Enthüllung von US-Geheimdepeschen Datendesaster erschüttert Washington

Die ganze Welt kann nachlesen, wie Amerikas Außenpolitik funktioniert - die Enthüllung der Geheimdepeschen schockiert US-Diplomaten: Sie müssen nun wütende Kollegen in vielen Ländern besänftigen. Experten sehen die Beziehungen zwischen Botschaftern und ihren Gastländern schwer beschädigt.

Von , Washington

Clinton, Obama: "Diese Datenpanne ist ein schwerer Schlag für die US-Diplomatie"
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Clinton, Obama: "Diese Datenpanne ist ein schwerer Schlag für die US-Diplomatie"


Die Veröffentlichung von mehr als 250.000 vertraulichen Dokumenten des US-Außenministeriums durch die Internetplattform WikiLeaks hat Amerikas Hauptstadt in helle Aufregung versetzt. Die Enthüllung, die auch die Schlagzeilen von Medien in aller Welt bestimmt, schockiert vor allem Diplomaten.

"Diese Datenpanne ist ein schwerer Schlag für die US-Diplomatie", sagte Charles Kupchan, früher im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses für Europa zuständig, SPIEGEL ONLINE. Die Enthüllung blamiere Washington. Nun würden Informanten wohl kaum noch mit amerikanischen Diplomaten sprechen wollen - aus Angst, die Unterredungen könne bald jeder nachlesen.

Ähnlich sieht es Daniel Hamilton, ehemaliger stellvertretender Europa-Staatssekretär im US-Außenministerium. "Diese Publikation beschädigt die persönlichen Beziehungen zwischen amerikanischen Botschaftern und ihren Gastländern - und könnte manche von ihnen sogar zwingen, ihre Posten aufzugeben", sagte er.

Philip Murphy, gegenwärtig Deutschland-Botschafter der Vereinigten Staaten und wie nun bekannt Autor eines kritischen Botschaftskabels über Außenminister Guido Westerwelle ('wenig Substanz"), hat die Enthüllung als "persönlich unangenehm" bezeichnet. Auch John Kornblum, zwischen 1997 und 2001 Murphys Vorgänger, erwartete erhebliche Konsequenzen. "Es wird wohl erst mal eine Menge Drama geben", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Die Veröffentlichung kann die Zusammenarbeit zwischen Regierungen behindern. Manche Länder werden sicher erst einmal vorsichtiger sein, wenn sie mit uns sprechen."

Obama-Sprecher Robert Gibbs versuchte am Sonntag noch, die Bedeutung der Depeschen herunterzuspielen. Diese seien offen formuliert und oftmals unvollständig, sie vermittelten keine offizielle Regierungslinie und beeinflussten nicht unbedingt politische Entscheidungen. Doch Gibbs fügte auch hinzu: "Solche Enthüllungen gefährden unsere Diplomaten, Geheimdienstmitarbeiter und Menschen auf der ganzen Welt." Durch die Veröffentlichung würden die Interessen der US-Außenpolitik ebenso schwer beschädigt wie die "unserer Verbündeten und Freunde".

Diplomaten befürchten dauerhafte Verstimmung

Doch diese "Verbündeten und Freunde" sind vor allem erst einmal sauer. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE äußerten europäische Diplomaten Frust über die nun nachzulesenden Ausführungen der Amerikaner. "Es ist ziemlich erstaunlich, welche Werturteile sie sich in manchen Memos erlauben", sagte einer. Die nun bekannten Einschätzungen könnten für dauerhafte Verstimmung sorgen - dass Botschafter Murphy und Außenminister Westerwelle noch gute Freunde werden, wird in diplomatischen Kreisen so gut wie ausgeschlossen.

Die Sorge um ernsthafte diplomatische Verstimmungen teilt die Spitze des US-Außenministeriums offensichtlich, das belegen deren fieberhaften Aktivitäten der vergangenen Tage. Hochrangige Diplomaten, angefangen bei Ministerin Hillary Clinton persönlich, telefonierten mit Regierungen in der ganzen Welt, auch mit Westerwelle. Parallel kämmten amerikanische Experten die nun bekannt gewordenen Dokumente durch. Eine entsprechende Arbeitsgruppe war nach der letzten WikiLeaks-Veröffentlichung im Oktober von 120 Mitgliedern auf etwa die Hälfte reduziert worden, so US-Medienberichte. Nun ist sie wohl wieder in alter Stärke aktiv.

Zudem konferierten US-Regierungsvertreter mit den Medien, die vorab Zugriff auf das WikiLeaks-Material erhalten hatten, darunter auch der SPIEGEL. Dabei warnten sie davor, dass eine Veröffentlichung beispielsweise den Start-Abrüstungsvertrag mit Russland oder den Kampf gegen den Terrorismus behindern könne.

Der SPIEGEL verzichtet bei der Analyse der Botschaftsdepeschen fast überall darauf, die Informanten der Amerikaner kenntlich zu machen - es sei denn, allein die Person des Zuträgers stellt schon eine politische Nachricht dar. In einigen Fällen trug die US-Regierung Sicherheitsbedenken vor, manche Einwände hat der SPIEGEL akzeptiert, andere nicht. In jedem Fall galt es, das Interesse der Öffentlichkeit abzuwägen gegenüber berechtigten Geheimhaltungs- und Sicherheitsinteressen der Staaten. Das hat der SPIEGEL getan.

"Blut an ihren Händen"

Noch am Samstag schrieb zudem Harold Koh, Chefjurist des US-Außenministeriums, einen Brief an WikiLeaks-Chef Julian Assange. Darin forderte er ihn auf, jede weitere Publikation zu unterlassen, die bislang erhaltenen Dokumente zurückzugeben und alle Datenbanken zu löschen. Verhandlungen mit der Internetseite lehnte Koh strikt ab.

Rasch sind nun auch wieder Forderungen nach juristischen Schritten gegen WikiLeaks laut geworden. Der republikanische Senator Lindsey Graham empfahl Strafverfahren gegen die Betreiber der Internetseite, diese hätten "Blut an ihren Händen". Zunächst einmal scheinen die US-Behörden sich aber darauf zu konzentrieren, die vorhandenen Datenbanken sicherer zu machen - und so weitere Lecks zu erschweren. Bislang hatten fast 2,5 Millionen Menschen Zugang zu dem Datensystem, aus dem die nun bekannt gewordenen Depeschen wohl entwendet wurden - weit mehr als in anderen Staaten. Das System wurde nach den Anschlägen vom 11. September 2001 installiert, damit relevante Informationen zu Terroristen schneller zwischen Behörden ausgetauscht werden können.

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Politiker im Visier: So denken die US-Diplomaten
Mit dieser Offenheit könnte es, zumindest vorerst, vorbei sein, berichten amerikanische Medien. Für den einzelnen Nutzer soll es in Zukunft viel schwerer möglich sein, größere Mengen an vertraulichen Dokumenten herunterzuladen. "Eigentlich war das überfällig", sagte ein europäischer Diplomat SPIEGEL ONLINE. "Angesichts der Zahl von Menschen mit Zugriff ist es überraschend, dass eine solche Datenpanne nicht schon früher passiert ist."

Forum - Beschädigen die Wikileaks-Dokumente das Verhältnis zwischen den USA und ihren Bündnispartnern?
insgesamt 5856 Beiträge
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Waiguoren 28.11.2010
1.
"Merkel ist methodisch, rational und pragmatisch." Angie kommt doch gar nicht so schlecht weg.
Liberalitärer, 28.11.2010
2. Einstein
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Nein, das sind Einschätzungen und Kritik im Falle D schadet nicht. Niemand hier wird wohl G.W. Bush (den ich für ehrenwert halte) mit Einstein verwechseln.
werner thurner, 28.11.2010
3.
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Dann erfahren wir endlich mal die Wahrheit über die offizielle Denke in den USA. Die Wahrheit , oder annähernd die Wahrheit kann niemals irgendwas beschädigen. Das Verhätnis der USA zu den Verbündeten ist ja bereits durch die Bush Kriegspolitik und das Mitläufertum beschädigt, genauso wie die hierzu mißbrauchte NATO (Bündnsifall bis heute).
Smartpatrol 28.11.2010
4. Nicht schlecht
"Amerikas Botschafter können gnadenlos in der Beurteilung der Länder sein, in denen sie akkreditiert sind." Was man ihnen kaum vorhalten kann. Die Bewertung Westerwelles ist beispielsweise nichts als eine realistische, nüchterne Einschätzung. Keine der genannten Veröffentlichungen macht mir die USA unsympathischer, ganz im Gegenteil.
ramuz 28.11.2010
5. Nein.
Geht man von dem momentanen Level an Vertrauen, Ansehen, Kooperationswillen aus, das/den Akteure anderer Staaten den US entgegenbringen, kann es nicht beschädigt werden aus Sicht der anderen. Wenn die Akteure der US halbwegs intelligent sind, so wissen sie das auch. Theaterdonner halt...
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