Erfolgreiche Anti-Terror-Strategie Pakistan zerschlägt Taliban-Führung

Die Strategie scheint aufzugehen: Pakistanische Sicherheitskräfte haben sieben der 15 Top-Taliban verhaftet. Alles deutet auf eine enge Zusammenarbeit der CIA mit dem pakistanischen Geheimdienst hin - und darauf, dass der gefangene Mullah Baradar bei Verhören plaudert. Die Taliban wehren sich mit Anschlägen.

Pakistanische Soldaten im Einsatz: 15 Taliban-Kommandeure verhaftet
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Pakistanische Soldaten im Einsatz: 15 Taliban-Kommandeure verhaftet

Von , Islamabad


Als Mitte vergangener Woche durchsickerte, dass der pakistanische Geheimdienst ISI mit Hilfe der CIA die Nummer zwei der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, in Karatschi verhaftet hatte, gingen die Meinungen noch auseinander: In den USA war man voll des Lobes für die gute Zusammenarbeit. Endlich habe Pakistan erkannt, wie gefährlich die Taliban seien. Manche sahen gar eine Wende in der pakistanischen Politik im Umgang mit den Taliban. Kritiker hielten den Fang dagegen für einen Zufall und sahen sich darin bestätigt, weil die pakistanischen Behörden die Verhaftung erst tagelang nicht bestätigen wollten und dann kleinredeten als bloß einen von vielen Schritten im Anti-Terror-Kampf.

Eine Woche später glauben selbst die Taliban nicht mehr, dass Pakistan ein sicherer Hafen, ein Rückzugsraum für müde Krieger aus Afghanistan ist. Denn inzwischen ist klar: Sicherheitskräfte haben in den vergangenen Wochen insgesamt 15 Kommandeure verhaftet, davon allein sieben aus der sogenannten Quetta-Schura, dem Führungsgremium der Taliban, wie es aus Nato-Kreisen heißt. Auch Mullah Abdul Salam, der Schattengouverneur der Taliban in Kunduz und der größte Gegner der dort stationierten Bundeswehr, sitzt inzwischen in pakistanischer Haft. Am Donnerstag bestätigte Islamabad nun auch die Festnahme von Mullah Abdul Kabir, dem Taliban-Kommandeur für Ostafghanistan.

Die Taliban wehren sich mit Gewalt: Am Freitag sprengten sich Selbstmordattentäter im Herzen von Kabul in die Luft und töteten 17 Menschen. Aus Pakistan werden täglich Anschläge von Taliban aus der Grenzregion zu Afghanistan gemeldet. Es sind Versuche, sich gegen die Übermacht aus westlicher Allianz, afghanischer und pakistanischer Regierung aufzubäumen, Menschen zu töten, Schlagzeilen zu machen und damit Macht zu demonstrieren. Wir sind nicht zu besiegen, lautet die Botschaft.

Wie nachhaltig Pakistan den neuen Kurs verfolgen wird, ist unklar, doch eines ist gewiss: Niemand, der auf Seiten der Terroristen steht, ist derzeit sicher. Beunruhigen dürfte das die Taliban deshalb, weil sie aus ihren Aufenthaltsorten bislang kein allzu großes Geheimnis gemacht hatten. Ihre Adressen, Telefonnummern und Autokennzeichen in Pakistan waren den Sicherheitskräften bekannt. Wer jetzt also noch frei herumläuft, muss sich schleunigst ein sicheres Versteck suchen.

Basis für den Erfolg: Mullah Baradar redet

Hilfe von der Quetta-Schura, benannt nach der Stadt Quetta im westpakistanischen Belutschistan, wohin sich die Taliban-Spitze nach Einmarsch der alliierten Truppen in Afghanistan 2001 in Sicherheit brachte, können diese Militanten wohl kaum erwarten: Das Gremium ist mit nur acht verbliebenen Mitgliedern kaum handlungsfähig, glaubt man in Nato-Kreisen. "Wir gehen davon aus, dass etwa die Hälfte dieser Leute neuerdings in pakistanischen Gefängnissen sitzt", sagt ein US-Diplomat in Islamabad. "Das ist ein gutes Zeichen."

Maßgeblich für diesen Erfolg dürften die Aussagen von Mullah Baradar sein. "Baradar redet", teilt der Geheimdienst Journalisten schlicht mit - zum Inhalt der Gespräche sagt man nichts. Über das Bekanntwerden seiner Festnahme sei man jedoch enttäuscht, denn nun seien die noch gesuchten Taliban alarmiert. Nach Informationen aus westlichen Kreisen in Kabul und Islamabad hat der Quasi-Chef der Taliban seit dem Untertauchen von Mullah Mohammed Omar den Ermittlern viele Hinweise auf die Aufenthaltsorte weiterer Taliban in Pakistan gegeben. Bei seiner Festnahme sollen auch Unterlagen und Telefonnummern gefunden worden sein, aus denen die Polizei ihre Schlüsse gezogen habe.

Die Taliban, hört man, sind irritiert: Konnten Mullah Baradar und Mullah Kabir nicht jahrelang unbehelligt in Pakistan in ihren eigenen Häusern leben, mit dem Auto fahren, auf Märkte gehen? Wieso werden sie ausgerechnet jetzt verhaftet, da die Amerikaner im Süden Afghanistans eine Militäroffensive gestartet haben? Die pakistanische Regierung, die zwar zwei Kriege im Inneren gegen die Taliban geführt hat - einen im Frühjahr 2009 im Swat-Tal, einen zweiten im Herbst in Südwaziristan -, unternahm doch bislang nichts gegen die aus diesen Gebieten geflohenen Kämpfer und ließ die hochrangigen Kommandeure in Ruhe. Was also ist in die Regierung gefahren?

Pakistan will die politische Zukunft Afghanistans mitbestimmen

Die neue Härte gegen die Taliban dürfte ihren Grund darin haben, dass Pakistan die Spitze der religiösen Kämpfer nach eigenem Interesse neu formieren will. In Islamabad werden afghanische Pläne durchaus akzeptiert, mit moderaten Taliban über eine Machtbeteiligung in Afghanistan zu reden und sie in die Gesellschaft zu integrieren. Pakistan will jedoch bei der Gestaltung der politischen Zukunft Afghanistans mitreden - und zieht daher schon jetzt missliebige Kommandeure aus dem Verkehr, so die eine Deutung. Die Taliban sollten demnach so sehr geschwächt werden, dass sie bereit zu Verhandlungen, aber immer noch in der Lage sind, pakistanische Interessen zu vertreten. Wie genau die aussehen, darüber rätseln westliche Diplomaten noch.

Spekuliert wird aber auch, dass in den Verhören der Gefangenen ausgelotet werden soll, wie groß die Bereitschaft in den Reihen der Taliban zur Zusammenarbeit überhaupt ist. Womöglich könne der eine oder andere Häftling derzeit noch starrköpfige Kommandeure zum Niederlegen der Waffen und zu Gesprächen überreden.

Afghanistan fordert eine Auslieferung derjenigen Verhafteten, die afghanische Staatsbürger sind. In einer in Kabul verbreiteten Erklärung des Präsidentenpalastes heißt es, Islamabad habe ein entsprechendes Gesuch akzeptiert. Darauf habe man sich bei einem Treffen der Innenminister beider Länder in Islamabad geeinigt. In der Nato vermutet man, Präsident Hamid Karzai wolle Mullah Baradar als Brücke zu den Taliban nutzen. Die Amerikaner unterstützen dem Vernehmen nach eine Auslieferung, weil sie sich in Kabul uneingeschränkten Zugang zu ihm versprechen - in Pakistan ist das nicht der Fall.

Um den Anschein von Nähe zu den USA zu vermeiden, hatte Pakistans Innenminister Rehman Malik kurz zuvor noch gegenüber Journalisten erklärt, man wisse noch nicht, wie man mit Mullah Baradar verfahren werde. Sollten ihm keine Verstöße gegen pakistanische Gesetze nachgewiesen werden, könne es auch sein, dass man ihn freilasse, erklärte er.

US-Spionagesatelliten unterstützen die pakistanischen Behörden

Solche Töne belegen, welchen Spagat die Regierung vollbringen muss: Einerseits ist sie auf amerikanische Zahlungen angewiesen und hat nach zunehmendem Terror im Inland auch ein Interesse an einem Sieg über die Taliban, auf der anderen Seite droht sie die Zustimmung der traditionell US-kritischen Bevölkerung zu verlieren, wenn sie zu sehr mit den Amerikanern zusammenarbeitet.

Die Festnahmen wären ohne US-Hilfe jedoch kaum möglich: Dank amerikanischer Spionagesatelliten erhalten die pakistanischen Behörden exakte Informationen über die Bewegungen der Taliban und können gezielt zugreifen. Eine Wende in der Kooperation stellt auch der US-Drohnenangriff auf den pakistanischen Taliban-Führer Baitullah Mehsud im August 2009 dar, bei dem der gesuchte Terrorist getötet wurde. Dieser Erfolg dürfte die Zustimmung der pakistanischen Regierung zu amerikanischen Drohnenflügen gesteigert haben. Die Zahl der Angriffe aus unbemannten Flugzeugen hat seither jedenfalls dramatisch zugenommen. Kritik aus der Bevölkerung über diese Missachtung der territorialen Souveränität Pakistans und über zivile Opfer bei solchen Attacken begegnet die Regierung mit offizieller Kritik an den USA.

Einem Bericht der "New York Times" zufolge hat die CIA dagegen auch über die Drohneneinsätze hinaus in Pakistan operiert. So hätten amerikanische Agenten gemeinsam mit ihren pakistanischen Kollegen in den letzten zwölf Monaten viele Razzien durchgeführt, berichtet die Zeitung unter Angaben auf pakistanische Insider. Auf erfolgreiche Aktionen würden Beamte beider Länder mit teurem "Johnnie Walker Blue Label"-Whisky anstoßen.

Offiziell behauptet die Regierung in Islamabad jedoch, sie habe die Lage im Griff, Pakistan sei ein souveränes Land, und es gebe keine amerikanischen oder sonstigen ausländischen Sicherheitskräfte im Land. Und die US-Regierung würde eine Zusammenarbeit mit dem ISI auch nicht zugeben. Sie weiß, dass der Ruf des pakistanischen Geheimdienstes nicht der beste ist.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
hasihasilein 26.02.2010
1. Folter nennt man das ..
dass der gefangene Mullah Baradar bei Verhören plaudert.... stellt spion wie immer sehr nonchalant fest... Und wenn man mich simuliertes ertrinken geniessen lässt und mir die Fingernägel rausreisst - ja dann würde ich sogar die Printausgabe des Spiegels kaufen - obwohl ich weiss, dass das kein Qualitätsjournalismus ist... was einem da angedreht wird sondern einfach Bildzeitung für Abiturienten
epze030, 26.02.2010
2. warum ...
... wird die Zusammenarbeit bei der Verhaftung von Terror-Islamisten geleugnet : "Offiziell behauptet die Regierung in Islamabad jedoch, sie habe die Lage im Griff, Pakistan sei ein souveränes Land, und es gebe keine amerikanischen oder sonstigen ausländischen Sicherheitskräfte im Land. Und die US-Regierung würde eine Zusammenarbeit mit dem ISI auch nicht zugeben. Sie weiß, dass der Ruf des pakistanischen Geheimdienstes nicht der beste ist." Angeblich sind die Terroristen doch alles nur einzelne Verwirrte und sogar angebliche Feinde des Islam (Islam=Frieden+Toleranz!!) ?! Oder ist es in Wahrheit doch so schlimm wie befürchtet und der islam. Terror hat weitgehende aktive/passive Unterstützung in der Mehrheit der Bevölkerung ?? Fragen über Fragen ... Jedenfalls tut die pakist. Regierung endlich mal was gegen der Terror dort! Wohl nicht zuletzt erst deshalb, weil Pakistan selbst reichlich Unterdrückung, Tod und Zertörung durch diese "Gotteskrieger" erfahren mußte ... Diese Erfahrungen fehlen uns hier (glücklicherweise!!) in DE noch, weshalb einige Gutgläubige noch immer viel Verständnis und Wohlwollen für diese Terroristen übrig haben ...
raka, 26.02.2010
3. .
Zitat von sysopDie Strategie scheint aufzugehen: Pakistanische Sicherheitskräfte haben sieben der fünfzehn Top-Taliban verhaftet. Alles deutet auf eine enge Zusammenarbeit der CIA mit dem pakistanischen Geheimdienst hin - und darauf, dass der gefangene Mullah Baradar bei Verhören plaudert. Die Taliban wehren sich mit Anschlägen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,680397,00.html
Dass er "plaudert"? Dass er übelst gefoltert wird, darauf deutet es hin.
seine_unermesslichkeit 26.02.2010
4. ...
Zitat von rakaDass er "plaudert"? Dass er übelst gefoltert wird, darauf deutet es hin.
Ach Gottchen, das arme Talibanchen ist vielleicht ein wenig unter Einsatz unlauterer Mittel befragt worden. Schluchsz...schluchsz...mir kommen die Tränen. Also ich hätte ihn erstmal gebeten, es sich auf diesem Stuhl bequem zu machen: http://www.foltern.de/folter/befragungsstuhl.html
brain1965, 26.02.2010
5. In welcher Welt wollen wir leben?
Zitat von seine_unermesslichkeitAch Gottchen, das arme Talibanchen ist vielleicht ein wenig unter Einsatz unlauterer Mittel befragt worden. Schluchsz...schluchsz...mir kommen die Tränen. Also ich hätte ihn erstmal gebeten, es sich auf diesem Stuhl bequem zu machen: http://www.foltern.de/folter/befragungsstuhl.html
Tja, wenn man eine menschliche, humanistische, aufgeklärte Weltordnung durchsetzen will, dann muss man sich auch dran halten. Sonst geht es nur noch um das Faustrecht des Stärkeren, und wir befinden uns wieder alle im Mittelalter – und nicht nur die Taliban.
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