Algerische Terrorbrigaden Frankreichs Albtraum

Nach der Ermordung einer französischen Geisel fürchtet Paris weitere Angriffe aus Algerien. Denn der "Islamische Staat" stiftet Dschihadisten in Nordafrika zu Nachahmungstaten an.

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Die Bilder wecken Erinnerungen an das dunkelste Kapitel der algerischen Geschichte. Vermummte Entführer, schwer bewaffnet, die religiöse Verse murmeln und hinter einer wehrlosen, verschreckten Geisel stehen. Kurz darauf töten die Terroristen ihr Opfer vor laufender Kamera. Während des Bürgerkriegs in den Neunzigerjahren waren Entführungen in Algerien an der Tagesordnung. Militante Islamisten entführten Andersgläubige und Ausländer, auch der algerische Geheimdienst ließ Menschen verschwinden.

Die Ermordung des französischen Bergführers Hervé Gourdel führt dem größten Land Afrikas vor Augen, dass die Dschihadisten zwölf Jahre nach Ende des Bürgerkriegs gefährlicher sind denn je. Das liegt auch daran, dass rivalisierende Islamistengruppen in Nordafrika derzeit versuchen, mit besonders brutalen und spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam zu machen.

Die Mörder des 55-Jährigen gehören einer Terrorgruppe an, von der die Welt erst seit zwei Wochen weiß. Am 14. September verkündete der militante Islamist Khaled Abu Suleiman die Gründung der Organisation "Dschund al-Chilafa", "Soldaten des Kalifats". Abu Suleiman und seine Anhänger schworen dem Führer des "Islamischen Staats" und selbst ernannten "Kalifen", Abu Bakr al-Baghdadi, die Treue. "Du hast im Islamischen Maghreb Männer, die deine Befehle befolgen werden", versprachen die "Soldaten des Kalifats".

Frankreich verstärkt Sicherheitsvorkehrungen

Bis Anfang September war Abu Suleiman ein Führungsmitglied von "al-Qaida im Islamischen Maghreb" (AQIM), dem nordafrikanischen Ableger des Terrornetzwerks. AQIM sei jedoch "vom rechten Pfad" abgewichen, begründete der Dschihadistenführer die Abspaltung und Gründung von "Dschund al-Chilafa". Mit der Ermordung Gourdels vor laufender Kamera beweist die Gruppe gleich, dass sie ihren Verbündeten vom IS in puncto Brutalität in nichts nachsteht.

AQIM hat in den vergangenen Jahren mehrfach westliche Ausländer in Niger, Mali und Algerien entführt. Oft ließen sie die Geiseln jedoch gegen Lösegeldzahlungen frei. Gourdels Entführer zeigten dagegen überhaupt kein Interesse an Verhandlungen.

Frankreich fürchtet, dass Dschihadisten mit Verbindungen nach Nordafrika nun auch im Inland zuschlagen könnten. Als erste Reaktion auf den Mord ordnete die Regierung in Paris eine Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen an. An öffentlichen Orten, in Bussen und Bahnen soll die Polizeipräsenz verstärkt werden.

Während des algerischen Bürgerkriegs von 1991 bis 2002 verübten militante Islamisten mehrere Bombenanschläge auf Nahverkehrszüge in Paris. Dabei wurden 1995 insgesamt acht Menschen getötet und 200 weitere verletzt. Ein Jahr zuvor hatten Terroristen der algerischen Groupe Islamique Armé (GIA) am Heiligen Abend eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Algier nach Paris entführt. Sie töteten drei Passagiere und wollten das Flugzeug über dem Eiffelturm in die Luft sprengen. Bei einem Zwischenstopp in Marseille stürmte ein französisches Spezialkommando den Airbus A300 und erschoss die vier Entführer.

Dschihadisten haben Rückzugsraum in Nordafrika

Frankreich ist besonders gefährdet, weil mehr als eine Million Algerier die französische Staatsbürgerschaft besitzen - unter ihnen sind auch mehrere Hundert gewaltbereite Islamisten. Sie können sich weitgehend unbehelligt zwischen beiden Ländern bewegen. Manche machen aus ihrer Sympathie mit Gourdels Mördern keinen Hehl. In den sozialen Netzwerken verhöhnten sie das Opfer und bezeichneten die Tat als späte Rache dafür, dass französische Soldaten während des algerischen Unabhängigkeitskriegs vor 55 Jahren ebenfalls Gefangene geköpft hatten.

Algeriens Landgrenzen sind für die Dschihadisten längst kein Hindernis mehr. Von Mauretanien über Mali, Algerien, Libyen, Niger bis in den Tschad ist ein riesiges Rückzugsgebiet für militante Islamisten entstanden. Die staatliche Ordnung ist dort in weiten Teilen zusammengebrochen. Frankreich hat mit seinem Militäreinsatz gegen AQIM und andere Extremistengruppen in Mali die Radikalen zwar zurückdrängen können - entscheidend geschlagen wurden sie aber nicht.

Von der algerischen Regierung droht den Islamisten keine große Gefahr. Präsident Abdelaziz Bouteflika ist so krank, dass er kaum in der Lage ist, die Amtsgeschäfte zu führen. Die Armee ist damit überfordert und wird selbst immer wieder zum Ziel von Anschlägen.

Noch düsterer ist die Lage im benachbarten Libyen. Das Land ist nach dem Sturz des Langzeitdiktators Muammar al-Gaddafi im Bürgerkrieg versunken. Islamistische Milizen streiten um die Macht: "Stellen Sie sich vor, ein Mafiaboss stirbt und hinterlässt kein Testament", sagte US-Botschafterin Deborah K. Jones kürzlich über die Lage in Libyen. Das böse Erbe sind die Unmengen an schweren Waffen, die aus Gaddafis Arsenal verschwunden und in die Hände der Dschihadisten gelangt sind.

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wi_hartmann@t-online.de 25.09.2014
1. Frankreichs Alptraum
Die Destabilisierung in Nordafrika und im arabischen Raum durch die Koalition der Willigen zahlt sich jetzt bitter aus. Die jetzt erfolgten Bombardements haben eine weitere Radikalisierung zur Folge, die die Situation ganz er- heblich verschärfen werden.
hubertrudnick1 25.09.2014
2. Ursachen erkennen
Man sollte einmal mehr über die Ursachen dieser vielen Krisen sprechen, sie sind in der Destabilisierung des arabischen und afrikanischen Raums zu finden, wo die Gesellschaft sich aufgegeben hat, da werden dann die andere ihre dreckigen Sachen durchziehen. Wer soll denn da noch dagegenhalten, im Irak hat man das bestehende System vernichtet und die neu eingesetzte Macht, kämpft untereinander und lässt die Gesellschaft noch weiter in den Dreck absinken. Es ist die Außenpolitik der westenlichen Welt die da einen sehr großen Anteil dran haben. Man kann in fernen Ländern nicht so mal einfach sein Machtgefüge überstülpen, dass muss zwangsläufig schief gehen, aber darüber hatten vor Jahren schon so einige Nah-Ost-Kundige gewarnt, nur wer hört schon auf Leuten, die außerhalbt der wirtschaftlichen und politischen Macht stehen?
freiheitverantwortungdenk 25.09.2014
3.
Ich gebe dem Vorredner recht. Es hat insofern keinen Sinn, dass die westlichen Länder versuchen, staatliche Strukturen, wie wir die kennen und leben, denn afrikanischen und arabischen Staaten zu exportieren. Oder zumindest so in etwa erwarten. ... Jedoch können aufgeklärte Staaten nicht zusehen, wie Schergen wie der IS ihr unmenschliche Wesen treiben. Gut so, wenn es Länder wie die USA, Frankreich, Niederlande oder England gibt, die den Schneid und die funktionsfähige Technik haben, sich dem entgegen zu stellen. Wie alle hier profitieren davon und können unseren freiheitlichen Lebensstil bewahren.
dummer steuerzahler 25.09.2014
4. Terorrismus war gestern, IS ist heute
frage ich mich, bei al den bei al den Abwehrexperten, wie ist diese weltweite Bewegung möglich geworden. Sind sie so clever, oder sind unsere Experten und Politiker so dämlich.
joG 25.09.2014
5. Dass die Durchsetzung internationaler Sicherheit ....
.... Einem Feinde schafft, sehr viel Geld kostet und man auch unter den eigenen Leuten Verluste verzeichnet wissen die Franzosen oder Engländer oder Kanadier oder Australier oder Amerikaner aus Erfahrung allzu gut. Nur hier hat man solche Verantwortung nie geschultert, nie die Erfahrung gemacht. Nur die Profite aus dem von Anderen geschaffenen Sicherheit und aus dem Handel mit deren Feinden hat man mitgenommen.
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