Entwicklungshilfe für Afrika "Probleme verschwinden nicht durch Säcke mit Reis und Mais"

Rund zwei Billionen Dollar bekamen afrikanische Regierungen in den vergangenen 50 Jahren im Kampf gegen Hunger und Elend. Doch die sambische Finanzexpertin Dambisa Moyo meint, Entwicklungshilfe bringe den Kontinent nicht voran, sie schade ihm sogar. Der Westen solle seine Zahlungen einstellen.

Hilfslieferung für Somalia: "Eure Finanzkrise ist unsere Chance"
REUTERS

Hilfslieferung für Somalia: "Eure Finanzkrise ist unsere Chance"


SPIEGEL ONLINE: Sie fordern, die Entwicklungshilfe einzustellen, weil diese ineffektiv sei. Und das in einer Zeit, da in Somalia 750.000 Menschen vom Hungertod bedroht sind?

Moyo: Am Horn von Afrika herrscht eine Notfall-Situation, Hilfe ist dort auf jeden Fall nötig. Aber wir sollten bescheiden sein: Ich glaube nicht, dass die Probleme verschwinden, weil nun säckeweise Reis und Mais dorthin geschickt werden. Afrika ist der einzige Kontinent, auf dem es immer wieder Hungersnöte gibt. 400 bis 500 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen, dabei ist es der Kontinent mit dem meisten fruchtbaren Ackerland. Da läuft doch etwas falsch.

SPIEGEL ONLINE: Was muss geschehen, damit es dort keinen Hunger mehr gibt?

Moyo: Wir sollten sagen: Gut, wir helfen euch, aber was tut ihr selbst, um künftig Hungersnöte zu vermeiden? Der Westen achtet doch auch in Griechenland auf strikte Sparauflagen und verlangt Reformen. In Afrika aber fordern wir nichts dergleichen – und deshalb kann man sicher sein, dass es nächstes Jahr wieder irgendwo eine Hungersnot gibt.

SPIEGEL ONLINE: Katastrophen wie die in Somalia sind das eine. Braucht Afrika aber nicht auch langfristige Hilfsprogramme, damit es seine Probleme in den Griff bekommt?

Moyo: Ich bin dagegen, weiterhin automatisch jedes Jahr Milliarden Dollar in Form von Billig-Krediten oder Budgethilfen nach Afrika zu pumpen. Dieses Geld hat Abhängigkeit und Inflation erzeugt, es lässt die Menschen gar nicht erst produktiv werden. Seit 40 Jahren zahlt der Westen zuverlässig Hilfe, und trotzdem gibt es in Afrika noch immer eine miese Infrastruktur, schlechte Ausbildung und ein lausiges Gesundheitssystem. Die Armut hat sogar zugenommen, seit Entwicklungshilfe gezahlt wird. 1970 lebten zehn Prozent der Afrikaner in Armut, inzwischen etwa 50 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben es afrikanische Regierungen nicht geschafft, die rund zwei Billionen Dollar, die ihnen in den letzten 50 Jahren zuflossen, vernünftig einzusetzen?

Moyo: Weil die Hilfe eben kaum an Auflagen gebunden war. Die Geberländer lassen es zu, dass Afrikas Führer dieses Geld in die Schweiz schaffen und später damit auf den Champs-Élysées shoppen gehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum rebelliert niemand gegen korrupte afrikanische Herrscher?

Moyo: Wie sollen wir normalen Afrikaner unsere Eliten zur Rechenschaft ziehen, wenn immer wieder jemand aus dem Westen kommt und sagt: Macht euch keine Sorgen, wir zahlen weiter, egal, was ihr mit dem Geld anstellt? Einmal hat ein afrikanischer Präsident zu mir gesagt: Du kannst machen, was du willst: Du kannst betrügen, du kannst deine Landsleute ermorden. Solange es bei dir Hunger und Krankheiten gibt, wird sich der Westen um dich kümmern. Deshalb stehlen und betrügen afrikanische Regierungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden den Geldhahn zudrehen?

Moyo: Ich habe nie gesagt, dass man die Entwicklungshilfe von heute auf morgen stoppen soll. Aber wir brauchen ein zeitlich umrissenes Ausstiegsprogramm. Die Hilfsbereitschaft wird angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise sowieso abnehmen: Wer kann von den hochverschuldeten Griechen oder Italienern noch verlangen, dass sie Entwicklungshilfe schicken? Eure Finanzkrise ist also unsere Chance: Sie könnte Afrika zwingen, endlich Verantwortung zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt asiatische Länder, denen westliche Hilfe sehr gut getan hat.

Moyo: Für Südkorea kann man das vielleicht sagen, im Fall Indien aber schon nicht mehr, dort hat eine grüne Revolution den Fortschritt gebracht.

SPIEGEL ONLINE: … der Anbau besserer Weizen- und Reissorten mit Hilfe amerikanischer Experten.

Moyo: Der fundamentale Unterschied zu Afrika ist: Hilfsprogramme wie das für Südkorea waren begrenzt, sie liefen eine absehbare Zeit. Südkorea wusste, dass es bald auf eigenen Beinen stehen muss. In Afrika haben sich die Politiker darauf eingestellt, dass es ewig Hilfe geben wird.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt drängen die Chinesen auf den Kontinent. Sie investieren in den Rohstoff- und Nahrungssektor, kümmern sich aber nicht um die Umwelt und schon gar nicht um die Menschenrechte. Beunruhigt sie das?

Moyo: Die Chinesen wollen weder Demokratie durchsetzen noch ihre Religion, es treibt sie auch kein koloniales Schuldgefühl. Sie kommen im Namen Chinas, sie brauchen Kupfer und Öl. Viele Afrikaner lieben sie, weil sie Straßen und Stadien bauen und Arbeitsplätze schaffen. Das sind Fortschritte, die uns der Westen in den letzten 40 Jahren immer wieder versprochen, aber nie wirklich gebracht hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Chinesen stützen sich erst recht auf korrupte Eliten.

Moyo: Sie sind nicht perfekt. Aber sie tun nichts, was die westlichen Länder in den letzten 40 Jahren nicht auch getan hätten. Der Westen sollte es besser lassen, die Afrikaner vor den Chinesen zu warnen.

SPIEGEL ONLINE: Es ist eine Art Landraub, was jetzt in Afrika passiert: Große Konzerne – vor allem chinesische – kaufen den Boden zu Dumpingpreisen, um dort Mais und Getreide für den Export anzubauen. Die Afrikaner aber hungern weiter.

Moyo: Das sind Investments, es ist kein Landraub. Die Europäer sollten ihre Märkte öffnen, damit wir Afrikaner unsere Produkte verkaufen können. Aber die EU und die USA subventionieren ihre Landwirtschaft, so dass afrikanische Erzeugnisse dort keine Chance haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen sich die Afrikaner mit Geld versorgen, wenn es keine Entwicklungshilfe mehr gibt?

Moyo: Sie könnten Staatsanleihen ausgeben. Der Finanzmarkt würde jene Länder sofort bestrafen, die sie später nicht einlösen.

SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch ist es, dass amerikanische Rentenfonds oder deutsche Versicherungen ihr Geld künftig in Liberia oder Malawi anlegen?

Moyo: 60 Prozent der Afrikaner sind jünger als 24 Jahre, sie brennen darauf, Teil der weltweiten Facebook-Twitter-Gemeinschaft zu werden, sie wollen Plasma-Fernseher haben wie die jungen Leute in Europa. Afrika ist ein Markt, der Westen verpasst hier eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Wir sprechen von einem Kontinent, auf dem vielerorts noch gekämpft, gemordet und vergewaltigt wird.

Moyo: Vieles davon wird übertrieben. Was zeigt uns das Fernsehen aus Afrika? Meist nur die Fliegen im Gesicht eines hungernden Kindes in Somalia. Haben Sie in letzter Zeit irgendwann mal gute Nachrichten aus Afrika gehört?

SPIEGEL ONLINE: Dass es auf dem Kontinent jede Menge Krieg und Krisen gibt, ist unbestritten. Sie bauen darauf, dass die Kräfte des Marktes die Fehlentwicklungen korrigieren werden?

Moyo: Ich glaube, dass der Markt disziplinierend wirken kann. Wer schlecht regiert, wird ausgeschlossen. Die Investoren müssten in diesem Fall sagen: Solange ihr Eure Probleme nicht löst, legen wir kein Geld bei Euch an. So würden die Afrikaner das erleben, was einige europäische Länder gerade durchmachen.

Das Interview führten Jan Puhl und Thilo Thielke



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Seite 1
Steinwald 18.09.2011
1. d
da läuft manches falsch, ist ein guter ansatz, die hilfe zu erändern. aber was anderes fällt doch auf. zwei billionen dollar gabs in den letzten 50 jahren. der krieg gegen terror ha bislang vier billionen gekostst. und jaaaaaaa, ich finde, das kann und das MUSS man in beziehung setzen,herrgott nochmal. ansonsten, läuft.
suai 18.09.2011
2. Diese Diskussion
[ist mehr als 10 Jahre alt. Peinlich, dass SPON erst jetzt dieses Thema aufgreift. Typisch für die bornierte deutsche Medienlandschaft und das total mangelnde Interesse Afrika einmal anders als durch die charitative Brille zu sehen. QUOTE=sysop;8741326]Rund zwei Billionen Dollar bekamen afrikanische Regierungen in den vergangenen 50 Jahren im Kampf gegen Hunger und Elend. Doch die sambische Finanzexpertin Dambisa Moyo meint, Entwicklungshilfe bringe den Kontinent nicht voran, sie schade ihm sogar. Der Westen solle seine Zahlungen einstellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785958,00.html[/QUOTE]
mauimeyer 18.09.2011
3. Neuigkeitswert?
Zitat von sysopRund zwei Billionen Dollar bekamen afrikanische Regierungen in den vergangenen 50 Jahren im Kampf gegen Hunger und Elend. Doch die sambische Finanzexpertin Dambisa Moyo meint, Entwicklungshilfe bringe den Kontinent nicht voran, sie schade ihm sogar. Der Westen solle seine Zahlungen einstellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785958,00.html
Das Ganze ist nicht neu! Ich habe schon vor 30 Jahren mit einem Hydro-Ingenieur, der in Afrika in verschiedenen Staaten tätig war, erfahren, daß unsere ganze Hilfe für "die Katz" ist. Ein neueres Beispiel ist Südafrika, wo alles langsam den Bach runter geht! Wir helfen zwar nicht - aber die "weißen Srtukturen und unsere Technologie passt eben nicht auf diesen Kontinent! Die Chinesen helfen ja auch nicht wirklich - sie beuten aus, wie wir vor 100 Jahren! Kauri
dashaeseken 18.09.2011
4. Oje oje..wenn das Grüne und Gutmenschen lesen..
Zitat von sysopRund zwei Billionen Dollar bekamen afrikanische Regierungen in den vergangenen 50 Jahren im Kampf gegen Hunger und Elend. Doch die sambische Finanzexpertin Dambisa Moyo meint, Entwicklungshilfe bringe den Kontinent nicht voran, sie schade ihm sogar. Der Westen solle seine Zahlungen einstellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785958,00.html
wird das Geschrei wieder groß sein...historische Verantwortung, Menschenrechte...blabla. Dabei hat die Frau völlig recht. Wir haben in diesem unseren Land auch Leute, die nichts zu essen und keine Wohnung haben, das sollten diejenigen sein, um die sich der deutsche Staat zu kümmern hat.
Christian Krippenstapel 18.09.2011
5. DAS ist der springende Punkt!
Zitat: "Die Europäer sollten ihre Märkte öffnen, damit wir Afrikaner unsere Produkte verkaufen können. Aber die EU und die USA subventionieren ihre Landwirtschaft, so dass afrikanische Erzeugnisse dort keine Chance haben. " Genau DAS ist der wunde Punkt: Der Hunger in Afrika war eigentlcih nie das Ergebnis einer zu geringen Nahrungsmittelerzeugung bzw. von zu wenig Ackerflächen, sondern von Protektionismus der Agrarmärkte der Industrienationen. Paradoxerweise haben vor allem die künstlich heruntersubventionierten Lebensmittelpreise der Industrienationen den Hunger verusacht. Die nimmer versiegenden "Spenden zugunsten armer Negerkinder" haben dabei nur die herrschenden Mißstände zementiert, aber geholfen haben sie nicht, höchstens unserem eigenen schlechten Gewissen. Afrika braucht keine Almosen. Afrika braucht endlich eine faire Cahnce und das geht nur, indem die weltweiten Agrarmärkte dereguliert werden.
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