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Erfolge im Westen: Libyens Rebellen zögern mit dem Sturm auf Tripolis

Die libyschen Rebellen rücken immer näher auf Tripolis vor. Nach sechsstündigem Kampf gegen Gaddafis Truppen wurde ein strategisch wichtiger Wüstenort im Westen eingenommen. Doch für die Erstürmung der Hauptstadt fühlen sich die Aufständischen noch nicht bereit.

Libysche Rebellen: Mit Duldung der Nato auf dem Vormarsch Zur Großansicht
AFP

Libysche Rebellen: Mit Duldung der Nato auf dem Vormarsch

Kawalisch/Tripolis - Als der Sieg feststand, feuerten die Rebellen aus Freude Schüsse in die Luft ab und riefen "Gott ist groß". Sechs Stunden hatte der Kampf gedauert, dann nahmen die Aufständischen am Mittwoch die in der Wüste gelegene Ortschaft Kawalisch ein, in dessen Nähe die zur Hauptstadt Tripolis führende Autobahn verläuft.

Im Dorf gab es Anzeichen für eine überstürzte Flucht der Soldaten von Machthaber Muammar al-Gaddafi: In der Nähe eines Kontrollpunktes lagen nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters eingestürzte Zelte und angebissene Brote. Ein Kleinlaster und eine Transformatorenstation standen in Flammen.

Auf Kleinlastern, die zum Teil mit Maschinengewehren oder selbst gebauten Raketenwerfern bestückt waren, hatten sich Hunderte Kämpfer zuvor mit dem ersten Tageslicht in der gebirgigen Region um Kalaa in Bewegung gesetzt. Zusammen mit Rebellen zu Fuß rückten sie nach Kawalisch vor. In der Nähe des Dorfes liegt die Stadt Garjan, von der man die Autobahn nach Tripolis kontrollieren kann.

Die Offensive begann im Morgengrauen mit Raketen- und Granatenfeuer auf mutmaßliche Stellungen des Gegners. Jeder Schuss wurde mit dem Ruf "Gott ist groß" kommentiert. Gaddafis Truppen feuerten als Antwort "Grad"-Raketen russischer Bauart auf die Rebellen ab. Nato-Flugzeuge überflogen während der Kämpfe das Gebiet, griffen jedoch selber nicht in die Gefechte ein. Nach Angaben der Rebellen dienten sie nur der Aufklärung.

Auch von Misurata aus rückten die Rebellen nach Darstellung von Kommandeuren rund 20 Kilometer Richtung Hauptstadt vor. Doch dort gerieten sie unter Beschuss der Truppen Gaddafis. Nach Angaben von Ärzten kamen bei Kämpfen nahe Misurata mindestens 14 Aufständische ums Leben.

Mit dem Marsch auf Tripolis zögern die Aufständischen allerdings. "In Brega und im Nafusa-Gebirge sind wir schon so weit, aber in Misurata und in Tripolis noch nicht", sagte ein Sprecher des Nationalen Übergangsrates in Bengasi am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch in einem Telefoninterview. "Wenn wir auch dort bereit sind, dann beginnt für uns die Stunde Null."

Der Übergangsrat stehe schon seit längerer Zeit in Kontakt mit revolutionären Gruppen in der Hauptstadt, berichtete Sprecher Schamseddin Abdulmola. Diese Untergrundkämpfer seien gewillt, gemeinsam mit den Rebellentruppen zu kämpfen, um Machthaber Gaddafi zu stürzen.

Nato hat 2700 militärische Ziele zerstört

Jetzt stünden die Truppen der Aufständischen im Westen und Südwesten etwa 80 Kilometer vor Tripolis. "Wir waren in einzelnen Fällen auch schon näher dran, dort hatten wir aber nicht wirklich die Kontrolle über das Terrain", sagt er.

In der Küstenstadt Misurata hätten die Rebellen in den vergangenen Tagen große Verluste erlitten, weil sie von den Gaddafi-Truppen mit Raketen beschossen worden seien. Alleine am Montag seien 19 Menschen gestorben und 25 verletzt worden. Einige schwebten noch in Lebensgefahr.

Die Nato hat nach eigenen Angaben seit März 2700 militärische Ziele in Libyen zerstört. Trotz der zunehmenden internationalen Forderungen nach einem Ende der Luftangriffe wolle das Bündnis den Einsatz fortsetzen. Ohne die Nato "gäbe es ein Massaker" in Libyen, sagte Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen.

Bei den im März begonnenen Luftangriffen seien unter anderem 600 Panzer und Artillerie sowie fast 800 Munitionslager in Libyen zerstört worden, sagte Rasmussen. Die Truppen von Machthaber Gaddafi stellten aber weiterhin eine Bedrohung dar. Ohne den Einsatz der Allianz könnte Gaddafi "seine Panzer und Raketen gegen Städte und Märkte einsetzen", sagte der Generalsekretär. "Das werden wir nicht zulassen."

Die libysche Regierung kündigte an, mehrere Rebellenführer wegen Hochverrats vor Gericht zu stellen. 21 Vertreter der Aufständischen im Osten des Landes, darunter auch der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats, Mustafa Abdul Dschalil, sollten angeklagt werden, sagte der mit dem Fall beauftragte Richter Chalifa Isa Chalifa am Mittwoch. Die Prozesse sollen in ihrer Abwesenheit stattfinden. Bei einer Verurteilung werde sich Tripolis dann um internationale Unterstützung beispielsweise von Interpol bemühen, erklärte der Richter.

als/AFP/dapd/Reuters/dpa

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1. ...
Hape1 06.07.2011
Zitat von sysopDie libyschen Rebellen rücken immer näher auf Tripolis vor. Nach sechsstündigem Kampf gegen Gaddafis Truppen wurde ein strategisch wichtiger Wüstenort im Westen eingenommen. Doch für die Erstürmung der Hauptstadt fühlen sich die Aufständischen noch nicht bereit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772831,00.html
Weils auch hierher passt....: Was ich mich jetzt ernsthaft frage: Wenn die Rebellen sich schon bei jedem 300-Seelen Dorf so abmühen, was soll dann erst in Tripolis geschehen? Ich denke, dass die Rebellen keine Chance haben. Die jetzige Offensive scheint mir "blinder Aktionismus". Wahrscheinlich wollen die vor den Beginn der heissen Monate und des Fastenmonats klare Verhältnisse schaffen. Aber solche Dinger gehen meistens in die Hose. Am besten wäre es, Friedenverhandlungen und freie Wahlen (wie Gaddafi sie vorschlug) anzunehmen. Aber das geht nur, solange der Status Quo Ante vorhanden ist. Sobald die Regierungstruppen die Oberhand gewinnen, fürchte ich, dass die Tür für Verhandlungen wieder zuschlägt.
2. Die Größe ist irrelevant
e_d_f 06.07.2011
Zitat von Hape1Weils auch hierher passt....: Was ich mich jetzt ernsthaft frage: Wenn die Rebellen sich schon bei jedem 300-Seelen Dorf so abmühen, was soll dann erst in Tripolis geschehen? Ich denke, dass die Rebellen keine Chance haben. Die jetzige Offensive scheint mir "blinder Aktionismus". Wahrscheinlich wollen die vor den Beginn der heissen Monate und des Fastenmonats klare Verhältnisse schaffen. Aber solche Dinger gehen meistens in die Hose. Am besten wäre es, Friedenverhandlungen und freie Wahlen (wie Gaddafi sie vorschlug) anzunehmen. Aber das geht nur, solange der Status Quo Ante vorhanden ist. Sobald die Regierungstruppen die Oberhand gewinnen, fürchte ich, dass die Tür für Verhandlungen wieder zuschlägt.
Der militärische Erfolg bemisst sich nicht nach der Größe einer Stadt, sondern nach ihrer strategischen Bedeutung. Ob es in Tripolis leichter wird oder nicht, hängt entscheidend davon ab, wieviele potentielle Aufständische überlaufen werden, wenn die Rebellen wirklich vor Tripolis stehen sollten. Wenn die Angaben der NATO stimmen (600 zerstörte Panzer), dürfte Gaddafis Kampfkraft ganz erheblich zusammengeschrumpft sein. Bei diesem Risiko, aus heiterem Himmel jederzeit der nächste sein zu können, setzt sich doch keiner mehr mit Freude in einen der verbliebenen Panzer Gaddafis. Die dezimierte Gaddafi-Armee wird durch den fortgesetzten Bombenkrieg zunehmend demoralisiert sein und immer weniger Widerstand leisten. Die Zeit arbeitet gegen Gaddafi!
3. Alles klar?
andreasneumann2 06.07.2011
Zitat: Als der Sieg feststand, feuerten die Rebellen aus Freude Schüsse in die Luft ab und riefen "Gott ist groß". Diese eine Satz sagen mehr als tausend Worte. Uns wird immer gesagt, dass die Rebellen für eine Demokratie kämpfen würden. Aber in einer Demokratie muss die Religion vom Staat getrennt sein. Sonst haben wir Zustände wie im Iran. Und genau diese Zustände werden wir in Libyen bekommen. Da war mir der verrückte Gaddafi um einiges angenehmer. Der hat nämlich alle Islamisten verhaften lassen. Und jetzt setzen die zum Sturm auf Tripolis an. Und das mit Nato-Unterstützung. Meines Erachtens sollten wir die verantwortlichen Nato-Generäle und die verantwortlichen Politiker dafür vor ein ordentliches Gericht zur Verantwortung ziehen!
4. Mäusepfiff
Conrad St. 06.07.2011
Al-Qawalish ist eine keine Häusergruppe ("a hamlet") mitten in der flachen Wüste, 4 km westlich abseits der Gharyan Road zwischen Mizda und Zwaia. Offenbar war es ein "Kontrollpunkt" zur Beobachtung der Strasse. Strategische Bedeutung mitten im Flachland ..? Weshalb? Die Regierungstruppen werden die Entscheidung kaum in der flachen Wüste ohne Deckung suchen, wo sie der "Rebellen Luftwaffe" ausgeliefert wären. "6 Stunden Feuerkampf" und "überstürzte Flucht" sind eigentlich ein Widerspruch in sich. Entweder das eine - oder das andere. Ein Kontrollpunkt wird in der Regel durch eine Gruppe, max. 2 Gruppen, besetzt (im besten Fall können wir von 8 - 12 Soldaten und einem Unteroffizier ausgehen; ist eine Vermutung). Taktische bezweckt ein solcher die Überwachung und Beobachtung, was auf der Strasse vor sich geht. Zelte dienen in der Wüste dem Schutz vor der Sonne und die Trafostation der Stromversorgung der Häusergruppe (nota bene der Zivilisten, die dort wohnen). Offenbar hat die Gruppe das einzig richtige getan - sich nach 6 Stunden Kampf - geordnet - zurückgezogen - offenbar ohne Gefangene oder Gefallene, ohne wichtiges Material wie Funkgeräte, Beobachtungsmittel, Waffen zurückzulassen, und offenbar weil der Angreifer überlegen war (lassen wir mal offen, wer den Kleinlastwagen in Brand setzte). Berichtet SPON hier tatsächlich über einen "strategischen Sieg" oder doch eher bloss über einen Mäusepfiff?
5. hä?
paulibahn 06.07.2011
Zitat von andreasneumann2Zitat: Als der Sieg feststand, feuerten die Rebellen aus Freude Schüsse in die Luft ab und riefen "Gott ist groß". Diese eine Satz sagen mehr als tausend Worte. Uns wird immer gesagt, dass die Rebellen für eine Demokratie kämpfen würden. Aber in einer Demokratie muss die Religion vom Staat getrennt sein. Sonst haben wir Zustände wie im Iran. Und genau diese Zustände werden wir in Libyen bekommen. Da war mir der verrückte Gaddafi um einiges angenehmer. Der hat nämlich alle Islamisten verhaften lassen. Und jetzt setzen die zum Sturm auf Tripolis an. Und das mit Nato-Unterstützung. Meines Erachtens sollten wir die verantwortlichen Nato-Generäle und die verantwortlichen Politiker dafür vor ein ordentliches Gericht zur Verantwortung ziehen!
was hat das eine mit dem anderen zu tun? nicht jeder, der allahu akbar ruft, ist ein islamist.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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