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25. Mai 2004, 12:20 Uhr

Enthauptungsvideo

Krude Verschwörungstheorien im Netz

Eine Internet-Zeitung mit dem Namen al-jazeera.com verbreitet die krude These, der Amerikaner Nick Berg sei im irakischen US-Gefängnis Abu Ghureib umgebracht worden. Mit dem gleichnamigen Nachrichtensender hat die Website nichts zu tun. Beweise für die haarsträubenden Behauptungen gibt es nicht.

Lynndie England und Mitangeklagter Charles Graner: Original und Fälschung?
REUTERS / The Washington Post

Lynndie England und Mitangeklagter Charles Graner: Original und Fälschung?

Berlin - Misstrauen ist der Ausgangspunkt aller Verschwörungstheorien. Das ist auch in diesem Fall nicht anders: Weil das im Internet verbreitete Enthauptungsvideo des US-Zivilisten Nick Berg dazu angetan war, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit vom Folterskandal im US-Gefangenlager Abu Ghureib abzulenken, kann es angeblich nicht authentisch sein.

So jedenfalls lautet die krude Logik einiger Verschwörungstheoretiker, die sich seit Erscheinen des Videos vornehmlich im Internet auslassen. So erschien gestern auf der englischsprachigen Internetseite "al-jazeera.com" ein Artikel, in dem - ohne auch nur eine Spur kritischer Einordnung - "Hinweise von Lesern" veröffentlicht wurden, die dafür sprächen, dass das Video in Wahrheit im US-Gefängnis von Abu Ghureib in der Nähe von Bagdad aufgenommen worden sei. Mit dem arabischen Fernsehsender Al Jazeera hat der Auftritt aber nichts zu tun - der veröffentlicht seine Nachrichten in englischer Sprache unter "english.aljazeera.net". SPIEGEL ONLINE hatte jazeera.com heute mit Jazeera.net verwechselt. Dafür bitten wir die Kollegen in Katar um Entschuldigung.

Drei Äußerlichkeiten sind für die Verschwörungstheoretiker eindeutige Indizien dafür, dass das Video im Foltergefängnis Abu Ghureib gedreht wurde: So sei etwa der Stuhl, auf dem das Opfer Berg vor seiner Hinrichtung sitze, von derselben Art wie der Stuhl, in dem Lynndie England, der Misshandlung von Kriegsgefangenen angeklagte US-Soldatin, auf einer der Aufnahmen aus dem Folterknast von Abu Ghureib posiert. Die Autoren verschweigen allerdings, dass es sich bei dem Sitzmöbel um einen weißen, stapelbaren Standardgartenstuhl aus Plastik handelt, der mit Sicherheit millionenfach in der gesamten, auch der arabischen Welt verbreitet ist. Ein ernst zu nehmender Hinweis sieht anders aus.

Existiert das Video überhaupt?

Nick Berg vor seiner Enthauptung: Der  Plastikstuhl soll aus Abu Ghureib stammen
AFP

Nick Berg vor seiner Enthauptung: Der Plastikstuhl soll aus Abu Ghureib stammen

Innere Widersprüche in der Argumentation des Artikels werden gar nicht ausgeräumt. Existiert das Video überhaupt oder ist es bloß manipuliert? Die in London ansässige Redaktion von jazeera.com mag sich nicht festlegen. So heißt es etwa über die Ur-Quelle des Videos, dass es laut einem Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters zuerst im Internetforum al-Ansar aufgetaucht sei, aber: "al-jazzera sah sich die Seite innerhalb von 90 Minuten nach Öffentlichwerden der Geschichte an und konnte ein solches Video nicht finden." Nur die - westlichen - Sender BBC, Fox News und CNN hätten das Video downloaden können. Der Subtext ist klar: Eine westliche Verschwörung ist zumindest denkbar; arabische Sender konnten das Video schließlich nicht einmal finden.

Die insinuierte Behauptung, das Video habe gar nicht existiert, ist freilich blanker Unsinn. SPIEGEL ONLINE fand das Video auf der angegebenen und drei anderen Internetseiten - und zwar noch bevor es in Auszügen in westlichen Fernsehsendern zu sehen war. Auch Stunden, nachdem die Geschichte ihren Lauf genommen hatte, war es noch zu finden. Die Londoner Internet-Journalisten tarnen hier ihre eigene Rechercheschwäche als Verschwörung dunkler Mächte.

Zu wenig Blut?

Zweites äußerliches Indiz dafür, dass es sich um ein gefälschtes Video handele, soll die Tatsache sein, dass Berg in dem Video einen orangefarbenen Overall von just der Sorte trägt, die den Gefangenen der US-Armee im Lager von Guantanamo Bay auf Kuba ausgehändigt werden. Das mag zwar stimmen - doch warum dieser Umstand auf eine Aufnahme im irakischen Abu Ghureib hinweisen soll, lässt al-jazeera.com im Dunkeln.

Ähnlich aussageschwach ist auch der dritte Hinweis, nämlich dass "Farbe und Struktur" der Wand hinter Nick Berg den Wänden des Lagers von Abu Ghureib glichen: Sowohl auf Fotos wie auch auf Videos trügen die Farben oft und können nur schwer verglichen werden.

Weitere verbreitete Theorien gehen der Frage nach, ob das Opfer Berg überhaupt auf die im Video nahe gelegte Art und Weise, nämlich durch Enthauptung, zu Tode gekommen ist. Hier gleitet der Artikel ins Unappetitliche ab: So habe nicht einmal "ein instinktives Zucken" den Körper des US-Amerikaners durchfahren, als ihm mit dem Messer der Hals durchschnitten wurde. Außerdem fließe zu wenig Blut, um ein Durchtrennen der Halsschlagader glaubwürdig zu machen. Damit soll wohl nahe gelegt werden, dass Berg schon tot war, bevor die letzten Minuten des Videos aufgenommen wurden.

Viele Gerüchte, wenig Fakten

Schließlich widmet sich der Text einer ganz bestimmten Sequenz gegen Ende des Bandes. Deutlich sei hier zu erkennen, dass "eine Person mit US-Militärkappe" für einen kurzen Augenblick ins Bild ragt. Al-jazeera.com hielt es deshalb für nötig, die entsprechenden Sekunden des Bandes im bewegten Vorher-Nachher-Modus auf die Internetseite zu stellen.

Keines der in dem Text beschriebenen angeblichen Indizien ist neu. Seit Erscheinen des Videos kursieren sie auf arabischen ebenso wie westlichen Internetseiten. Mal wird behauptet, dass die Kopftücher der Araber auf die falsche Art und Weise gewickelt seien, der Dialekt des Haupttäters falsch sei, israelische Waffen im Bild zu sehen seien, und so weiter. Klare Beweise sucht man vergeblich; stattdessen gerät der Leser in einen Strudel von Vermutungen und Unterstellungen.

Wo ist al-Sarkawi?

Insbesondere in arabischen Foren wird auch die Täterschaft des Bin-Laden-Vertrauten Abu Mussab al-Sarkawi in Zweifel gezogen, der sich in einem Bekennerschreiben, das auf den üblicherweise von seiner Gruppe gewählten Internetseiten erschien, selbst der Tat bezichtigt hat. Mal heißt es, in Wahrheit sei al-Sarkawi schon lange tot; andere beziehen sich auf die freilich ebenfalls nicht zweifelsfrei bewiesene Meldung, al-Sarkawi habe schon vor längerem ein Bein verloren und wirke in dem Video deshalb unglaubwürdig gelenkig.

Dass ein 26-jähriger Mann vor laufender Kamera bestialisch ermordet wurde, spielt für die Verschwörungstheoretiker nur eine untergeordnete Rolle. Das Opfer, ein junger Mann, der ein wenig blauäugig vom großen Geschäft beim Aufbau einer Kommunikationsinfrastruktur im Irak träumte, interessiert sie überhaupt nicht. Und die Erklärung der Täter, sie wollten mit der Ermordung des Amerikaners die Erniedrigungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten rächen? Die Fakten werden einfach übergangen - nach der Devise: Wir glauben nur, was wir glauben wollen.

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