Von Kurt Gerhardt
Dem Sinn subsidiären Helfens widerspricht es, jemandem etwas zu schenken, das er sich selbst erarbeiten könnte. In der Meinung, Armen Gutes zu tun, haben wir im Laufe der Jahrzehnte viel zu viel geschenkt: von der Hirsemühle für eine Dorfgemeinschaft bis zum GTZ-Expertenrat für ein Ministerium. Ein wesentlicher Teil der deutschen bilateralen Hilfe, die sogenannte Technische Zusammenarbeit, die bei mehr als anderthalb Milliarden Euro pro Jahr liegt, wird als Zuschuss gegeben - und damit geschenkt. Darüber hinaus bekommen alle am wenigsten entwickelten Länder ihre Hilfe grundsätzlich als Zuschuss. Zwei Drittel der Länder Schwarzafrikas gehören zu dieser Gruppe.
Diese Dauergaben haben aus Partnern Bettler gemacht, die das Geschenkte oft nicht geachtet, folglich nicht instandgehalten haben. Von Ausnahmen abgesehen - zumal von der Nothilfe - war und ist Gratis-Hilfe grundsätzlich falsch.
Mit geschenkter Hilfe werden Menschen zur Untüchtigkeit erzogen. Auf diese Weise ist in Afrika bereits ein hohes Maß an Weltfremdheit erzeugt worden, auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Es ist an der Zeit, die Partner an Normalität zu gewöhnen: Wer wirtschaftlich etwas bewegen will und das dazu nötige Geld nicht hat, muss es sich leihen und zurückzahlen. Dass alle entwicklungswilligen Menschen Zugang zu Krediten bekommen, dazu kann externe Hilfe allerdings einen wesentlichen Beitrag leisten, vor allem durch Förderung des Mikrokreditwesens.
Fixierung auf finanzielle Größen
Der Drang ausländischer Helfer, in begrenzter Zeit Resultate vorweisen zu können, fördert quantitatives Denken und verdrängt den Gedanken an die Stärkung endogener Entwicklung. Zu diesen Verirrungen gehört das 40 Jahre alte Ziel der Geberstaaten, 0,7 Prozent ihres Sozialprodukts für Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen.
Es hat keinen Sinn, erst über Beträge zu sprechen und dann über die Aufgaben, die damit finanziert werden sollen. Das Schlimmste an der Diskussion: Sie konzentriert sich auf finanzielle Größen - und leistet damit dem verheerenden Denken Vorschub, mehr bringe mehr, mehr Geld bedeute mehr Entwicklung. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte werden nicht zur Kenntnis genommen.
Stattdessen dürfen bei unseren Regierenden Leute wie Bono, Geldof und Co. ein- und ausgehen, die die Mehr-Geld-Idee propagieren und sich damit als Verhinderer afrikanischer Entwicklung zu erkennen geben.
Entwicklungshilfe? Eine Begriffsverwirrung
Über Zahlen zu reden ist einfacher, als die qualitativen Wirkungen von Entwicklungshilfe zu bewerten. Was wir tun, kann nicht Entwicklung anderer sein. Nur endogene Entwicklung verdient diesen Namen, also das, was Menschen und Gesellschaften kraft ihres Geistes und ihrer Hände aus sich selbst heraus leisten. Niemand kann von außen entwickelt werden.
Wenn mit Entwicklungshilfe in Afrika Wasserleitungen und Straßen gebaut werden - stimuliert und stärkt das die Anstrengungen der Einheimischen? Oder könnte es sein, dass das Gegenteil stimmt: Je mehr wir tun, desto wahrscheinlicher ist, dass sich unsere Partner zurücklehnen, weil die Dinge durch ausländischen Beistand zu ihrer Zufriedenheit geregelt werden. Obwohl Letzteres sich tausendfach erwiesen hat, wird es von Entwicklungsfunktionären mit frappierender Stetigkeit übersehen.
Wenn neue Milliardenbeträge in Klima-, Aids- und andere Fonds fließen, mag das geboten sein, aber es hat nichts mit Entwicklungshilfe zu tun. Diese Zahlungen werden nicht dazu führen, dass beispielsweise die politisch Verantwortlichen in den Sahel-Ländern sich zukünftig stärker bemühen werden, aus eigener Kraft etwas gegen die Bodenerosion zu tun. Diese Länder hätten längst vieles in dieser Richtung tun können, übrigens auch durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für die Heere arbeitsloser Jugendlicher. Wo etwas passierte, kam es in der Regel durch ausländische Initiative zustande und nicht auf endogene Weise.
Die Hilfe geht an den Menschen vorbei
Unsere Entwicklungshilfe hat eigene Anstrengungen in Afrika nicht genug gefördert und häufig sogar behindert, weil unsere Hilfe zu wenig subjekt- und zu sehr objektorientiert war. Zu oft stand nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern das Projekt oder das Programm. Dadurch wurde sie zur Hilfe, die am Menschen vorbeigeht.
Dieses Verhalten hat große Teile Afrikas in einen würdelosen Zustand versetzt. Das riesige weltweit organisierte Netz von Hilfeagenturen wird sie mit noch so viel Geld nicht daraus befreien.
Das wird den Afrikanern nur aus eigener Kraft gelingen.
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