Erdogan-Auftritt in Istanbul Hunderttausende feiern ihren Sultan

Der türkische Premier Erdogan kommt in seine Heimatstadt Istanbul - und Hunderttausende Menschen feiern ihn, als gebe es keinen Korruptionsskandal, keine Twitter-Sperre, keinen autoritären Regierungsstil. Erdogan nutzt den Auftritt für eine Machtdemonstration.

Von , Istanbul

AP/dpa

Die AKP-Partei ist zufrieden mit dem Auftritt. Es läuft gut, auch wenn Premierminister Recep Tayyip Erdogan mit zwei Stunden Verspätung einfliegt. Eine Woche vor den Kommunalwahlen in der Türkei, der ersten Wahl seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013, strömen Menschenmassen nach Yenikapi, zu einer mehrere tausend Quadratmeter großen Halbinsel, die künstlich im Marmarameer geschaffen wurde. AKP-Parteileute sagen, es seien etwa 1,5 Millionen Menschen gekommen, um ihren Regierungschef zu hören. Kritiker verbreiten dagegen in sozialen Medien, es seien weit weniger.

Bilder zeigen eine gut gefüllte Fläche vor einer Bühne. Viele Menschen rufen "Wir lieben Erdogan", andere halten Plakate mit der Aufschrift "Lang lebe Erdogan" hoch. Ein Junge verkauft Taschentücher und sagt, er brauche Geld, um sich eine mit Erdogans Konterfei bedruckte Kappe kaufen zu können. Leute gehen mit Zetteln herum und bitten um Unterschriften. Es ist eine Petition, um die Hagia Sophia, derzeit ein Museum, wieder in eine Moschee umzuwandeln. Viele Fans des Premiers halten das für eine gute Idee, sie unterschreiben.

"Es ist mir egal, wer uns kritisiert"

Erdogan genießt die Aufmerksamkeit - und wie zu erwarten, gibt er sich kämpferisch und verteidigt sich. Dazu passt, dass die türkische Luftwaffe am Sonntag einen syrischen Kampfjet abgeschossen hat, der in den Luftraum des Landes vorgedrungen war. Erdogan gratuliert den Streitkräften zum Abschuss. "Wenn ihr unseren Luftraum verletzt, wird die Ohrfeige darauf schmerzen", donnert er.

Die Menschen jubeln. So wie Tausende schon zuvor am Sonntag im westtürkischen Izmit gejubelt haben, wo er auf das Thema zu sprechen kommt, das die Türken seit Freitag beschäftigt: die Sperre von Twitter. "Die Medien attackieren uns deswegen", sagt Erdogan. Er weiß, dass die Kritik auch aus dem Ausland kommt, von der EU und den Menschenrechtsorganisationen. "Es ist mir egal, wer uns kritisiert. Ich höre nicht hin", ruft er. "Selbst wenn die ganze Welt gegen uns ist, bin ich verpflichtet, Maßnahmen gegen jeden Angriff zu treffen, der die Sicherheit meiner Nation bedroht."

Mega-Flughafen, Autobahnen und Shoppingmalls

Die Menschen feiern Erdogan für seine unverblümte Art. Sie mögen ihn in seiner Rolle als Haudegen und Wahrer der türkischen Interessen. Und die bedient er gern: "Und dieses Twitter, dieses YouTube, dieses Facebook - sie haben Familien bis ins Mark erschüttert", so Erdogan. "Ich verstehe nicht, wie vernünftige Menschen dieses Facebook, YouTube und Twitter verteidigen können. Da findet man alle Sorten von Lügen."

Die Anhänger des Regierungschefs sehen die Sperre nicht als Beschneidung ihrer Freiheit. Sie lieben Erdogan für seine gigantischen Visionen: für den größten Flughafen der Welt, den er ihnen verspricht, für die vielen Autobahnen und Shoppingmalls im Land. Die künstliche Insel, auf der sie an diesem Sonntag stehen, ist ein Symbol für Erdogans Politik, für ihre Vorstellung von einer modernen Türkei.

Dass der Regierungschef seit Wochen unter Druck steht, scheint unwichtig. Die Liste der Skandale ist lang: die brutale Niederschlagung der Gezi-Proteste im vergangenen Sommer, die Korruptionsaffäre, welche die Regierung seit Mitte Dezember erschüttert, die heimlich aufgenommenen Telefonmitschnitte, die seit Wochen auf YouTube veröffentlicht werden und Erdogan als korrupt und diktatorisch erscheinen lassen.

Der Premier sieht darin eine Kampagne von "inneren und äußeren Feinden" und vor allem des Netzwerks des islamischen Klerikers Fethullah Gülen, der in den USA lebt und mit dem er sich einen Machtkampf liefert. Am Samstag hat Erdogan das Gülen-Netzwerk, einst ein Unterstützer seiner AK-Partei, bei einem Wahlkampfauftritt als "terroristische Organisation" bezeichnet.

Die Wahlen am kommenden Sonntag sind ein Gradmesser für die Stimmung in der Türkei. Erdogan hat sie selbst mehrfach zum Referendum über die Zukunft des Landes erklärt. Er möchte im August für das Präsidentenamt kandidieren. Möglicherweise bleibt er aber auch Premierminister - trotz AKP-interner Regelung, dass er nach drei Amtsperioden nicht wieder antreten darf.

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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
Amarananab 23.03.2014
1. Die Erdogans kommen und gehen, aber...
Die Erdogans kommen und gehen, aber das türkische Volk bleibt. Wird interessant wie türkische Geschichtsbücher über den Absolutisten Erdogan urteilen werden.
welthungerkrise 23.03.2014
2.
Zitat von sysopAFPDer türkische Premier Erdogan kommt in seine Heimatstadt Istanbul - und Hunderttausende Menschen feiern ihn, als gäbe es keinen Korruptionsskandal, keine Twitter-Sperre, keinen autoritären Regierungsstil. Erdogan nutzt den Auftritt für eine Machtdemonstration. http://www.spiegel.de/politik/ausland/erdogan-in-istanbul-hunderttausende-feiern-bei-kundgebung-a-960314.html
In der deutschen Politik gibt es keine Korruption. Und natürlich auch keinen autortären Regierungsstil. Das Volk steht voll hinter Frau Merkels "Entscheidungen", Hunderttausende feiern sie immer wieder in Berlin. Und Websiten werden bei uns natürlich nicht zensiert. Und niemand wird überwacht.
C. Silber 23.03.2014
3. optional
Offensichtlich teilten die Türken westeuropäische Werte einfach nicht. Was nicht schlimm ist - aber man sollte die Beitrittsverhandlungen zur EU nun endlich begraben.
irreal 23.03.2014
4. Ich versteh das Problem nicht ganz.
Zitat von sysopAFPDer türkische Premier Erdogan kommt in seine Heimatstadt Istanbul - und Hunderttausende Menschen feiern ihn, als gäbe es keinen Korruptionsskandal, keine Twitter-Sperre, keinen autoritären Regierungsstil. Erdogan nutzt den Auftritt für eine Machtdemonstration. http://www.spiegel.de/politik/ausland/erdogan-in-istanbul-hunderttausende-feiern-bei-kundgebung-a-960314.html
Hunderttausende in Istanbul mögen Erdogan wohl und wir sollen ihn nicht mögen?! Oder so ungefähr. Oder was ist damit gemeint? Also wir mögen Frau Merkel, aber die Griechen mögen sie nicht! Und? Ist das von Bedeutung für uns, nur weil die Griechen Frau Merkel nicht "lieben"? Ich mein nur mal so. Genauso lieben die Istanbuler den Erdogan und denen ist es eben egal ob wir den nun auch "lieben" oder richtig gut finden. Das ist VIELFALT. Des Lebens. MFG
missing_link 23.03.2014
5. Offensichtlich nicht nur Erdogan
erschwert der Türkei einen Beitritt in die EU. Nicht Wenige in Europa und in den USA folgen einem Wunschdenken, wenn sie meinen, die Türkei passt dazu.
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