Mord an russischem Regierungskritiker Babtschenko Schüsse in den Rücken

Arkadij Babtschenko war auf dem Rückweg vom Einkaufen, dann hörte seine Frau einen Knall: Der Angriff auf den Putin-Kritiker könnte ein Auftragsmord gewesen sein - Weggefährten vermuten eine Botschaft dahinter.

REUTERS

Aus Kiew berichtet


Anmerkung: Dieser Text basiert auf Meldungen über die Ermordung von Arkadij Babtschenko. Der für tot erklärte Kriegsjournalist ist jedoch am Leben. Er erschien am Mittwoch in Kiew auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Alle Entwicklungen verfolgen Sie hier.


"Ich habe Glück gehabt", schrieb Arkadij Babtschenko in seinem letzten Facebook-Post am Dienstag. Da erinnerte er sich an den Moment, als er dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Vor vier Jahren, als General Sergej Petrowitsch Kultschizkij von der ukrainischen Nationalgarde ihm sagte, er könne nicht mit seinem Helikopter mitfliegen, weil der bereits überladen sei. Babtschenko blieb am Boden. Der Hubschrauber wurde zwei Stunden später abgeschossen, 14 Menschen starben. "Das war wie ein zweiter Geburtstag", schrieb Babtschenko.

Am Dienstagabend war das "Glück" des Soldaten, Journalisten, Bloggers und Literaten aufgebraucht. Babtschenko wurde in Kiew erschossen. Er erlag auf dem Weg ins Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

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Wie ukrainische Medien berichten, war der Journalist auf dem Weg in seine Wohnung im Dneprowskij-Bezirk der ukrainischen Hauptstadt, als er von einem oder mehreren Unbekannten niedergestreckt wurde. Babtschenkos Ehefrau befand sich den Meldungen zufolge im Badezimmer, als sie einen Knall hörte. Sie sei hinausgelaufen und habe ihren Mann in einer Blutlache liegend vorgefunden, hieß es.

Arkadij Babtschenko
DPA

Arkadij Babtschenko

Laut einem Bericht der "Ukrainskaja Prawda" hatte der Journalist das Haus verlassen, um einkaufen zu gehen. "Der Mörder wartete im Treppenhaus am Hauseingang", schrieb ein Abgeordneter der ukrainischen Partei "Volksfront", Anton Geraschenko, auf Facebook. Dem Bericht zufolge wurde Babtschenko in den Rücken getroffen. Es seien mehrere Schüsse gefallen, hieß es.

Der stellvertretende Leiter der ukrainischen Polizei, Wjatschewslaw Abroskin, veröffentlichte nur wenige Stunden nach dem Tod des Journalisten ein Phantombild des mutmaßlichen Täters. Demnach ist der Gesuchte 40 bis 50 Jahre alt, 1,75 bis 1,80 Meter groß und trägt einen angegrauten Bart. Woher die Angaben kommen und wer sich als Zeuge gemeldet hat, ist nicht klar.

Der Journalist und Blogger war vehementer Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin und der Annexion der Krim im März 2014. Im Februar 2017 hatte Babtschenko erklärt, aufgrund der andauernden Drohungen gegen ihn und seine Familie müsse er Russland verlassen. Zunächst war er nach Prag und von dort in die Ukraine gezogen.

Babtschenko hat als Soldat im ersten und zweiten Tschetschenienkrieg gedient und nach Ende seiner Dienstzeit begonnen, als Journalist zu arbeiten. Er schrieb für russische Zeitungen wie den "Moskowskij Komsomolez" und die Wochenzeitung "Nowaja Gaseta" und verfasste eindringliche literarische Texte über seine Kriegserfahrungen. Auch am Krieg 2008 zwischen Georgien und Russland nahm er als Soldat teil. Zuletzt leitete er das Programm "Prime: Babtschenko" auf dem ukrainischen TV-Kanal ATR, der auch in krimtatarischer Sprache sendete.

Der Polizeichef von Kiew, Andrej Krischenko, sagte, die Polizei untersuche derzeit, ob der Mord mit der beruflichen Tätigkeit Babtschenkos zu tun haben könne oder mit seinen politischen Positionen.

"Ein Weckruf an alle Oppositionellen"

In der Ukraine gehen viele Beobachter von einem Auftragsmord aus und sehen Russland involviert. Das Uno-Komitee zum Schutz von Journalisten forderte eine schnelle und Aufklärung des Mordes an Babtschenko, ebenso die OSZE. Premier Wolodymyr Hrojsman schrieb auf Facebook, Babtschenko sei ein "wahrer Freund der Ukraine, der der Welt die Wahrheit über die russische Aggression erzählt hat". Er vermutet russische Einflüsse hinter der Bluttat.

Der Abgeordnete Anton Geraschenko erklärte: "Das System Putin hat es auf alle abgesehen, die man nicht brechen oder verängstigen kann." Ein Bekannter von Babtschenko, Semjon Kabakajew, formulierte konkreter: "Dies ist ein Weckruf an alle Oppositionellen, die die Mächtigen im Kreml kritisieren: Man findet euch überall und tötet euch. Man versucht, euch Angst einzujagen. Indem man herausragende Persönlichkeiten und Meinungsmacher tötet."

Steinmeier: "erschütternde Nachricht"

Der BBC-Reporter Ilja Barabanow kannte Babtschenko von Einsätzen in Krisengebieten und berichtete von Drohungen, die der Journalist schon in Donezk erhalten habe. Der Gründer der "Nowaja Gaseta", Dmitrij Muratow, kündigte an, dass die russische Wochenzeitung eigene Nachforschungen zu dem Mord an ihrem ehemaligen Korrespondenten anstellen werde.

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Der Fall überschattet auch den Besuch des Bundespräsidenten. Frank-Walter Steinmeier ist in Kiew, eigentlich will er sich über den Stand der Reformen informieren. Aber am Mittwochmorgen musste er sich auch zum Fall Babtschenko äußern, er zeigt schließlich auch, wir fragil die Lage in der Ukraine ist.

Steinmeier spricht von einer "erschütternden Nachricht". Babtschenko sei auf "brutalste Art und Weise ermordet" worden. "Nicht zum ersten Mal" sei in Kiew ein Journalist getötet worden, fügte er hinzu. Jetzt gelte es, den Fall bestmöglich aufzuklären: "Wir müssen gewährleisten, dass Journalisten überall auf der Welt ohne Gefahr für Leib und Leben berichten können."

Immer wieder sterben Journalisten

Es ist bereits der dritte ungeklärte Todesfall eines Journalisten in der ukrainischen Hauptstadt in vier Jahren. 2016 tötete eine Autobombe den russischen Journalisten Pawel Scheremet, ebenfalls ein Kritiker der Moskauer Führung. 2015 wurde der ukrainische Journalist Oleg Busina ermordet. Keiner der Fälle konnte bisher aufgeklärt werden.

Babtschenko wurde 41 Jahre alt. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter. In den sozialen Netzwerken trauerten Freunde und Wegbegleiter, so auch der Moskauer Fotograf Jewgenij Feldman: "Ich träume davon, dass man sich an Babtschenko wegen seiner Texte aus Tschetschenien erinnert - sie sind wirklich herausragend. Das sind große Texte, die wahrhaftigsten Texte unter allen, die je über einen so wichtigen Teil unserer Geschichte geschrieben wurden."

Mitarbeit: Veit Medick



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