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Türkische Regierungsgegner: Anonymer Informant twittert Erdogans Pläne

Von , Istanbul

Erdogan: Ein anonymer Informant veröffentlichte mehrmals korrekte Voraussagen über bevorstehende Razzien Zur Großansicht
REUTERS

Erdogan: Ein anonymer Informant veröffentlichte mehrmals korrekte Voraussagen über bevorstehende Razzien

Ein geheimnisvoller Twitter-Nutzer bringt den türkischen Präsidenten Erdogan in Bedrängnis: Er verrät bevorstehende Festnahmen von Regierungskritikern. Jetzt soll die Polizei ihm zufolge gegen 150 Journalisten vorgehen.

Wer ist Fuat Avni? So nennt sich ein Twitter-Nutzer, der den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan immer wieder in Erklärungsnot bringt, indem er detailliert über geplante Festnahmen von Regierungskritikern berichtet.

Derzeit machen Tweets von ihm Schlagzeilen, in denen er ankündigt, Erdogan, Innenminister Efkan Ala, Justizminister Bekir Bozdag und Geheimdienstchef Hakan Fidan hätten eine "Aktion" gegen rund 400 Regierungskritiker beschlossen. Darunter seien etwa 150 namhafte Journalisten und Dutzende Polizisten, die im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen gegen Erdogan und seine Regierung ermittelt hätten.

Erstmals erwähnte Fuat Avni diesen Plan am Donnerstag. Demnach sollten Razzien in mehreren türkischen Provinzen gleichzeitig stattfinden. Unter anderem sollten die Chefredakteure der Zeitungen "Zaman", "Today's Zaman", "Bugün" und "Taraf" festgenommen werden, allesamt regierungskritische Blätter. In weiteren Schritten würden kritische Geschäftsleute, Besitzer von Medienhäusern und andere Kritiker festgesetzt werden.

Die ersten Durchsuchungen von Redaktionen und Geschäftsräumen hätten Fuat Avni zufolge am Freitag stattfinden sollen, seien aber abgeblasen worden, nachdem das Vorhaben bekannt geworden sei, schrieb er später auf Twitter. Vor dem Gebäude der "Zaman" in Istanbul versammelten sich einige Dutzend Journalisten, um gegen die vermeintlich geplanten Festnahmen zu demonstrieren.

Der Informant schreibt, er gehöre zum inneren Zirkel um Erdogan

Waren das also haltlose Vorwürfe eines unbekannten Twitter-Nutzers? Wohl kaum, denn Fuat Avni hat in Vergangenheit mehrere zutreffende Voraussagen gemacht.

Im August twitterte er zum Beispiel, es werde in Istanbul und anderen Teilen des Landes eine "Operation" gegen Polizisten geben. Insgesamt 32 Polizisten würden aufgrund "fingierter Anschuldigungen" festgenommen werden. Tatsächlich wurden am nächsten Tag 33 Beamte unter dem Vorwurf der Spionage von ihren Kollegen abgeführt.

Vizepremierminister Bülent Arinc sagte jetzt, man müsse die Tweets von Avni ernst nehmen, auch wenn er selbst nichts von geplanten Festnahmen wisse.

Wer also ist dieser geheimnisvolle Informant? Ein hoher Polizeioffizier, der über die bevorstehenden Aktionen informiert ist, aber auf der Seite der geschassten Polizisten steht und deshalb Erdogan schaden möchte? Oder gar eine Gruppe interner Kritiker?

Avni schreibt über sich selbst, er gehöre zum "inneren Zirkel" um Erdogan. Den Präsidenten nennt er dabei nie beim Namen, sondern benutzt den Begriff "Tyrann". Immer wieder verbreitet er in dem Kurznachrichtendienst Sätze wie "Ich sah in deine Augen", die darauf hindeuten, dass es sich um jemanden aus dem direkten Umfeld von Erdogan handeln muss. Manche vermuten, es könnten mehrere Kritiker aus den eigenen Reihen hinter Fuat Avni stecken.

Schon im Frühjahr, im Vorfeld der Kommunalwahl in der Türkei, bei der Erdogans AKP überlegen gewann, hatten anonyme Informanten immer wieder Telefonmitschnitte auf YouTube veröffentlicht, die Erdogan, damals noch Ministerpräsident, und seine Minister und Freunde als korrupte Bande dastehen ließen. Erdogan nannte einen Teil der Bänder eine "Montage" und vermutete dahinter ein "Komplott" und einen "zivilen Coup" seines einstigen Weggefährten Fethullah Gülen.

Ein undurchsichtiges, aus den USA gesteuertes Netz

Der islamische Prediger Gülen steuert aus dem selbst auferlegten Exil in Pennsylvania, USA, ein undurchsichtiges Netzwerk, das sich nach eigenen Angaben der Verbreitung eines gemäßigten Islam verschrieben hat. Erdogan wirft ihm vor, Polizei und Justiz unterwandert zu haben und parallele staatliche Strukturen aufbauen zu wollen, um ihn, Erdogan, zu stürzen.

Die Zeitungen "Zaman" und "Today's Zaman" gelten als der Gülen-Bewegung zugehörig. Tatsächlich ließ Erdogan im Laufe dieses Jahres Tausende Polizisten, Staatsanwälte und Richter, die er in der Nähe der Gülen-Bewegung verortete, strafversetzen oder entlassen. Zudem mussten von Gülen betriebene Schulen schließen.

Gülen selbst sagte im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", das Vorgehen der türkischen Behörden gegen Andersdenkende sei eine "Hexenjagd". "Das bestehende politische System stempelt nicht nur Menschen als schädliche Elemente ab, die unsere Bewegung unterstützen, sondern fast alle, die nicht der Macht nahestehen oder Geschäfte mit ihr machen wollen", sagte er. Unter Erdogan sei die Türkei zu einem "Parteienstaat und eigentlich sogar Ein-Mann-Staat" geworden. Dadurch verliere die Türkei im Ausland "jeden Tag an Ansehen".

Fuat Avni hingegen gewinnt immer neue Anhänger. In der Türkei wurde sein alter Account geblockt. Kurz darauf eröffnete er einen neuen unter @fuatavnifuat. Am Samstagnachmittag hatte er immerhin 596.000 Follower.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
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1. Don't outsource your power
tailspin 13.12.2014
Das ist kein Erdogan Problem, sondern ein systemisches. Ueberall, wo es eine staatliche Machtkonzentration gibt, egal ob durch platte Diktatur oder fadenscheinige Demokratie, gibt es Missbrauch. Je groesser die Organisation, desto groesser der Missbrauch. Der einzige Ausweg: Zerschlagung der Strukturen und Neuorganisation mit intensiver Buergerbeteiligung am besten auf Dorfebene.
2. Gut so..
aj_21 13.12.2014
Gut so! Was der Erdogan da abzieht geht gar nicht
3. juckt eh keinen
masterbill 13.12.2014
erdogan wird auch die nächste wahl gewinnen, sofern er antritt
4. Das schlimme ist
WwdW 13.12.2014
Ich war immer ein Beführworter, die Türkei in die EU aufzunehmen. Ich fand das damals richtig. Dieser Mann ist es, der mich veranlasst hat meine Meinung zu ändern. Eigentlich sehr, sehr schade.
5. Erdogan als
themistervolt 13.12.2014
Ich war bisher immer ein Anhänger der Anbindung der Türkei an Europa, bzw. sogar ein Beitritt zur EU hielt ich für möglich. Die Erdogan Regierung nährte ja mit Reformschritten ja auch die Hoffnung, die Türkei mache in Sachen europäische Werte Fortschritte (Abschaffung der Todesstrafe, Freilassung von politischen Gefangenen, Friedensverhandlungen mit den Kurden). Aber mittlerweile zeigt Erdogan sein wahres Gesicht. Die Islamisierung der Türkei schreitet in den letzten Jahren immer weiter vorran. Gab es in der Vergangenheit (70er 80er Jahre) Kopftuchverbot in den Universitäten und Schulen, ist das heute wieder erlaubt. Koranschulen sprießen wie Pilze aus dem Boden und werden vom Staat gefördert. Vor 30 Jahren noch hätte es einen Putsch vom kemalistischen Militär gegeben. Aber viele Generäle sitzen in Haft. Die Rolle Erdogans im syrischen Bürgerkrieg ist mehr als zweifelhaft. Die Demokratie ist durch Beschränkung der Meinungsfreiheit nur noch auf dem Papier. Ich komme zu dem Schluss: Die Türkei entfernt sich von Europa und wird NIEMALS Mitglied der europäischen Staatengemeinschaft werden. Sehr schade, denn die wichtige Brückenfunktion der Türkei von Europa in den nahen und mittleren Osten, von der sie noch am meisten profitiert hätte, ist verspielt...
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