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11. Januar 2013, 16:28 Uhr

Kurdinnen-Mord von Paris

Hinrichtung in der Rue La Fayette

Von Stefan Simons, Paris

Nach dem Attentat auf drei kurdische Aktivistinnen verdichten sich die Hinweise auf einen politischen Auftragsmord. Nur: Wer ihn begangen hat, bleibt rätselhaft. Die PKK poltert gegen Frankreich, die Türkei versetzt ihre Botschaften in Alarmbereitschaft.

Das Gebäude an der Rue La Fayette 147 ist ein schlichter Altbau im zehnten Arrondissement: Büros, kleine Geschäfte, im Umkreis Fast-Food-Läden und Bistros. Hier, im ersten Stock, hat das Kurdische Informationszentrum (CIK) seinen unauffälligen Sitz - kein Schild, kein Logo verweist auf die Präsenz der Organisation, die in Frankreich die Interessen der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) vertritt.

Die Polizisten, die am frühen Donnerstagmorgen gegen 1.15 Uhr in dem kleinen Drei-Zimmer-Apartement eintreffen, finden eine grausige Szene vor. Drei Leichen in einer riesigen Lache von Blut. Drei Frauen, eine getötet durch einen Schuss in Bauch und Stirn, die beiden anderen hingerichtet durch einen Schuss in den Nacken. Zwei der Opfer, so schildern die Pariser Medien das Bild am Tatort, liegen zusammengebrochen über einem Couchtisch, die dritte Person ausgestreckt neben dem Sofa. Sie sind schnell identifiziert:

Es ist Söylemez' französischer Freund, der in den frühen Morgenstunden am Donnerstag die furchtbare Entdeckung macht und die Polizei alarmiert. Den ganzen Nachmittag hatte er zuvor versucht, Leyla zu erreichen. Doch er bekam sie weder am Büroanschluss noch am Handy zu fassen. Zunehmend beunruhigt, besorgt sich der junge Franzose im Lauf des späten Abends einen Schlüssel für das Büro und verständigt kurdische Bekannte.

Beim Eintreffen in der Rue La Fayette entdecken sie Blutspuren, treten daraufhin die Eingangstür ein und entdecken die Toten.

Die Beamten von Kripo und Polizei sind sich schon dem ersten Augenschein nach einig, dass es sich nicht um einen Raubüberfall handelt. Die Handtaschen der Opfer sind unangetastet, weder Wertsachen, Handys noch Geld fehlen. Keine der drei Frauen taucht im polizeilichen Straftatenregister auf, das auch Zeugen und indirekte Beteiligte erfasst. Ein Koffer mit Kleidung, säuberlich gefaltet, ist ungeöffnet. Auch die vor Ort gefundenen Patronenhülsen geben keinen Rückschluss auf einen Täter aus Kreisen des organisierten Verbrechens: "Die Munition vom Kaliber 7,65 Millimeter", zitiert die Zeitung "Le Parisien" einen Vertreter der Pariser Kripo, "stammt aus einer automatischen Pistole. Das sind nicht die Waffen, die in diesen Milieus verwendet werden."

Wahrscheinlich fand der dreifache Mord am frühen Nachmittag statt. Er habe im Haus nebenan gegen 15 Uhr "kleine Detonationen" gehört, gibt ein Nachbar zu Protokoll. Die unklaren Geräusche veranlassten ihn aber nicht zu handeln, er wollte "nicht die Polizei belästigen". So wie die Frauen bekleidet waren, hatten sie gerade das Büro erreicht oder waren im Begriff, es zu verlassen. Die elektronisch gesicherte Tür haben die Opfer offenbar selbst dem Täter geöffnet. Dann muss alles sehr schnell gegangen sein. "Der oder die Täter", so eine Polizeiquelle, "kamen eindeutig um zu töten."

"Eine bestellte Exekution"

Davon sind auch die bis zu 400 Demonstranten überzeugt, die am Morgen nach der Tat in der Rue La Fayette protestieren. "Es ist eine bestellte Exekution", sagt einer der Kurden. Die Betroffenheit steht ihnen ins Gesicht geschrieben, zwei Frauen, gekleidet in Schwarz, weinen still. Aber auch Wut ist da, Wut und Enttäuschung über die französische Regierung. "Türkei Mörder, Frankreich Komplize" steht auf einem Spruchband, der Vorwurf richtet sich gegen die sozialistische Regierung, die nach der Wahl von François Hollande keinen Kurswechsel in der Kurdenfrage gemacht hat: Die PKK wird - wie in ganz Europa - als terroristische Organisation geführt, in Frankreich sind ein gutes Dutzend PKK-Kader inhaftiert, weil sie unter ihren 250.000 Landsleuten gewaltsam "Steuern" eingetrieben haben sollen.

Dabei verurteilte Staatschef Hollande den Anschlag umgehend als "schreckliches Verbrechen", Innenminister Manuel Valls eilt zum Tatort und verspricht den nachhaltigen Einsatz der Sicherheitskräfte zur Aufklärung. Die Untersuchung hat die Kriminalpolizei der Unterabteilung für Terrorismus übernommen. Denn 24 Stunden nach dem Anschlag verdichten sich die Erkenntnisse: Bei der Bluttat in der Rue La Fayette handelt es sich um einen politischen Auftragsmord.

Die PKK meldete sich am Freitagnachmittag mit dröhnenden Worten. Sie verlangt von Frankreich die vollständige Aufklärung der Tat. Ansonsten werde die Regierung in Paris für das "Massaker an den Kampfgefährten" zur Verantwortung gezogen, erklärte der bewaffnete Flügel der Arbeiterpartei Kurdistans auf seiner Internetseite. Es habe sich um einen vorsätzlichen und organisierten Angriff gehandelt. Die Türkei versetzte ihre Botschaften in Alarmbereitschaft und bat die französischen Behörden, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen, wie ein Regierungsvertreter sagte.

Unklar bleibt bislang, wer dahintersteckt. Die "Rätsel der Exekution", so die Zeitung "Libération", erlauben vorläufig nur Spekulationen: Geht es um eine brutale Vergeltungsmaßnahme im internen Machtkampf der PKK, wie die Türkei verlauten lässt? Gibt es Abtrünnige innerhalb der Organisation, die die jüngsten Verhandlungen zwischen Öcalan und der Regierung in Ankara ablehnen? Oder stecken gar nationalistische Ultras dahinter, vielleicht gar türkische Geheimdienstler, die just diese Annäherungsversuche zu torpedieren suchen?

Seit Ende des vergangenen Jahres steuern die verfeindeten Parteien, nach 30 Jahren Bürgerkrieg mit rund 45.000 Opfern, einen vorsichtigen Annäherungskurs. Trotz der wieder aufflammenden Kämpfe zwischen Armee und Guerilla gab es erste Gespräche zwischen Vertretern des türkischen Geheimdienstes und dem inhaftierten Öcalan über einen historischen Kompromiss. Der könnte so aussehen: ein gewisses Maß von Autonomie für die kurdische Minderheit im Gegenzug für das Ende des bewaffneten Kampfes. Echte Wende oder bloßes Taktieren? Die Initiative ist innerhalb der Türkei so umstritten wie unter den Exilanten und den Kurdengruppen in den historischen Siedlungsgebieten des Nahen Ostens.

Denn deren politische Visionen von einem künftigen eigenständigen Kurdistan sind durchaus nicht auf einer Linie. Zwar hat der Arabische Frühling die stillschweigende Anti-Kurden-Front zwischen Iran, Syrien und der Türkei beendet, so der kurdische Blogger Maxime Azadi beim Pariser Internetdienst Mediapart: "Aber die Kurden des Irak, die bereits über eine halbautonome Region verfügen, haben eine andere Vision der Selbstbestimmung als die Kurden der Türkei oder Syriens."

Ein Linienkampf, der jetzt mit blutigen Folgen das französische Exil erreicht? Mit dem Mord an den drei Aktivistinnen dürften sich die Fronten zwischen militanten Kurden und der Regierung in Ankara erst einmal wieder verhärten, der Spielraum für PKK-Chef Öcalan wird noch enger.

Die drei getöteten Frauen, zu deren Gedenken Kurdenorganisationen für Samstag zu einer Kundgebung in Paris aufgerufen haben, werden derweil auf Blogs und Internetseiten als Märtyrerinnen gefeiert. Ein kurdischer Demonstrant in der Rue La Fayette sagt: "Sie sind gestorben für den Kampf unserer Sache."

Reuters

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