Von Horand Knaup und Laura Koch
Auch vor Gericht läuft es kaum besser. Im März 2011 sitzt Enkemann in einem stickigen Gerichtssaal in Nairobi. Seit Monaten schleppt sich das Verfahren dahin. Auch nach dem siebten Verhandlungstermin bleibt unklar, wer die Schule zerstören will und wer dahinter steckt. Auf der Anklagebank sitzen etwa 20 lässig gekleidete junge Männer. Es sind die nach dem ersten Überfall Verhafteten. Nach einem kurzen Arrest wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt. Und es sind Mungiki, Mitglieder einer sektenähnlichen Bande, die im ganzen Land berüchtigt ist für Schutzgelderpressung, Entführungen und Mordtaten.
Aber auch die Stadtverwaltung Nairobis ist offenkundig beteiligt. Ein Zeuge hat beim ersten Überfall einen Bulldozer identifiziert - ein Fahrzeug im Eigentum der Stadt. Die jungen Männer grinsen breit, als die Richterin die Verhandlung erneut verschiebt.
Seit dem letzten Überfall vor wenigen Tagen gibt es endlich eine heiße Spur: Auch der Distriktchef von Donholm ist in den Fall verwickelt. Er habe den Auftrag gegeben, sagen Polizisten, die den nächtlichen Abriss beschützt haben und jetzt das Gelände bewachen. Es sollte gründlich abgeräumt werden. Mit insgesamt sieben Fahrzeugen sei das Räumkommando vorgefahren, sagen Zeugen. Nun ist das Grundstück amtlich beschlagnahmt, weder Schüler noch Lehrer dürfen es betreten.
Ein Fall von "landgrabbing"?
Auch Enkemann hat inzwischen recherchiert. Er vermutet einen Fall von "landgrabbing", eine Methode, die in Kenia weit verbreitet ist und bei der rechtmäßige Grundstücksbesitzer um ihr Eigentum gebracht werden. Politiker oder einflussreiche Geschäftsleute beauftragen skrupelfreie Helfer, Haus- oder Landbesitzern zu drohen, sie nötigenfalls zu vertreiben, Gebäude zu zerstören und so die Eigentumsverhältnisse neu zu regeln. Der üppige Landbesitz zahlreicher Politiker im Land ist kein Zufall - und längst nicht immer im Rahmen der Gesetze erworben.
Als Auftraggeber der Überfälle hat Enkemann einen lokalen Politiker im Verdacht, der schon vor Jahrzehnten ein Auge auf das Stück Land geworfen hatte, das nun - unweit des Flughafens - explosionsartig an Wert gewonnen hat. Einen formalen Anspruch habe der jedoch nicht angemeldet, sagt Enkemann.
An einen kenianischen Rechtsstaat glaubt er jedenfalls nicht mehr. Bis ins Büro des Premierministers ist er bereits vorgedrungen, mit der Bitte um Unterstützung und Aufklärung. Bisher vergeblich.
"Die sind doch alle korrupt", sagt Enkemann frustriert. Und er meint tatsächlich alle - die Polizei, die Richterin, die Anwälte der Gegenseite, die Stadtverwaltung. Grundstückspapiere, die das Bürgerkomitee als Eigentümer ausweisen, sind aus den Akten der Stadtverwaltung verschwunden; wieso ein städtisches Abrissfahrzeug bei der Aktion beteiligt war, weiß niemand, und auch nicht, wo das Interesse des Distriktchefs liegt. Wo sich Enkemann auch hinwendet - er trifft auf eisiges Schweigen.
"Seien Sie vorsichtig - das ist ein heißer Fall!"
Und auf deutliche Hinweise: "Seien Sie vorsichtig - das ist ein heißer Fall!", raunte ihm ein Polizist zu. Die Warnung erfolgte nicht zu Unrecht, denn die Vertreter der Schule stehen unter Beobachtung. Immer wenn Enkemann in Nairobi ist, bekommt er Anrufe: "Sind Sie Herr Enkemann?" fragt ein Unbekannter und will ihn treffen. Seine Identität werde er beim Rendezvous preisgeben.
Auch Charles Nyakundi, der Direktor der Schule, ist längst ein getriebener Mann. Es war vor wenigen Wochen Ende März, als er im Rektorat der Schule saß. "Natürlich habe ich Angst", sagte er. "Sogar große." Nach Einbruch der Dunkelheit geht er nicht mehr aus dem Haus. Selbst tagsüber lässt er sich auf Schritt und Tritt begleiten. "In Kenia ist es nicht unüblich, dass jemand wegen eines Stücks Land umgebracht wird", sagt er.
Sein Assistent, George Makori, wurde Anfang 2010 von einer Gruppe Mungiki entführt. Am helllichten Tag stoppte ein Kleinbus vor Makori, ein paar Männer zwangen ihn einzusteigen. Makori sah sein Schicksal besiegelt. Sein Glück war eine Straßensperre der Polizei, die Gangster warfen ihn bei voller Fahrt aus dem Wagen.
Die Bundesregierung hat Kenia kürzlich so viel Geld für die Entwicklungszusammenarbeit versprochen wie noch nie. Trotz grassierender Korruption, schlechter Regierungsführung und einer Justiz, die sich nur selten gegen Politiker oder die öffentliche Verwaltung stemmt. "Kenia hat eine große Zukunft", verkündete Mitte Februar die deutsche Entwicklungs-Staatssekretärin Gudrun Kopp in Nairobi.
Das kann man auch anders sehen.
Trotz des neuen schweren Rückschlags, trotz einer Trümmerwüste in Donholm will Enkemann nicht aufgeben. "Wir sind unseren Gönnern Rechenschaft schuldig", sagt er. Seit dem ersten Anschlag auf die Schule sind die Spenden um über 50 Prozent zurückgegangen. "Die fragen sich", sagt Enkemann, "wenn schon die Kenianer ihre eigenen Schulen zerstören, woran sollen wir denn dann noch glauben?"
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