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Enthaupteter Amerikaner im Irak: Das Leben und Sterben des Nick Berg

Aus West Chester berichtet

Der Amerikaner Nick Berg zog auf eigene Faust in den Irak, um beim Wiederaufbau zu helfen. Das bezahlte er jetzt auf grausigste Weise mit dem Leben - und wurde so zum Symbol der eskalierenden Unmenschlichkeit dieses Krieges.



Das Haus der Bergs in West Chester, Pennsylvania
REUTERS

Das Haus der Bergs in West Chester, Pennsylvania

West Chester - Der Krieg kommt nach West Chester. Er kommt in Gestalt der üblichen Heimatfront-Armee: Heerscharen von TV-Teams, die samt ihren Übertragungswagen und grellen Halogen-Scheinwerfen mit Einbruch der Dunkelheit am Estate Drive einfallen, hier am Rande dieser stillen Schlafstadt, eine Dreiviertelstunde westlich von Philadelphia. Das Brummen der Generatoren übertönt das Grillenzirpen. Es riecht nach Wald und Dieselöl.

"Wer hätte das geahnt", sagt Bruce Hauser leise. "Wer hätte das gedacht, dass uns das hier eines Tages auch heimsuchen würde. Was für ein Elend." Hauser, ein bärtiger, fülliger Schwarzer, steht im feuchten Gras und starrt hilflos in die Nacht. Er war Nick Bergs Nachbar. Er war sein ältester Freund. "Ich kannte Nick, seit er drei war", murmelt er.

Auf der anderen Straßenseite liegt, hell erleuchtet von innen wie außen, hinter einem Rasenbuckel das kleine Holz- und Ziegelhaus der Familie Berg. Die Schlagläden sind offen, doch die Rollos heruntergezogen. Vorbeihuschende Reporter werfen gespenstisch-lange Schatten auf die Fassade. In der Einfahrt steht ein Pickup-Truck. An den Briefkasten hat jemand ein Foto Nick Bergs geklebt. Der Krieg ist nach West Chester gekommen.

Chance zum Abenteuer

Videoaufnahme: Das Opfer und die Henker

Videoaufnahme: Das Opfer und die Henker

Auf dem Foto sieht Berg ganz anders aus als auf dem Video, das seine brutale Enthauptung durch eine al-Qaida-nahe Terrorgruppe zeigt. In dem Video hat er einen Bart und lange Haare und trägt keine Brille mehr; er ist dünn, sein Blick ist erstarrt. Auf dem Foto am Briefkasten grient er füllig in die Kamera.

Sein letztes Lebenszeichen kam am 9. April. Da rief Berg aus Mossul hier bei seinen Eltern an. Ja, er sei in Sicherheit, beruhigte er sie. Schließlich hatte er eine lange Odyssee hinter sich, eine Verkettung unglücklicher Umstände, darunter 13 Tage in einem irakischen Knast. Er werde versuchen, über Kuweit, die Türkei oder Jordanien aus dem Land zu kommen und dann die nächste Maschine zurück in die USA zu nehmen, sagte er. "Ich melde mich morgen wieder", versprach er seinem Vater Michael.

Nicholas Berg, 26, war kein Antikriegsheld, er wollte nie einer sein. Im Gegenteil. Nick "ist sehr für das, was die Regierung im Irak tut", hat sein Vater, ein schmächtiger, grauhaariger Mann, erst vorige Woche gesagt, als sie noch Hoffnung hatten. Bergs Reise in den Krieg war keine politische Mission und auch keine militärische. Sie war eine Gelegenheit zur Arbeit - und eine Chance zum Abenteuer.

Ein "Befürworter der Regierung"

Michael Berg (l.), Vater des Hingerichteten, bricht vor seinem Haus zusammen und wird von Sohn David getröstet
AP

Michael Berg (l.), Vater des Hingerichteten, bricht vor seinem Haus zusammen und wird von Sohn David getröstet

Abenteuer lag ihm im Blut. Der Junggeselle, ein Wissenschafts- und Musikfan, reparierte Sendemasten. Er kletterte halsbrecherisch an ihnen hoch und inspizierte dann die Antennen, die Drähte, die Leitungen, das Gerüst. Dazu hatte er, als er 1996 hier die High School abschloss, eine eigene Firma gegründet, Prometheus Methods Tower Service Inc., und seinen Vater als Geschäftsführer angestellt.

Was zog Berg wirklich in den Irak? "Er wollte helfen, die Infrastruktur wiederaufzubauen", hat seine Mutter Suzanne in früheren Interviews gesagt. "Er wollte etwas Positives tun", ergänzte Vater Michael gestern. "Ein Zeichen setzen, dass wir uns kümmern." Beide versuchten, ihn abzuhalten. Er ging trotzdem.

Rückkehr zur Hochzeit eines Freundes

Zum ersten Mal reiste Berg 2003 in den Nordirak, ein paar Tage vor Weihnachten, um dort nach Arbeit zu suchen. "Es war eine Art Erkundungsmission", sagt Michael Berg. Eine Firma zeigte Interesse, ihm später einen Job zu geben. Nick kam vorerst wieder heim.

Am 14. März flog er erneut in den Irak. Doch seine alten Pläne platzten. Frustriert plante er seine Rückkehr, für den 30. März, mit einer Maschine der Royal Jordanian Airlines nach New York. Denn am Wochenende drauf war er auf der Hochzeit eines Freundes eingeladen.

Eine Woche vor Nicks Heimreise brach der Kontakt plötzlich ab. Michael Berg fuhr am 30. März trotzdem auf gut Glück zum New Yorker Kennedy-Flughafen. Doch keine Spur von Nick. Die Fluggesellschaft sagte, er habe nie eingecheckt.

Besuch vom FBI

Am nächsten Tag bekamen die Bergs Besuch vom FBI. Zwei Beamte tauchten in West Chester auf und teilten ihnen mit, ihr Sohn sei am 24. März, dem Tag des letzten Kontakts, von der irakischen Polizei in Mossul festgenommen und später in US-Militärhaft überwiesen worden, um seine Identität zu klären. Die FBI-Agenten wollten wissen, "was der Zweck von Nicks Reise in den Irak" sei.

Die Bergs erklärten Nicks Geschichte. Weitere Auskunft über seinen Aufenthaltsort und sein Befinden bekamen sie allerdings nicht. Ebenso wenig eine Zusage auf seine Freilassung. Daraufhin legten sie am 5. April beim Bezirksgericht Philadelphia Beschwerde ein: Die US-Koalition halte Nick illegal fest.

Das wirkte. Tags darauf rief Berg zu Hause an und sagte, er sei wieder auf freiem Fuß. Irakische Polizisten, berichtete er, hätten ihn an einem Checkpoint in Mossul festgenommen, als er in einem Taxi gesessen habe. Gründe habe er nicht erfahren, aber er sei auch nicht misshandelt worden. Nur anfangs, als er in eine Zelle voller Iraker gesteckt worden sei, hätten diese begonnen, ihn anzubrüllen. Dann habe er eine eigene Zelle bekommen. Insgesamt habe er dort 13 Tage eingesessen.

Gefährliche Reise nach Bagdad

Foto aus dem Familienalbum: Nick Berg
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Foto aus dem Familienalbum: Nick Berg

Das State Department bot an, Berg mit einem Charterflug aus Bagdad in die USA zurückzubringen. Doch Nick war skeptisch, ob sich das machen ließe. Die Reise nach und durch Bagdad, sagte er seinem Vater, sei zu gefährlich. Die Lage werde immer explosiver.

Am 9. April brach ihr Kontakt erneut ab. Es war derselbe Tag, an dem in der Nähe von Bagdad sieben Vertragsarbeiter des US-Konzerns Halliburton und zwei Soldaten verschwanden, nachdem ihr Konvoi unter Beschuss gekommen war. Vier der Halliburton-Männer und einer der Soldaten wurden inzwischen tot aufgefunden. Thomas Hamill, ein weiterer Zivilist, entkam seinen Häschern mit einer abenteuerlichen Flucht. Von den anderen Männern fehlt bis heute jede Spur.

Verzweifelt machten sich die Bergs auf die Suche nach Nick. Die Regierung, berichteten sie kürzlich, sei ihnen dabei wenig hilfreich gewesen. "Ich musste am Ende im Prinzip alle Recherchen selbst anstellen", sagte Suzanne Berg. Immerhin, das State Department schickte einen Beauftragten nach Mossul, in das Hotel, in dem Berg gewohnt haben soll. Man habe den jungen Mann nie gesehen, teilte ein Hotel-Mitarbeiter jedoch unverbindlich mit.

Rätsel um das Hotel

Daraufhin heuerten die Bergs einen Privatdetektiv an. Der machte einen anderen Amerikaner ausfindig, der in dem Hotel übernachtet und mit Berg gesprochen haben wollte. Auf Rückfrage stritt die Hotelleitung erneut ab, Berg zu kennen. Schon seit Wochen, hieß es, hätten bei ihnen keine "Westerners" mehr gewohnt. Michael Berg verbrachte einen ganzen Tag lang mit Anrufen und E-Mails, um das Rätsel aufzuklären und mehr Informationen zu bekommen. Vergeblich.

Wusste das Weiße Haus mehr über das Schicksal Bergs als dessen Eltern? Seine Entführer behaupteten in dem Video, sie hätten den USA angeboten, Berg gegen Gefangene aus Abu Ghureib auszutauschen; dies sei aber abgelehnt worden. US-Regierungskreise stritten das gestern ab.

Am Sonntag gaben die Bergs der Tageszeitung "Philadelphia Inquirer" noch ein Interview. "Wir hoffen weiter, dass er untergetaucht ist oder auf dem Weg ist und sehr langsam vorankommt", sagte Vater Michael. Nick sei "ein erfindungsreicher Kerl, der auf sich selbst aufpassen kann". Dann wieder überkamen ihn Zweifel: "Meine schlimmste Furcht ist, dass ich nie wieder etwas von ihm höre."

Leiche an der Autobahn

Diese Furcht bewahrheitete sich tags darauf. Das Außenministerium teilte den Bergs mit, die Leiche ihres Sohnes sei bereits am Samstag an einer Autobahn bei Bagdad entdeckt worden. Wie brutal er zu Tode kam, offenbarte sich aber erst gestern, als eine militant-islamische Website das Mord-Video veröffentlichte.

Seine letzten Worte galten seiner Familie. "Mein Name ist Nick Berg", sagte er, vor Angst wie gelähmt. "Mein Vater heißt Michael, meine Mutter heißt Suzanne. Ich habe einen Bruder und eine Schwester, David und Sarah."

Ja, bestätigt Bruce Hauser, die Bergs seien Juden. Ja, er nehme an, dass das hier auch eine Rolle gespielt habe. Wie damals, als Danny Pearl, der Reporter des "Wall Street Journal", in Pakistan ermordet wurde.

Die Bergs wussten zwar vom State Department, dass Nick enthauptet worden war. Doch von dem Video erfuhren sie erst durch einen Reporter. "Diese Art ist einem langen und qualvollen Tod vorzuziehen", sagte Michael Berg in einer kurzen Stellungnahme. "Aber ich wollte nicht, dass das öffentlich wurde."

"Ich hoffe, Bush schläft gut"

"Die Bergs sind am Boden zerstört", sagt Bruce Hauser. "Wir alle sind am Boden zerstört." Am Abend zog eine Gruppe von Freunden und Nachbarn mit Kerzen durch die stillen Straßen. "Was eine furchtbare Tragödie", sagt Polizei-Sergeant Martin Malloy, im Arm Blumen, die er den Eltern bringen will. "Es ist eine Schande, dass so ein Übel, so eine Feigheit existiert."

Um Mitternacht steht Hauser immer noch auf der Straße, als inoffizieller Pressesprecher der Familie agierend. Er berichtet, dass die Eltern, bei aller Trauer, die US-Regierung für den Tod ihres Sohnes mitverantwortlich machten. Wäre Nick nicht so lange ohne Grund von den Koalitionstruppen festgehalten worden, wäre er womöglich noch rechtzeitig aus dem Land gekommen, bevor die Gewalt eskaliert sei.

"Sie haben ihn wie ein Tier umgebracht", hat Bergs Freund Don Lagrotteria am Nachmittag gesagt. "Ich hoffe, Präsident Bush zieht das in Betracht. Ich hoffe, er schläft diese Nacht gut."

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