Von Hans Hoyng, Cordula Meyer, Juliane von Mittelstaedt, Friederike Ott, Marcel Rosenbach, Gregor Peter Schmitz und Holger Stark
Hamburg - Erst Zehntausende Dokumente zum Afghanistan-Konflikt, nun Hunderttausende zum Irak-Krieg: Die Internetplattform WikiLeaks hat in der Nacht zu Samstag erneut eine riesige Sammlung interner Protokolle des US-Militärs veröffentlicht. Es handelt sich um 391.832 Feldberichte von US-Soldaten aus einer Datenbank des Pentagon - insgesamt ergeben sie eine Art Logbuch des Irak-Kriegs aus den Jahren 2004 bis Ende 2009.
Der SPIEGEL, der Londoner "Guardian", die "New York Times" und andere Medien haben die Dokumente ausgewertet und analysiert. Wie bei den rund 77.000 Afghanistan-Protokollen, die im Juli auf WikiLeaks veröffentlicht wurden, hat der SPIEGEL alles dafür getan, dass Menschenleben nicht gefährdet werden, die Namen potentieller Racheopfer entfernt und sensible Orte unkenntlich gemacht - die Gefährdung von Informanten und Soldaten im Irak ist die Hauptsorge der US-Regierung, die deshalb gegen WikiLeaks vorgehen will.
Man missbillige, dass WikiLeaks Personen zur illegalen Weitergabe von Geheimdokumenten gebracht habe, teilte die US-Regierung dem SPIEGEL mit (kompletter Wortlaut der Reaktion siehe Kasten). Diese Informationen würden nun "leichtfertig mit der ganzen Welt" geteilt, "einschließlich unseren Feinden". WikiLeaks gefährde so das Leben von Soldaten, Alliierten und Irakern. Außerdem handle es sich nur "um die ersten, noch unbearbeiteten Beobachtungen von Einheiten an der Front", um Momentaufnahmen, "mal tragisch und mal belanglos". Vieles davon sei aus den Medien ohnehin bekannt.
Sie zeigen den Alltag des Konflikts, wie US-Soldaten ihn erlebt haben. Darüber hinaus lässt sich aus den Abertausenden Bedrohungsanalysen, Angriffsberichten und Verhaftungsprotokollen aber auch sehr genau rekonstruieren, wie sich der islamische Bruderkampf zwischen Schiiten und Sunniten entfaltet hat, wie sich die Gesellschaft brutalisierte, wie Entführungen, Hinrichtungen und Folter von Gefangenen Routine wurden. Auch Aktivisten aus den Nachbarstaaten Syrien, Iran und Jordanien mischten sich den Dokumenten zufolge in diesen Krieg ein. SPIEGEL ONLINE wird diese Themen in einer Artikelserie einzeln beleuchten. Unsere Nutzer können außerdem in einer interaktiven Irak-Karte Tag für Tag durch die komplette Datenbank der WikiLeaks-Dokumente blättern:
Aber in der Summe zeigen sie ein genaues Abbild eines sogenannten asymmetrischen Krieges: Eine hochgerüstete Armee steht auf dem Schlachtfeld zusehends hilflos einzelnen Kampfzellen gegenüber, die so brutal wie trickreich agieren. Das Material zeigt, wie allgegenwärtige Angst die Soldaten der letzten verbliebenen Supermacht der Welt lähmt: Geht gleich die nächste Sprengfalle hoch? An der Straßenecke? Am Wegesrand? Am Körper eines Aufständischen?
Bushs Siegeserklärung - durch die Protokolle restlos konterkariert
Die Protokolle beginnen am 1. Januar 2004, an dem zwischen Kirkuk im Norden des Landes und Basra im Süden die Explosionen von sieben Sprengsätzen gemeldet werden, und enden am 31. Dezember 2009 mit drei Anschlägen. "Bombenexplosion", "Beschuss durch Feinde", "Waffenfunde" - wie die Afghanistan-Memos pressen auch die Irak-Protokolle den Krieg in ein grobes Raster aus militärischen Begriffen. Allerdings, und das ist ein Unterschied zu den Afghanistan-Dokumenten, beschreiben die Irak-Protokolle einen Krieg, der offiziell für gewonnen erklärt worden war. Der damalige US-Präsident und Oberbefehlshaber George W. Bush sagte am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln": "Die Hauptkampfhandlungen im Irak sind beendet." Die Feldberichte der Soldaten machen klar, dass diese Behauptung noch auf Jahre hinaus unzutreffend war.
Oft ist das Grauen hinter militärischen Abkürzungen versteckt. Die Zahlen- und Buchstabenfolge "13 AIF KIA" steht dann für 13 getötete Gegner ("13 anti-iraqi forces killed in action") - etwa am 12. Juli 2007, als US-Kampfhubschrauber in der weltweit als "Collateral Murder" bekannt gewordenen Aktion in Wahrheit auf unschuldige Iraker am Boden feuerten. Dass bei jenem Einsatz etwas schiefgelaufen sein muss, wird in dem Geheimdokument durch den Hinweis deutlich, dass es auch "2 LN children WIA" gab, in Langform "2 local national children wounded in action" - soll heißen, es wurden zwei irakische Kinder verletzt.
An anderer Stelle berichten US-Soldaten, ein Kommandeur der schiitischen Mahdi-Milizen habe seine Ehefrau umgebracht. Begründung: Sie habe ihn bei einer "extralegalen Tötung" beobachtet, also einem Mord, und ihn dabei mit ihrem Mobiltelefon gefilmt.
Obama erklärte den "dummen Krieg" ein zweites Mal für beendet
Die Dokumente belegen hunderttausendfach, was im schlimmsten Fall mit einer Gesellschaft im Krieg passiert - wie sie sich allmählich selbst zu zerstören droht und an den Rande des Zusammenbruchs kommt. Ein offener Bürgerkrieg zwischen den Bevölkerungsgruppen wurde im Irak in jenen Jahren nur knapp verhindert.
Inzwischen hat Bushs Nachfolger Barack Obama die Kampfhandlungen offiziell ein zweites Mal für beendet erklärt. Am 1. September dieses Jahres hat die Hilfs- und Ausbildungsmission "Neue Morgenröte" die Operation "Irakische Freiheit" abgelöst. Doch außer dem überaus optimistischen Namen des Einsatzes gab es keine Spuren eines Triumphs, kein Flugzeugträger wurde vom Bug zum Heck mit Flaggen geschmückt, keine jubelnden Heimkehrer durften bislang den Broadway hochmarschieren. Obama, von Anfang an ein Gegner dieses seiner Meinung nach "dummen Kriegs", verwies in seiner Rede aus dem Oval Office nicht nur auf die Opfer, sondern auch auf die materiellen Kosten dieses Krieges: "über eine Billion Dollar, die wir uns oft genug im Ausland holen mussten". Vom selben Ort aus, an dem sein Vorgänger den Beginn dieses Krieges verkündete, erklärte er dessen Ende, als wäre eine ganz andere, weitaus demütigere Nation aus diesem Krieg hervorgegangen.
So verheerend wie Vietnam für das Ansehen der USA
3884 US-Soldaten sind nach offiziellen Angaben von 2004 bis Ende 2009 im Irak gefallen, dazu 224 Soldaten verbündeter Nationen, weit mehr als 8000 irakische Sicherheitskräfte - wobei für das Jahr 2004 einigermaßen verlässliche Zahlen fehlen - und nach unabhängigen Zählungen 92.003 irakische Zivilisten, deren Tod in mindestens einer Quelle dokumentiert ist. 104.111 Tote sind das insgesamt. Das kommt jener Zahl nahe, die in den nun bekannt gewordenen Dokumenten genannt wird: 109.032. Es ist damit ein nicht ganz so verheerender Krieg wie etwa jener in Vietnam mit seinen drei Millionen Toten. Aber es ist einer, der sich nicht weniger verheerend auf das Ansehen der USA ausgewirkt hat.
Einen Monat vor Beginn der Invasion hatte Bush geprahlt, der Sturz des Diktators Saddam Hussein werde "ein dramatisches und inspirierendes Beispiel für die Freiheit anderer Nationen in dieser Region" abgeben. Nach sieben Kriegsjahren dann zog eine demoralisierte US-Armee vom Schlachtfeld, die an die hehren Ziele des Feldzugs längst nicht mehr geglaubt hatte.
Die Dokumente spiegeln das wider: Von Demokratie ist in den knapp 400.000 Dokumenten genau achtmal die Rede. Von den sogenannten improvisierten Sprengsätzen der Aufständischen, die die US-Soldaten zu fürchten gelernt hatten, 146.895-mal.
Dokumentation: Almut Cieschinger, Johannes Eltzschig, Anne-Sophie Fröhlich, Bertolt Hunger, Hauke Janssen, Ralf Krause, Thorsten Oltmer, Claudia Stodte, Stefan Storz, Rainer Szimm
Grafische Umsetzung: Christopher Kurt, Hanz Sayami
Videos: Bernd Czaya, Janita Hämäläinen, Katrin Krause, Jens Radü
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