Ermordung Benazir Bhuttos Anatomie eines Attentats

Erst die jubelnde Menge, dann ein Trümmerfeld: Die Ermordung Benazir Bhuttos stürzte Pakistan ins Chaos. Mit ihr gestorben ist auch für viele die Aussicht auf Demokratie - ein Rückblick auf die Stunden, in denen sich Hoffnung in Verzweiflung wandelte.

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Hamburg - Der Liaqat-Bagh-Park in Rawalpindi ist voll besetzt. Tausende sind gekommen, um die Botschaft Benazir Bhuttos zu hören. Sie empfangen die Oppositionspolitikerin mit einem Regen aus Rosenblüten, winken mit Fähnchen in den Parteifarben rot, grün und schwarz. Bhutto spricht - und strahlt. Sie sagt Sätze wie: "Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt und bin her gekommen, weil ich glaube, dass dieses Land in Gefahr ist. Die Menschen machen sich Sorgen. Wir werden das Land aus der Krise führen."

Mehrfach fordert sie in ihrer Rede die Rückkehr zur Demokratie. Nur so, sagt sie, könne Pakistan den Kampf gegen die Extremisten gewinnen. Ihre Anhänger jubeln. Bhutto lächelt von Dutzenden riesigen Plakaten, die man an den Hauswänden rund um den Veranstaltungsort aufgehängt hat.

Die Stimmung ist ausgelassen - bis die Bombe explodiert

Ein großes Foto von Zulfikar Ali Bhutto, Benazirs Vater, ziert die Bühne. Die Wahlen in Pakistan sind für den 8. Januar angesetzt und Benazir Bhutto tut, was sie kann, um zu gewinnen. Das Bild ihres Vaters, des Gründers der Pakistanischen Volkspartei (PPP) und früheren Premierministers, soll ihren Wahlkampf unterstützen. An seinem Grab hatte Bhutto geschworen, nicht eher zu ruhen, bis die Demokratie "nach Pakistan zurückgekehrt ist", hat sie einmal gesagt.

Bhutto spricht - und steigt in ihr Auto. Das Fahrzeug fährt langsam aus dem Tor des umzäunten Kundgebungsgeländes. Doch ihre Anhänger wollen Bhutto nicht gehen lassen. Jugendliche stimmen Sprechchöre an. Die Politikerin schaut noch einmal aus der Dachöffnung ihres Geländewagens, um ihren Anhängern zu antworten und ihnen zuzuwinken.

"Dann sah ich einen jungen schlanken Mann, der von hinten auf ihr Fahrzeug zusprang und zu schießen begann", sagt Sardar Qamar Hayyat, ein Funktionär der PPP, der das Geschehen aus zehn Metern Entfernung beobachtet hat. Sekunden später explodiert in einem Auto ein Sprengsatz, rund 50 Meter von der Bühne entfernt. Augenzeugen werden später erzählen, dass der Boden in jenem Moment gebebt hat und den Menschen durch die Wucht der Explosion die Kleider vom Leib gerissen wurden. Der Selbstmordattentäter reißt 20 Menschen mit in den Tod, die gerade den Veranstaltungsort verlassen wollen.

Bhutto stirbt an einem Schädelbruch

Nach der Explosion bricht Chaos aus, Menschen laufen schreiend durcheinander. Der Boden am Tatort ist übersät mit Leichen und Verletzten bedeckt, auch Polizisten sind unter den Toten. Überlebende decken die toten Körper mit Fahnen der PP-Partei zu, die Polizei sperrt den Platz mit roten und weißen Bändern ab. Die Menge ist aufgebracht, mit Holzlatten schlagen Menschen auf die eintreffenden Streifenwagen ein.

Bhutto wird mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus von Rawalpindi gebracht. Sie ist bereits bewusstlos, als sie dort eintrifft und erliegt wenig später ihren Verletzungen. Erst heute steht fest, dass die 54-Jährige nicht an Schusswunden, sondern an einem Schädelbruch gestorben ist. Den habe sich die Politikerin zugezogen, als sie mit ihrem Kopf gegen einen Hebel am aufgeklappten Fahrzeugdach gestoßen sei, teilt das Innenministerium mit. In ihrem Körper seien keine Kugeln oder Geschossteile gefunden worden.

Um 17.25 Uhr Ortszeit wird die Oppositionsführerin für tot erklärt.

Hunderte aufgebrachte Anhänger versammeln sich vor dem Krankenhaus. In Sprechchören machen sie ihrer Wut gegen die Regierung Luft. "Musharraf ist ein Hund", brüllen sie. Viele sehen in dem früheren General den Verantwortlichen für den Tod der Bhuttos. Auch aus anderen Städten des Landes werden am Abend teils gewalttätige Proteste gemeldet. In der nordwestlichen Stadt Attock wird das Gebäude der Regierunspartei geplündert. In einer ersten Reaktion ruft Musharraf die Bevölkerung dazu auf, Ruhe zu bewahren.

Regierung vermutet Mehsud hinter dem Anschlag

Die Fernsehsender unterbrechen ihre Programme und schalten nach Rawalpindi. Mehrere TV-Sender melden, dass sich das Terrornetzwerk al-Qaida kurz nach dem Attentat zum Mord an Bhutto bekannt hat. Zwar gibt es bislang kein offizielles Bekennerschreiben von al-Qaida, allerdings hat das pakistanische Innenministerium heute bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass der Geheimdienst Nachrichten abgefangen hat, wonach Kaida-Chef Baitullah Mehsud hinter dem tödlichen Anschlag steckt.

Bhutto selbst wusste um das Risiko, das sie durch ihre Rückkehr einging. Schon am 18. Oktober, am Tag ihrer Heimkehr aus dem Exil, entkam die 54-Jährige nur knapp einem Anschlag, der 139 Menschen in den Tod riss. Bhutto überlebte nur, weil sie sich zur Zeit des von zwei Selbstmordattentätern verübten Anschlags in einem gepanzerten Fahrzeug aufhielt– um noch einmal ihr Manuskript durchzugehen. Seither haben die pakistanischen Behörden ihre Warnungen vor einem Anschlag auf die Politikerin vervielfacht. Ihnen lägen "präzise" Informationen über von Islamisten geplante Attentate vor, hieß es aus Sicherheitskreisen. Bhutto selbst gab immer wieder "ranghohen Verantwortlichen" aus dem Dunstkreis der Regierung und Geheimagenten die Schuld an dem Anschlag vom 18. Oktober. Beweise legte sie nicht vor.

Heute Morgen brachte ein Hubschrauber Bhuttos Leichnam in Begleitung ihres Ehemanns Asif Zardari und ihrer drei Kinder von Islamabad nach Naudero. Die Politikerin wurde in ihrem Heimatort Ghari Khuda Baksh im Süden des Landes beerdigt. Sie wurde im Mausoleum ihrer Familie beigesetzt, unmittelbar neben ihrem Vater Zulfikar Ali Bhutto, ihrem großen politischen Vorbild.



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