln gestartet hätten. Die gemeinsame Operation, so hatte es geheißen, finde im Distrikt Kara Bagh in der Provinz Ghasni südlich von Kabul statt. Die Koreaner waren am Donnerstag in der Provinz Ghasni, 140 Kilometer südlich von Kabul, entführt worden. Allerdings hieß es aus Kreisen des Verteidigungsministeriums in Kabul, Sicherheitskräfte hätten den Ort, an dem die Geiselnehmer ihre Gefangenen festhalten, umzingelt.

Südkoreas Präsident Roh Moo-Hyun sagte im staatlichen Fernsehen: "Die Geiselnehmer müssen die Südkoreaner unbeschadet zum frühestmöglichen Zeitpunkt freilassen." Seoul halte weiterhin Kontakt zu den Entführern und versuche, diesen über andere Kanäle auszuweiten, sagte ein Mitarbeiter des südkoreanischen Außenministeriums, der nicht namentlich genannt werden wollte. Nach Regierungsangaben wurden bis zu 23 Südkoreaner, darunter 18 Frauen, verschleppt.

Mitten in die Verhandlungen platzte nun noch eine Verlautbarung aus Seoul, man habe schon mit den Vorbereitungen für den Abzug seiner Truppen aus Afghanistan begonnen. Unklar ist, ob es einen Zusammenhang zwischen der Mitteilung und dem Geiseldrama gibt. Denn den Angaben zufolge verlaufe alles, wie schon seit langem geplant. Es dauere fünf bis sechs Monate, um die Truppen wie geplant bis Ende des Jahres nach Hause zu holen, erklärte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Parlaments, Kim Sung Gon. Das Verteidigungsministerium bestätigte die Angaben, betonte aber, die Vorbereitungen für den Abzug hätten schon begonnen bevor die Taliban nach der Geiselnahme der Südkoreaner den Abzug der Truppen gefordert hätten.

mgb/dab/AFP/AP

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