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Enthüllungsjournalist Seymour Hersh: "George W. Bush denkt, dass er Gottes Arbeit tut"

Seymour Hersh ist vermutlich der unbeliebteste Journalist im Weißen Haus. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Reporter mit den guten Beziehungen zu US-Geheimdiensten über das iranische Atomprogramm - und übt heftige Kritik an der Strategie seiner Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat sich in New York bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen wieder einmal als Opfer dargestellt. Iran sei lediglich an ziviler Nukleartechnik interessiert. Was weiß der Westen wirklich über das Nuklearprogramm in Iran?

Hersh: Sehr viel. Und es wurde unterschätzt, wie viel die Atomenergiebehörde (IAEA) weiß. Denken Sie daran, was der Generaldirektor der IAEA Mohamed ElBaradei und die zahlreichen Berichte aussagten. Die Iraner haben behauptet, Uran in höherer Konzentration angereichert zu haben, als man bräuchte, um einen friedlichen Nuklearreaktor zu versorgen. Aber die äußerste Schätzung der IAEA liegt bei ungefähr 3,67 Prozent. Die IAEA sagte immer, dass der Iran Fortschritte macht, aber in Wahrheit ist das Land noch lange nicht so weit. Natürlich gehen die USA und Israel vom Schlimmsten aus, aber es gibt nicht genug Anhaltspunkte, die einen Bombenangriff rechtfertigen würden.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nur ein weiterer Fall, die Angst zu schüren, wie wir es 2002 und 2003 in der Vorbereitung des Irak-Krieges sahen?

Hersh: Wir haben diese wunderbare Eigenschaft in Amerika, Menschen zu "hitlerisieren". Wir hatten Hitler, und seit Hitler hatten wir zwanzig weitere. Chruschtschow und Mao und natürlich Stalin, und für eine kurze Zeit war Gaddafi unser Hitler. Und jetzt haben wir diesen Kerl Ahmadinedschad. Die Wahrheit ist, er ist nicht einmal annähernd so mächtig in seinem Land wie wir es gern glauben möchten. Die revolutionären Kräfte haben direkte Kontrolle über das Raketenprogramm und wenn es ein Atomwaffenprogramm gäbe, dann wären sie es, die es bedienen würden. Nicht Ahmadinedschad.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt dieses Gefühl von Gefahr, das wir mit Iran verbinden?

Hersh: Durch das Drängen des Weißen Hauses. Das ist deren Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Welche Interessen verfolgt das Weiße Haus damit, uns an die Schwelle eines Konflikts mit Teheran zu drängen?

Hersh: Sie müssen sich selber die Frage stellen, welchen Grund wir vor 40 Jahren hatten, gegen Vietnam in den Krieg zu ziehen. Man könnte meinen, dass dieses Land mit so vielen schlauen Menschen unmöglich eine solche Dummheit wieder begehen würde. Ich habe die Theorie im Leben, dass es kein Lernen gibt. Es gibt keinen Lernprozess. Alles ist tabula rasa. Jeder muss seine Fehler immer wieder neu machen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst nach dem Irak-Krieg? Gibt es keine strategischen Gründe dafür, sich so tief auf den Mittleren Osten einzulassen?

Hersh: Oh nein. Wir werden die Demokratie aufbauen. Dieser Präsident hat sich in den Kopf gesetzt, den Mittleren Osten umzuformen. Er glaubt wirklich daran. Ich hab immer gedacht, Henry Kissinger war ein Desaster. Er log wie andere Leute atmen, und das war in der Öffentlichkeit unmöglich. Aber wenn Kissinger jetzt noch da wäre, dann wäre ich erleichtert, denn ich wüsste, dass der Wahnsinn an irgendeinen Öl-Deal gekoppelt wäre. Aber in diesem Fall, ist es anders. George W. Bush denkt, dass er Gottes Arbeit tut.

SPIEGEL ONLINE: Was sind also die Optionen im Irak?

Hersh: Es gibt zwei klare Optionen: Option A: Bringt alle raus, noch heute bis Mitternacht. Option B: Bringt alle raus, morgen bis Mitternacht. Das Öl, welches das Feuer im Irak weiter brennen lässt, sind wir.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute haben gesagt, dass die Präsenz der Amerikaner ein großes Problem ist. Stimmt dem irgendjemand aus der Regierung zu?

Hersh: Nein. Der Präsident redet immer noch von der Surge-Strategie, als würde sie das Land einen. Im Rahmen dieser Strategie wurde das Truppenkontingent deutlich erhöht. Aber The Surge war ein Schwindel. In Wahrheit haben wir das Land "balkanisiert", Mauern gebaut und Sunniten von Schiiten abgeschottet. Und die Provinz Anbar, wo man erfolgreich war, haben alle Schiiten verlassen. Die Gruppen wurden einfach geteilt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund für die Abnahme der Gewalt in der Region?

Hersh: Ich glaube, das ist ein sehr viel besserer Grund als der, dass es dort nun ein paar mehr Soldaten vor Ort gibt.

SPIEGEL ONLINE: Was sind also die Lehren aus The Surge?

Irak: Strategien und Abzugspläne
The Surge
Im Januar 2007 reagierte die US-Regierung mit dem sogenannten "Surge" ("Die Woge") auf die dramatische Lage im Irak. Ziel war es, durch eine Offensive und Aufstockung der US-Soldaten die Sicherheitslage zu verbessern. Fünf weitere Brigaden (rund 20.000 Mann) wurden entsandt, um die 132.000 bereits im Irak stationierten US-Militärs und die Einheiten der irakischen Armee zu unterstützen.

Die USA hofften, der irakischen Regierung auf diesem Weg die Durchsetzung politischer Reformen zu ermöglichen und die Versöhnung der verfeindeten ethnischen und religiösen Gruppen voranzutreiben. Durch großzügige finanzielle Unterstützung sollten Arbeitsplätze geschaffen werden und so die Normalität im Irak wieder Einzug halten.

Tatsächlich konnte "The Surge" militärische Fortschritte gegen sunnitische Aufständische und radikale Schiiten verzeichnen, der politische Versöhnungsprozess scheint jedoch weiter zu stagnieren.
Der Bagdad-Plan
Um die irakische Hauptstadt zu sichern, wurde im Januar 2007 der "Bagdad-Plan" entwickelt. Er sollte den Zusammenhalt der irakischen Regierung und ihrer Sicherheitseinrichtungen gewährleisten. Ziel war die Rückgewinnung der irakischen Kontrolle über Bagdad.

Neben der gemeinde- und konfessionsunabhängigen Verfolgung von Terroristen und Extremisten sollte der Schutz der Bevölkerung in den Mittelpunkt treten. Mit einer flankierenden Wirtschafts- und Wiederaufbauhilfe wollte man Arbeitsplätze schaffen und die Normalisierung des Alltagslebens in der irakischen Hauptstadt wieder erlangen.

Bis heute tobt jedoch hinter der demokratischen Fassade Bagdads noch immer das politische Chaos. Die Regierung hat die Hauptstadt keineswegs im Griff.
Die Baker-Hamilton-Kommission
Die Baker-Hamilton-Kommission ("Iraq Study Group") wurde im Mai 2006 vom US-Kongress berufen, um eine unabhängige Beurteilung der Situation im Irak zu leisten und Empfehlungen zu geben. Die Kommission setzte sich je zur Hälfte aus Demokraten und Republikanern zusammen und stand unter der Leitung des früheren Außenministers James Baker und des Demokraten Lee H. Hamilton.

Die Ergebnisse wurden am 6. Dezember 2006 vorgestellt. Der Abschlussbericht forderte, die irakische Armee und die Sicherheitskräfte bis 2008 in die Lage zu versetzen, die Sicherheit im Land zu garantieren. Die Kommission schlug außerdem vor, kurzfristig das Truppenaufgebot zu verstärken und bis 2008 wieder stark zu minimieren. Lediglich amerikanische Stützpunkte und Spezialkräfte sollten im Irak bleiben.

Probleme sollten nicht militärisch, sondern diplomatisch gelöst werden. So forderte die Gruppe direkte Gespräche der USA mit Iran und Syrien. Präsident Bush verwarf besonders letztere Empfehlung sowie den Vorschlag, die Truppenstärke drastisch zu reduzieren.
Der Abzug der Briten
Im Juli 2007 begann der neue britische Premier Gordon Brown damit, sich vorsichtig von der Irak-Politik seines Vorgängers Tony Blair abzusetzen: Der Teilabzug von 1600 Soldaten machte den Anfang.

Die vorerst letzte Phase des Abzugs der Briten startete in der Nacht des 1. September 2007. Rund 550 britische Soldaten räumten den letzten Stützpunkt in Basra in einem Ex-Palast Saddam Husseins.

Von den anfangs 11.000 britischen Soldaten, die im März 2003 im Irak stationiert waren, sollen Ende 2007 noch 5000 übrig sein. Im Oktober 2007 will sich Brown zu einem eventuell vollständigen Abzugsplan äußern.
Hersh: The Surge heißt im Grunde, dass Präsident Bush akzeptiert hat, dass es ethnische Säuberungen gibt, ob er nun darüber spricht oder nicht. Im Januar hat er The Surge noch als eine Möglichkeit dargestellt, die verschiedenen Gruppen zusammenzubringen. Das sagt er heute nicht mehr. Ich glaube, er hat verstanden, dass das, was nun dort passiert, eine ethnische Säuberung ist. Es wird ein Kurdistan geben. Es wird eine Sunniten-Region geben, die wir für immer unterstützen müssen. Und es wird die Schiiten im Süden geben.

SPIEGEL ONLINE: Wie zulässig sind die Vergleiche des Irak-Kriegs mit dem Vietnam-Krieg?

Hersh: Gültigkeit hat der Vergleich insofern, als dass sich die USA in einem Guerilla-Krieg befinden und sie die Kultur nicht kennen. Der Vietnam-Krieg war irgendwann nicht mehr haltbar - wegen des Widerstandes aus dem Kongress und der Öffentlichkeit. Aber der heutigen Regierung ist das egal. Sie sehen es, aber es macht ihnen nichts aus.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Irak-Krieg als Niederlage für die Amerikaner endet, wird er genauso tiefe Wunden hinterlassen, wie der Krieg in Vietnam?

Hersh: Viel schlimmer. Vietnam war ein taktischer Fehler. Dies ist ein strategischer. Wie kann man einen Schaden an ganzen Kulturen wieder wett machen? An der Heimatfront werden wir es wegdiskutieren. Keine Sorge. Auch da gibt es keinen Lernprozess. Wir werden bereit sein, in zwei Jahrzehnten den nächsten dummen Krieg zu führen.

Das Interview führte Charles Hawley am Rande der Preisverleihung des Demokratiepreises 2007.

Aus dem Englischen übersetzt von Marie Preuß

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