Entwicklungshilfe G8 startet 20-Milliarden-Plan gegen Hunger

Die G-8-Staaten planen eine Kehrtwende in der Entwicklungspolitik. Eine Initiative sieht vor, weniger Nahrungsmittel in Hungergebiete zu schicken und stattdessen die regionale Landwirtschaft zu unterstützen. Der Plan umfasst Investitionen von 20 Milliarden Dollar - doch Experten sind skeptisch.


L'Aquila - Mehr Hilfe zur Selbsthilfe: Zum Abschluss ihres Gipfels im italienischen L'Aquila stellen die führenden Industriestaaten und Russland (G8) am Freitag die Weichen der Entwicklungspolitik neu. Mit 20 Milliarden Dollar wollen sie Bauern in den ärmsten Ländern der Welt unter die Arme greifen. Die Summe nannte der italienische G8-Scherpa Giampiero Massolo am Freitagmittag. Zuvor war von 15 Milliarden Dollar die Rede gewesen.

G-8-Gipfel in L'Aquila: Kehrtwende bei der Entwicklungshilfe
AP

G-8-Gipfel in L'Aquila: Kehrtwende bei der Entwicklungshilfe

Statt Nahrungsmittel in Hungergebiete zu liefern und so lokale Märkte kaputtzumachen soll den Landwirten geholfen werden, die Produktion anzukurbeln. Die Initiative wird vor allem von den USA und Japan getragen. Hilfsorganisationen bemängeln allerdings die zu geringe finanzielle Ausstattung des Projekts (umgerechnet 14,38 Milliarden Euro).

Die armen Länder, insbesondere in Afrika, leiden massiv unter der schwersten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren, zumal die Industrieländer ihre angeschlagenen Volkswirtschaften mit gewaltigen Finanzpakten stützen und selbst oft klamm sind.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die Industrieländer wollten trotz der Krise die Entwicklungshilfe nicht kürzen. Die G8 stünden zu ihren Verpflichtungen. Merkel wertete den Gipfel, der Fortschritte in der Klimaschutzdebatte brachte, als gelungen: "Die Welt ist ein Stück zusammengerückt."

Vertreter der Vereinten Nationen begrüßten den Vorstoß der Industrienationen. Die Abkehr von Nahrungsmittelhilfen hin zu mehr Selbsthilfe sei ein längst überfälliger Schritt. Dennoch dürfe Lebensmittelhilfe nicht gänzlich wegfallen, sagte Jacques Diouf, Chef der FAO, der Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation. Die Kehrtwende sei "ein ermutigender Schritt", sagte er. "Nahrungsmittelhilfe ist aber nötig, weil Menschen unter Dürre, Überschwemmungen und Konflikten leiden, und was sie sofort brauchen, sind Lebensmittel. Aber wenn wir es mit einer Milliarde hungriger Menschen zu tun haben, müssen wir ihnen dabei helfen, dass sie selbst Nahrungsmittel anbauen können."

Kritik an dem Plan der G8 kam von Hilfsorganisationen. Oxfam begrüßt zwar die Zusage. Völlig unklar sei aber, ob es sich um schon zugesagte Mittel oder frisches Geld handele. "Angesichts des dramatischen Ausmaßes der Hungerkrise sind zudem mindestens 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr zusätzlich nötig", schrieb Oxfam. "Die Zahl der weltweit hungernden Menschen ist allein im Jahr 2008 um 100 Millionen gestiegen."

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP handelt es sich nicht ausschließlich um zusätzliche, sondern auch um bereits zugesagte und vorhandene Gelder. Die Summe soll demnach über einen Zeitraum von drei Jahren ausgezahlt werden. "Es besteht die dringende Notwendigkeit, die Menschheit von Hunger und Armut zu befreien", heißt es in dem Entwurf. "Wir haben nun vor, unsere Hilfsmittel deutlich zu erhöhen, die in Richtung Landwirtschaft und Nahrungsmittelsicherheit abzielen."

Die G-8-Staaten wollen künftig regelmäßig überprüfen, ob sie ihre 2005 im schottischen Gleneagles gemachten Versprechen einhalten - etwa das, die Entwicklungshilfe für Afrika bis 2010 um 25 Milliarden Dollar pro Jahr zu erhöhen.

Kampf gegen Hunger, Armut, Bildungsnotstand

Der Abschluss des dreitägigen Treffens war ganz der Bekämpfung von Hunger, Armut und Bildungsnotstand in den Entwicklungsländern gewidmet. Laut Welternährungsorganisation überschreitet die Zahl der Hungernden aufgrund der Wirtschaftskrise in diesem Jahr erstmals die Milliardenschwelle.

Die Staats- und Regierungschefs der G8 trafen am Morgen mit ihren Kollegen aus Algerien, Nigeria, Senegal, Ägypten, Angola und Libyen zusammen, das derzeit den Vorsitz der Afrikanischen Union innehat. Erstmals bei einer solchen Konferenz saß damit der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi am Tisch, der politisch über Jahrzehnte isoliert war. Am Vorabend hatte US-Präsident Barack Obama dem Libyer die Hand gegeben - ein historisches Ereignis.

28 Staaten waren in der Runde vertreten, so viele wie nie zuvor bei einem G-8-Gipfel. Hinzu kamen 13 internationale Organisationen und Staatengemeinschaften. Es war der größte G-8-Gipfel seit der Gründung des ursprünglich exklusiven Clubs im Zuge der Ölkrise 1975. Möglicherweise werden die wichtigen globalen Probleme künftig nur noch in solch großem Rahmen beschlossen.

Denn die Debatte über die Zukunft der Gruppe der Acht mit ihren Mitgliedern USA, Kanada, Russland, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien geht weiter. Bundeskanzlerin Angela Merkel will im kommenden Jahr darüber entscheiden. Schon zuvor hatte sie gesagt, dass es derzeit zu viele Treffen auf Spitzenebene gebe. Merkel bestätigte, dass sie am Weltfinanzgipfel (G20) am 24. und 25. September in den USA teilnehmen wird.

Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy dringt auf eine Erweiterung der G-8-Gruppe. "Die G8 sind nicht mehr repräsentativ genug, um auf die Wirtschaftskrise zu antworten", sagte er.

Es müssten große Länder wie China und Indien dauerhaft hinzugezogen werden. Frankreich, das 2011 die G-8-Präsidentschaft übernehmen werde, werde eine G-14-Gruppe einsetzen. "Das ist unverzichtbar."

"Wir wollen einen nuklear bewaffneten Iran verhindern"

Der französische Staatschef griff auch die Rolle des US-Dollar als weltweite Leitwährung an. Dabei kann er auf Unterstützung aus China und Russland zählen. "Man kann nicht bei einer einzigen Währung bleiben", sagte Sarkozy. Ein Großteil der internationalen Handelsströme wird bisher in der US-Währung abgerechnet, an den Finanzmärkten ist der Dollar beherrschend.

Merkel und Sarkozy bezogen klare Positionen im Atom-Konflikt mit Iran. Trotz der Ablehnung des Verhandlungsangebots will Merkel am Kurs festhalten. "Wir wollen einen nuklear bewaffneten Iran verhindern, aber eben auf der diplomatischen Ebene."

Sarkozy warnte Israel vor einem militärischen Angriff gegen Iran. Ein derartiger Schlag wäre die "absolute Katastrophe", sagte er. "Israel sollte wissen, dass es nicht alleine ist und das Ganze daher mit Ruhe angehen."

ffr/dpa/AP/Reuters

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