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Entwicklungshilfe: Warum die Helfer in Afrika versagen

Von Kurt Gerhardt

Große Armut, gigantische Abhängigkeiten: Falsche Entwicklungshilfe behindert die Eigeninitiative in Afrika. Das System muss dringend reformiert werden. Denn Menschen werden zur Untüchtigkeit erzogen - und die Industrieländer haben aus Partnern Bettler gemacht.

Hilfe für Afrika: Abhängigkeiten statt Fortschritt Fotos
REUTERS

Die Entwicklungshilfe für Afrika ist ein Segen für alle, die direkt an ihr beteiligt sind, auf Geber- wie auf Nehmerseite. Geberfunktionäre verdienen, zumal im Ausland, reichlich Geld, und viele derer, die die Hilfe in Empfang nehmen, wissen es in der Regel so anzustellen, dass ihre persönlichen Interessen dabei nicht zu kurz kommen.

Diese beiden großen Gruppen können eigentlich kein Interesse an einer Änderung der Verhältnisse haben. Trotzdem werden auch in ihren Reihen die Stimmen lauter, die sagen, so könne es nicht weitergehen. Die personelle und finanzielle Entwicklungshilfe der vergangenen 50 Jahre stehe in keinem vertretbaren Verhältnis zu den enttäuschenden Resultaten. Auch immer mehr einfachen Spendern, die von Einzelheiten der Praxis wenig wissen, schwant, dass mit der Entwicklungshilfe etwas nicht stimmen könne.

So ist es. Die Hilfe ist in hohem Maße misslungen.

Wir haben uns zu viel Zuständigkeit für die Lösung afrikanischer Probleme angemaßt und die Menschen so "erzogen", dass es verständlich erscheint, wenn sie bei einem aufkommendem Problem zuerst ausländische Helfer anrufen, bevor sie fragen, was sie selbst für dessen Lösung tun können.

Dieses Bewusstsein sitzt tief in afrikanischen Köpfen. Diese Selbstentmündigung ist eines der schlimmsten Ergebnisse der bisherigen Zusammenarbeit. Falsche Entwicklungshilfe hat die Menschen abhängig gemacht, hat sie an den Zustand der andauernden Hilfe gewöhnt und so die Bildung von Eigeninitiative behindert. Diese in den Mentalitäten der Menschen angerichteten Schäden sind weit schlimmer als die enormen materiellen Verluste, die durch fehlgeschlagene Hilfe entstanden sind. Afrika ist übersät mit herumliegenden Traktoren, zerstörten Maschinen, heruntergekommenen Gebäuden.

Auch auf unserer Seite hat sich das Bewusstsein festgesetzt, zuvörderst seien wir dafür zuständig, Afrika zu entwickeln. Bundespräsident Horst Köhler, der sich mit reicher Erfahrung und großem Engagement für Afrikas Entwicklung einsetzt, sprach im August 2009 auf der 2. Bonner Konferenz für Entwicklungspolitik unter anderem über eine Energiepartnerschaft, die Deutschland mit Nigeria zwei Jahre zuvor vereinbart habe. Sein Fazit:

"Ich kann nicht erkennen, dass es in Nigeria seitdem mehr Elektrizität gibt. Und ich finde das beschämend für die Industrieländer wie auch für die Verantwortlichen in Nigeria, dass dieses große rohstoffreiche Land im Grunde seine sozialökonomische Entwicklung nicht voranbringen kann, weil es bisher nicht geschafft hat, Elektrizität in die ländlichen Gebiete zu bringen. Ich finde das beschämend für die ganze Entwicklungszusammenarbeit, die es jetzt seit Jahrzehnten gibt."

Dass er als Verantwortliche für das Versagen zuerst die Industrieländer nennt und dann die Nigerianer, ist relativ unwichtig, gemessen daran, dass er erstere überhaupt nennt. Sollen wir uns allen Ernstes dafür schämen, dass eines der größten Ölexportländer der Welt nicht in der Lage ist, seine ländlichen Gebiete mit Strom zu versorgen? Die Frage zu stellen genügt, um zu zeigen, wie abwegig der Gedanke ist - und wie tief das Missverständnis sitzt.

Verletzung des Subsidiaritätsprinzips

Diese bemutternde Haltung, die in den Dritte-Welt-Kreisen des Nordens seit Jahrzehnten verbreitet ist, steht im Widerspruch zum Subsidiaritätsprinzip, das verlangt, dass helfende Agenturen, private oder staatliche, keine Aufgaben übernehmen dürfen, die vom Entwicklungsland selbst erfüllt werden können. Zweitens muss die Hilfe so gegeben werden, dass die Helfer sich so bald wie möglich zurückziehen können.

Das Subsidiaritätsprinzip hätte von Anfang an der Schlüssel für die Gestaltung der Zusammenarbeit sein müssen. In Wahrheit hat es eine viel zu geringe Rolle gespielt.

Es fehlt auf Seiten der Geber von Entwicklungshilfe nicht an Theorien, an ausgeklügelten Strategien, Konzeptionen - davon bersten die Büroschränke der internationalen Entwicklungsagenturen. Woran es mangelt, ist Grundverständnis und angewandte Prinzipienklarheit.

Dass der Norden den Süden nicht entwickeln und jeder Mensch und jede Gesellschaft das nur selbst tun könne, gehört zum wohlfeilen Glaubensbekenntnis der Geber. In die Praxis ist es allerdings kaum eingedrungen.

Eigeninitiative nimmt Schaden

Entsandte Entwicklungsexperten kommen aus Gesellschaften mit einer anderen Leistungseffizienz als der, die in Afrika herrscht, wo generell gemächlicher und weniger gründlich gearbeitet wird. Zweitens bleiben die ausländischen Helfer in der Regel nur einige Jahre. In dieser Zeit möchten sie "etwas erreichen". Sie werden immer dazu neigen, mehr zu tun, als sie nach dem Subsidiaritätsprinzip tun sollten. Damit aber verdrängen sie afrikanische Eigendynamik und behindern deren Stärkung.

Eine weitere zweifache Verletzung des Subsidiaritätsprinzips ist angelegt in der Existenz nicht nur der gewaltigen nationalen und internationalen Entwicklungsagenturen, von GTZ bis Weltbank, sondern auch der Myriaden kleiner und großer privater Organisationen, die den Kontinent mit ihren Wohltätigkeitsnetzen überziehen.

De facto sind das, nach der Kolonialzeit, die neuen Besatzungsmächte.

Nach dem zweiten Lehrsatz dieses Prinzips soll sich die Hilfe so schnell wie möglich überflüssig machen. Allein für Deutschland wird die Zahl derer, die von der Entwicklungshilfeindustrie abhängig sind, mit bis zu hunderttausend angegeben. Man stelle sich den Aufruhr vor, der entstünde, wenn jemand auf die Idee käme, diese Behörden abzubauen. Dabei ist dieses Ziel Teil ihrer Existenzberechtigung.

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Forum - Wie können die Krisen in Afrika gemeistert werden?
insgesamt 2471 Beiträge
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1.
onemanshow 23.04.2009
Zitat von sysopSeit Jahren wütete Kriege in Afrika, deren Auswirkungen auch das Leben im Frieden vergiften. Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Ganz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
2.
Maddox 23.04.2009
Zitat von sysopSeit Jahren wütete Kriege in Afrika, deren Auswirkungen auch das Leben im Frieden vergiften. Wie kann den Bürgerkriegen und Krisen in Afrika besser begegnet werden?
Dazu sollten sich die Afrikaner äußern. Vielleicht in dem sie etwas gegen Korruption, Stammesdenken etc. unternehmen ?
3.
BillBrook 23.04.2009
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Da weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
4. .
eulenspiegel 47 23.04.2009
Zitat von onemanshowGanz einfach: Indem man keine „Bürgerkriege und Krisen“ erzeugt umd am Köcheln hält, um nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“, ,wie seit Jahrhunderten von allen Kolonialmächten praktiziert, Ressourcen zum Vorzugspreis abzugreifen.
Blah, blah, blah! Immer das gleiche Geleier: Die Schwarzen sind klug und weise und werden nur von den gemeinen Weißen angestiftet sich Arme und Beine abzuhacken.
5.
onemanshow 23.04.2009
Zitat von BillBrookDa weigert sich wieder einer, Afrikaner hls selbständig handelnde Menschen zu sehen. Wie man so etwas gemeinhin nennt, dürfte klar sein.
Sehen Sie sich in der Lage, die Tatsachen, die in Artikeln wie diesem ... „Kampf um Kongos Rohstoffe" (http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29107&mode=print) ... geschildert werden, zu widerlegen ? Was früher „Kolonialismus“ war, nennt man heute, Orwell würde im Grab rotieren, „freien Welthandel“. Geändert hat sich nicht viel. Korrupte lokale Eliten, Warlords und Milizen werden als Strohmänner gesteuert, die Bodenschätze abgegriffen, auf die Bevölkerung ist geschi... Im Schnitt bleiben von den Erträgen 3% im Land, der Rest geht an die Multis. Und von diesen 3% zahlen die Länder (Ghana z.B.) noch den Kredit + Zinsen ab, den die Weltbank dem Land aufgezwungen hat, um, bitte anschnallen, die Erschließung ebenjener ghanaischen Goldvorkommen zu finanzieren.
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Zur Person

Kurt Gerhardt war von 1968 bis Ende 2007 Journalist im WDR-Hörfunk. Als früherer Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) im westafrikanischen Niger kennt er die Problematik der Afrikahilfe aus eigener Anschauung. Er gehört zu den Mitbegründern der politischen Initiative "Grundbildung in der Dritten Welt" und des Vereins "Makaranta e.V." zur Förderung der Grundbildung in Afrika. Er ist außerdem Mitinitiator des "Bonner Aufrufs - Für eine andere Entwicklungspolitik!"


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