Ermittlungsmethoden der CIA LSD für hartnäckige Zeugen

In den USA geraten die Geheimdienste und das Militär zurzeit wegen der Behandlung von Hunderten inhaftierter Terrorverdächtiger immer stärker in die Kritik. Ein ARD-Dokumentarfilm zeigt nun, wie die CIA schon nach dem Zweiten Weltkrieg ein fragwürdiges Programm entwickelte, um schweigsame Zeugen erst zum Reden und dann zum Vergessen zu bewegen.


US-Präsident George W. Bush und CIA-Chef Tenet in der Zentrale des Geheimdienstes
AP

US-Präsident George W. Bush und CIA-Chef Tenet in der Zentrale des Geheimdienstes

Kaum ein Tag vergeht, an dem amerikanische Zeitungen nicht über fragwürdige Fälle von inhaftierten Terrorverdächtigen berichten, von denen nach vorsichtigen Schätzungen immer noch mehr als tausend in diversen US-Gefängnissen und Militärbasen einsitzen. Erst in der vergangenen Woche schilderte die "Washington Post" die Geschichte eines in Ägypten geborenen Mannes, der monatelang in New York in einer Einzelzelle saß, weil er unter Terrorverdacht stand. Die Vorwürfe, die der Mann nach seiner Freilassung erhebt, wiegen schwer: Er beschuldigt Agenten des Geheimdienstes CIA, ihn mit Gewalt zu einem Geständnis gezwungen zu haben. Ein US-Richter hat sich nun des Falls angenommen und will der CIA viele unangenehme Fragen stellen.

Besonders die Tatsache, dass die Öffentlichkeit so gut wie nichts über die Inhaftierten und deren Situation erfährt, macht vielen Menschenrechtsorganisationen Angst. Der Grund für die Befürchtungen kommt nicht von ungefähr, denn dass die CIA und andere Behörden bei der Beschaffung von Informationen bei inhaftierten Zeugen nicht immer sehr zimperlich auftritt, ist seit langem bekannt. Ein Dokumentarfilm, der am Montagabend um 21.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird, beschreibt nun einen Fall, an dem die skrupellosen Methoden der CIA deutlich werden. Die Macher des 90-minütigen Streifens "Deckname Artischocke" decken auf, wie die CIA nach dem Zweiten Weltkrieg ein Programm entwickelte, um Zeugen zum Reden zu bringen.

Warum musste Frank Olson sterben?

Die Journalisten Egmont Koch und Michael Wech recherchierten monatelang die Umstände des rätselhaften Todes eines amerikanischen Wissenschaftlers, der sich angeblich im November 1953 aus dem Fenster eines New Yorker Hotels stürzte. Warum, so fragen die beiden Reporter und auch der Sohn von Frank Olson, musste der Bio-Wissenschaftler sterben, obwohl nichts auf einen möglichen Suizid hinwies? War es sein Wissen über ein streng geheimes CIA-Programm oder die Anthrax-Forschung der Army, die ihn in den Tod trieb? Oder war es gar die CIA selber, die den Mann loswerden wollte, weil er zu viel wusste und aussteigen wollte? Der Film gibt keine klare Antwort. Trotzdem haben die Filmemacher viel Interessantes gefunden über die fragwürdigen Machenschaften der CIA, die sie auch mit ehemals als geheim klassifizierten Dokumenten belegen können.

Frank Olson (l.) war einer der Forscher, die für die CIA mit LSD experimentierten
WDR

Frank Olson (l.) war einer der Forscher, die für die CIA mit LSD experimentierten

Denn der Wissenschaftler Frank Olson war nicht irgendwer in der CIA. Gemeinsam mit einigen anderen Wissenschaftlern leitete er Anfang der fünfziger Jahre für die CIA das Programm "Artischocke". Dessen Ziel wird in einem CIA-Dokument, das die Rechercheure in den heute frei zugänglichen Archiven entdeckten, ganz klar definiert: Durch die Behandlung von Zeugen mit Drogen wie LSD und anderen Chemikalien sollten "Personen fragwürdiger Loyalität, zum Beispiel Doppelagenten oder sowjetische Spione", zum Reden gebracht werden. In Experimenten testeten Männer wie Olson die Wirksamkeit der Drogen und gaben ihre Ergebnisse an die CIA weiter.

Erst reden, dann wieder vergessen

Was die Filmemacher weiter herausfanden, ist eine der dunklen Seiten des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion: Laut den Recherchen richtete die CIA in den fünfziger Jahren in Deutschland Zentren in Berlin und Oberursel ein, wo russische Gefangene mit Drogen und brutaler Folter zum Reden gebracht wurden. Das Ziel der Experimente beschreibt ein ehemaliger CIA-Agent in dem Film ganz deutlich. Die Zeugen sollten mittels der Drogen erst zum Reden gebracht werden und danach alles wieder vergessen. Selbst Erkenntnisse von führenden Nazi-Wissenschaftlern, die bereits in den Konzentrationslagern mit solchen Methoden experimentierten, sollen laut den Aussagen von Zeugen in dem Film dort von den Amerikanern umgesetzt worden sein. Vor Ort in Berlin war auch Frank Olson.

Chronologisch beschreiben die Autoren den beruflichen Weg von Olson, der immer tiefer in die innersten Geheimnisse der CIA und der Army eindringt und sich durch seine Offenheit immer mehr in Gefahr bringt. Am Ende ist er einer der wichtigsten Geheimnisträger der CIA. Er wusste nicht nur viel über die Drogenexperimente, sondern auch über die Versuche der Army mit biologischen Kampfstoffen. Für die Geheimdienste reiste er viel herum, begleitet B-Waffen-Versuche auf den Antillen oder die Drogenexperimente in Deutschland. Als er jedoch Freunden und Kollegen von seinem geplanten Ausstieg bei der CIA erzählte, wurde er für die Geheimen mehr und mehr zum Risiko. Schon Wochen vor seinem Tod wurde er auf Schritt und Tritt beschattet.

Für einen Mord fehlen die Beweise

Von einem Gerichtsmediziner ließ Eric Olson die Leiche seines Vaters erneut untersuchen
WDR

Von einem Gerichtsmediziner ließ Eric Olson die Leiche seines Vaters erneut untersuchen

Ob Frank Olson im November 1953 umgebracht wurde und von wem, haben auch die Autoren nicht herausgefunden. Doch fast jedes Detail an dem Tod des Wissenschaftlers erscheint merkwürdig. So traf die Polizei kurz nach dem vermeintlichen Suizid einen CIA-Agenten auf dem Zimmer von Olson an, der jedoch von dem Fenstersturz nichts mitbekommen haben will. Außerdem stellten Gerichtsmediziner nach einer Exhumierung der Leiche fest, dass Olson kurz vor seinem Tod offenbar bewusstlos geschlagen wurde und die erste Obduktion mehrere, offenbar bewusst gemachte Fehler enthielt.

Und noch etwas ist fragwürdig an dem Fall Olson: Als die Familie in den siebziger Jahren schon einmal eine Untersuchung des Falls einleiten wollte, meldete sich plötzlich das Weiße Haus bei ihnen. Der damalige Präsident Gerald Ford lud die Familie von Frank Olson zu sich nach Washington ein und entschuldigte sich bei ihnen, ohne jedoch zu sagen warum. Zuvor hatten ihn seine damaligen Stabsberater, der heutige Vize-Präsident Dick Cheney und der aktuelle Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, gewarnt, dass bei einer Untersuchung möglicherweise sehr heikle Details aus diversen Forschungsverfahren an die Öffentlichkeit kommen könnten. Das geheime Memo haben die Journalisten ebenfalls in den Archiven aufgestöbert.

Das Motiv der US-Offiziellen war schnell klar: Durch eine hohe finanzielle Entschädigung sollte die Familie zum Schweigen gebracht werden. Trotzdem forschte der Sohn von Frank Olson weiter. Beweisen wird er seine Theorie des Mords an seinem Vater wohl nie, doch allein die vielen offenen Fragen werfen dunkle Schatten auf die CIA.

Matthias Gebauer

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.