100 Tage Präsident der Türkei Erdogan und wie er die Welt sieht

Als Präsident versprach Ex-Premier Erdogan den Türken Versöhnung und einen Neuanfang. Doch in den ersten 100 Tagen im Amt sorgte er mit seltsamen Äußerungen für Verwirrung. Ein Überblick in Zitaten.

Von , Istanbul

Erdogan: Elf Jahre Premier, 100 Tage Präsident
AP/dpa

Erdogan: Elf Jahre Premier, 100 Tage Präsident


Recep Tayyip Erdogan hat ein Ziel: Die Türkei soll wieder eine selbstbewusste, wirtschaftlich starke Nation werden. Er selbst will sie dorthin führen. Elf Jahre lang war er Premierminister, in dieser Zeit ist das Land wirtschaftlich enorm gewachsen. Doch weil er kein viertes Mal als Regierungschef antreten durfte, beschloss er, Staatspräsident zu werden - mit Erfolg: Am 10. August gewann er die erste Direktwahl eines türkischen Präsidenten auf Anhieb mit absoluter Mehrheit. Am 28. August wurde er in sein neues Amt eingeführt.

An diesem Freitag ist er seit 100 Tagen Präsident. Doch von seinem Angebot einer Versöhnung, einem Zurücklassen alter Konflikte ist wenig zu spüren. Stattdessen macht er deutlich, dass er jetzt die Hinwendung zum Islam und die Abgrenzung vom Westen sucht.

Beobachter sehen darin eine Mischung aus Großmannssucht (weil er an Zeiten anknüpfen will, als das Osmanische Reich eine Weltmacht war), verletztem Stolz (weil die EU seine durchaus beachtlichen Reformen, die er seinem Land als Regierungschef verordnet hat, nicht zu würdigen wusste) und Minderwertigkeitskomplex (weil er aus kleinen Verhältnissen aus Anatolien stammt, mithin "schwarzer Türke" ist, auf den die urbanen "weißen Türken" herabschauen).

Ein Überblick über Zitate der vergangenen Wochen, mit denen er weltweit für Verwirrung, Spott und Besorgnis gesorgt hat:

"Kontakte zwischen Lateinamerika und dem Islam lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. 314 Jahre vor Kolumbus erreichten muslimische Seefahrer im Jahr 1178 den amerikanischen Kontinent. Kolumbus selbst erwähnte eine Moschee auf einem Hügel an der Küste Kubas."

Bei einem Treffen mit Muslimen aus Lateinamerika am 15. November in Istanbul erläuterte Erdogan seine Interpretation der Historie. In der Geschichtsschreibung wird die "Entdeckung" Amerikas dem Genuesen Kolumbus im Jahr 1492 zugeschrieben. Die Leistungen von Kolumbus, der auf der Suche nach einem neuen Weg nach Asien war, sind allerdings unter Historikern umstritten. Nicht nur gibt es Zweifel, ob er tatsächlich der Entdecker des neuen Kontinents war. In Folge seines Anlandens wurde die einheimische Bevölkerung versklavt. Die These jedoch, dass islamische Seefahrer Jahrhunderte vor Kolumbus in Amerika ankamen, vertreten nur wenige Wissenschaftler. Fazit: So ganz abwegig ist Erdogans Zitat vielleicht nicht, wirkt aber wie das trotzige Gemahnen an glorreichere Zeiten.


"Man kann Frauen und Männer nicht in gleiche Positionen bringen. Das ist gegen die Natur, weil ihre Natur unterschiedlich ist. Im Arbeitsleben kann man einer schwangeren Frau nicht dasselbe abverlangen wie einem Mann."

Erdogan sagte das am 24. November ausgerechnet auf einem Frauengipfel. Seine Äußerung brachte ihm Kritik von Opposition und Frauenrechtlern ein. Zwei Tage später rechtfertigte er sich, er sei ein Verteidiger von Frauenrechten. Er sei absichtlich falsch interpretiert worden. Männer und Frauen seien "selbstverständlich gleichwertig, aber eben nicht gleich". Erdogan mag missverstanden worden sein, sein traditionelles Geschlechterbild allerdings lässt keinen Zweifel, wie er die Rollenverteilung sieht - mehrfach hat er zum Beispiel gefordert, eine türkische Frau solle mindestens drei Kinder zur Welt bringen.


"Ich bin gegen diese Unverfrorenheit, Rücksichtslosigkeit und endlosen Forderungen, die aus 12.000 Kilometern Entfernung kommen."
Diese Botschaft feuerte Erdogan am 26. November Richtung USA ab, nur vier Tage nach dem Besuch von US-Vizepräsident Joe Biden in Ankara. Washington versucht, die Türkei davon zu überzeugen, Partner im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu werden. Die bisherige Weigerung der Türkei haben Zweifel an der Bündnisfähigkeit des Nato-Partners aufkommen lassen und die Türkei international in die Kritik gebracht. Ankara wiederum befürchtet ein Übergreifen von Gewalt und Terror, sollte die Türkei sich aktiv am Kampf gegen IS beteiligen.


"Jene, die von außen in die islamische Welt kommen, mögen Öl, Gold und Diamanten, sie mögen billige Arbeitskräfte, und sie mögen Zwist und Streit. Sie wollen nicht, dass wir Dinge hinterfragen. Glaubt mir, sie mögen uns nicht. Sie sehen wie Freunde aus, aber sie wollen uns tot sehen, sie mögen es, unsere Kinder sterben zu sehen."

Bei einem Treffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (COMCEC) am 27. November in Istanbul hielt Erdogan eine Brandrede gegen den Westen und prowestliche Türken. Er wollte damit die Länder des Nahen Ostens ermutigen, ihre Probleme ohne Hilfe des Westens selbst zu lösen. Offensichtlich war er noch immer verärgert über den Spott aus dem Westen an seiner Aussage, Muslime hätten Amerika entdeckt. Das Zitat erinnert aber auch an die Wurzeln Erdogans, einem tiefreligiösen Mann, der die Islamisierung seines Landes vorantreibt. Seitdem er an der Macht ist, wurden in der Türkei Tausende neue Moscheen gebaut, wurde der Religionsunterricht an Schulen verstärkt.


"Hofft nicht auf objektive Sichtweisen in einer Welt, wo internationale Organisationen gemäß ihrer eigenen Ideologien, Politik und Überzeugungen entscheiden. Wird der Nobelpreis nach objektiven Kriterien vergeben? Nein. Trifft der Uno-Sicherheitsrat objektive Entscheidungen? Nein, nie."

Am 3. Dezember kritisierte Erdogan internationale Organisationen und stellte sie als Instrumente des Westens dar. So sei der Uno-Sicherheitsrat ein "rein christlich besetztes Gremium". Er appellierte an seine Zuhörer, den Blick lieber auf sich selbst zu richten. Die Türkei müsse ihre eigene Kultur, ihren Film, ihre Literatur und ihre Kunst pflegen. Sie dürfe "nicht schweigend zuschauen, wie die Hegemonen die Geschichte der Kunst und der Wissenschaft schreiben". Der bislang einzige Nobelpreisträger aus der Türkei ist der Schriftsteller Orhan Pamuk, der aber wegen seiner Kritik an der Politik der Türkei viele Feinde im eigenen Land hat und Morddrohungen erhält.


"Wenn man fragt, wer Einstein ist, kann jeder türkische Jugendliche etwas über ihn sagen. Aber wenn man fragt, wer Ibn Sina ist, wird man feststellen, dass die Kinder nie etwas über ihn gehört haben."

Erdogan kritisierte Anfang Dezember vor Lehrern in Antalya das Unwissen türkischer Jugendlicher über bedeutende Muslime in der Weltgeschichte. Ibn Sina, ein persischer Arzt und Wissenschaftler aus dem elften Jahrhundert, sei den meisten Schülern gänzlich unbekannt. Dabei war Ibn Sina, auch bekannt als Avicenna, eine der berühmtesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er trug nicht nur zur Entwicklung der Medizin bei, sondern verfasste theologische, philosophische und naturwissenschaftliche Werke und gilt als Wegbereiter des Sufismus. In vielen islamischen Ländern ist er daher eine bekannte historische Figur. Erdogan forderte neue Lehrpläne als Konsequenz aus der Unkenntnis der türkischen Schüler.

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esra.kiranli 05.12.2014
1. Rize
Liebes Spiegel-Online Team, schade, dass keiner aus der Redaktion festgestellt hat, dass Erdogan aus einer Stadt namens Rize stammt...diese liegt übrigens an der nordöstlichen Schwarzmeerküste und gehört (geographisch) nicht zu Anatolien. Demnach ist also Erdogan kein Anatolier, auch wenn er gerne einer wäre...
optional_muenchen 05.12.2014
2. Anatolien..
Zitat von esra.kiranliLiebes Spiegel-Online Team, schade, dass keiner aus der Redaktion festgestellt hat, dass Erdogan aus einer Stadt namens Rize stammt...diese liegt übrigens an der nordöstlichen Schwarzmeerküste und gehört (geographisch) nicht zu Anatolien. Demnach ist also Erdogan kein Anatolier, auch wenn er gerne einer wäre...
Liebe Esra, Geographie ist ja nicht unbedingt die Stärke des Möchtegern-Sultans, der aus Kleinasien stammt. Kleinasien reicht von Istanbul bis Van, Von Samsun bis Antalya. Und wird auch als Anatolien bezeichnet. Und Rize gehört da auch mit zu... Ein kleiner Blick auf Wikipedia hilft: http://de.wikipedia.org/wiki/Kleinasien Somit ist klein RTE schon ein Anatolier, zum Leidwesen der übrigen Bevölkerung dort.
mazzeltov 05.12.2014
3. Beispiel?
"Die These jedoch, dass islamische Seefahrer Jahrhunderte vor Kolumbus in Amerika ankamen, vertreten nur wenige Wissenschaftler." Bitte nennen Sie einen.
darthmax 05.12.2014
4. Zypern
Die widerrechtliche Besetzung des Ost Teils wird nicht mit Sanktionen belegt. Wieso eigentlich nicht ?
nordschaf 05.12.2014
5.
Zitat von mazzeltov"Die These jedoch, dass islamische Seefahrer Jahrhunderte vor Kolumbus in Amerika ankamen, vertreten nur wenige Wissenschaftler." Bitte nennen Sie einen.
Wahrscheinlich war Leif Eriksson nach Erdogans Lesart irgendwie Türke. Müssten nicht jede Menge Europäer spätestens seit dem "Medicus" Ibn Sina kennen? Wenn viele türkische Jugendliche ihn nicht kennen, sollte Erdogan vielleicht doch mal westliche Literatur bzw. Verfilmungen empfehlen...
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