Welthöchste Minarette in Istanbul Erdogan baut sein Denkmal

In Istanbul entsteht eine Moschee mit den höchsten Minaretten der Welt. Es ist das Lieblingsbauprojekt von Premier Erdogan. Mit dem Gotteshaus will er bei den Religiösen punkten - und sich selbst unsterblich machen.

istanbulcami.com

Von , Istanbul


Den besten Blick auf Istanbul gibt es von Camlica. Der Hügel auf der asiatischen Seite der Stadt bietet eine Aussicht auf die Silhouette von Konstantinopel, wie man sie von Postkarten kennt: Moscheen, Minarette, die Hagia Sophia, das Goldene Horn, der Galata-Turm, der Bosporus. Istanbuler machen ihren Wochenendausflug hierher, es gibt Wohnparks für Millionäre.

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Heft 32/2014
Bleibt die Türkei ein freies Land? Türkiye özgür kalacak mı?

Demnächst wird auf dem Hügel eine Moschee der Superlative stehen. Mit Platz für bis zu 50.000 Menschen. Sie soll die höchsten Minarette der Welt bekommen, vier Stück - jeweils 107,1 Meter hoch. Dazu zwei weitere mit jeweils 90 Metern Höhe. "Camlica Moschee" nennen sie die Menschen bisher. Ihr richtiger Name ist noch nicht bekannt.

Es ist vielleicht das spektakulärste in einer ganzen Reihe von Mega-Bauvorhaben von Premierminister Recep Tayyip Erdogan, die die Opposition als "verrückte Projekte" abtut. Eine Auswahl:

  • Ein künstlicher Kanal parallel zum Bosporus, 45 Kilometer lang. Laut Regierung eine Entlastung für eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Kritiker befürchten durch die zweite Verbindung zwischen Schwarzem Meer und Marmara-Meer ein Risiko für das Ökosystem.

  • Eine dritte Brücke über den Bosporus, die den Straßenverkehr zwischen europäischem und asiatischem Teil Istanbuls entlasten soll.

  • Ein neuer Großflughafen in Istanbul, einer der größten der Welt und dringend notwendig angesichts des rasant gestiegenen Passagieraufkommens im Drehkreuz Istanbul; allerdings mussten für den Bau 2,5 Millionen Bäume gefällt werden.

Die Arbeiten an diesen Projekten haben schon begonnen, bei allen stehen Korruptionsvorwürfe im Raum. Gut informierte Spekulanten sollen sich entscheidende Grundstücke im Vorraus gesichert haben. Andere Großprojekte wie der Tunnel unter dem Bosporus oder der neue Hochgeschwindigkeitszug zwischen Istanbul und Ankara sind schon fertig. Erdogan hat sie persönlich eingeweiht.

Aber das gigantische Gotteshaus ist das erklärte Lieblingsprojekt. Sein Vorbild ist Sultan Süleyman aus dem 16. Jahrhundert, dessen Bauten Istanbul bis heute prägen. Erdogan stammt selbst aus dieser Stadt, in den Neunzigerjahren war er hier Oberbürgermeister. Die neue Großmoschee wird die erste auf der anatolischen Seite sein, weithin sichtbar, ein Symbol für Erdogans Türkei. Ein Denkmal.

Am Sonntag will er sich nach drei Legislaturperioden als Regierungschef zum Präsidenten wählen lassen, seine Macht ausbauen und in die Geschichtsbücher eingehen. Das soll sich auch im Stadtbild widerspiegeln.

"Es wird ja nicht nur eine Moschee"

Im Mai 2012 erwähnte Erdogan seine Idee von der Moschee zum ersten Mal während einer Rede. Prompt wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Die Vorgabe: Der Entwurf müsse die seldschukisch-osmanische Tradition fortsetzen, also dem Stil der alten Moscheen drüben auf der europäischen Seite entsprechen. Insgesamt 62 Vorschläge gingen ein. Ein neu gegründeter Moscheen- und Kulturverein gab zwei Architektinnen den Zuschlag für einen Entwurf, der der Süleymanye- und der Blauen Moschee ähnelt.

"Es wird ja nicht nur eine Moschee", sagt Ergin Külünk. Er lehnt sich in seinem Büro zurück, in einem Container direkt neben der Baustelle. An der Wand hängen Zeichnungen von der fertigen Moschee in ihrer ganzen Pracht, in den Regalen stehen Modelle von Baggern und Bildbände über islamische Architektur. "Es entstehen auch eine Bibliothek, ein Museum, ein Kunstatelier, ein Konferenzzentrum."

Vor genau einem Jahr haben sie begonnen, dort, wo früher ein Bolzplatz war, neben einem Fernsehturm und Mobilfunkmasten, das Gebäude zu errichten. Zur Hälfte ist die Moschee inzwischen fertig. Dort wo künftig die kolossalen Minarette in den Himmel ragen sollen, stehen jetzt Kräne. Külünk ist Bauingenieur und Vorsitzender des Vereins, der den Bau beaufsichtigt und mit Spenden finanziert. Etwa 70 Millionen Euro soll er kosten, Geldprobleme gebe es keine, sagt Külünk.

Säkulare Türken sehen einen weiteren Schritt zur Islamisierung

Darf es auch nicht geben, denn das Projekt ist eine Herzensangelegenheit Erdogans. "Er kommt regelmäßig vorbei und erkundigt sich nach dem Stand der Dinge", erzählt Külünk. Der Ingenieur betont aber, dass Erdogan sich nicht einmische. "Er hat nicht einmal bei der Auswahl des Entwurfs mitgeredet."

Säkulare Türken sehen in dem Bau einen weiteren Schritt in der Islamisierung ihres Landes. Ein Aufweichen der Trennung von Staat und Religion, die Atatürk der Türkei mit der Gründung der Republik 1923 verschrieben hatte. Erdogan hat die konservativ-religiöse Mehrheit in seinen elfeinhalb Amtsjahren aus ihrer Armut und aus ihrer politischen Sprachlosigkeit befreit. Den Kritikern geht vieles zu weit, zum Beispiel die fortschreitende Verbannung von Alkohol aus dem öffentlichen Leben und die Debatte, die Hagia Sophia wieder als Moschee zu nutzen.

Dazu kommen Äußerungen von Erdogan, Studentinnen und Studenten sollten doch bitte in getrennten Wohnheimen leben und türkische Eltern mindestens drei Kinder haben. Sein Vize Bülent Arinc regte in der vergangenen Woche an, Frauen sollten in der Öffentlichkeit nicht laut lachen.

"Warum reden die Kritiker von Islamisierung und werfen Erdogan vor, sich ein Denkmal setzen zu wollen?", fragt Külünk. "Die einzig relevante Frage ist doch, ob es für solch eine Moschee einen Bedarf gibt." Und den gebe es, zumindest auf der asiatischen Seite von Istanbul.

Mit dem Freitagsgebet am 1. Juli 2016, nach knapp drei Jahren Bauzeit, soll die Moschee eingeweiht werden. Mit dabei sein wird Erdogan, in seiner Moschee, aller Voraussicht nach als Staatspräsident, zwischen den höchsten Minaretten der Welt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
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Zappa_forever 07.08.2014
1. Schön...
...wie sehr sich der Geist eines Politikers in Architektur ausdrücken kann. Das ganze ist so als ob auf der Fläche vor dem Reichstag eine Kopie des Kyffhäuserdenkmals errichtet würde - nur doppelt so hoch. Urks!
mail-sms 07.08.2014
2. 70 Millionen Euro nur?
Das sollte die Hamburger Elbphilharmonie auch kosten :)
mjj 07.08.2014
3. Gab es da...
...da nicht schon mal ein Volk, welches einen grossen Turm bauen wollte? Die Welt wird langsam richtig verrückt!!!
an-i 07.08.2014
4.
...und ich dachte, im Islam ist der Personen Kult verboten!
boppard 07.08.2014
5.
gibt es auch noch andere Themen als Moscheen, Gotteskrieger, Salafisten, Islam??
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