Ernährungsgipfel in Rom "Vielleicht gibt es keine echten Antworten"

Mit einer gemeinsamen Schlusserklärung ist der Welternährungsgipfel in Rom zu Ende gegangen: Im Kampf gegen die steigenden Nahrungsmittelpreise wollen die Staaten Handelsschranken abbauen und die Produktion steigern - bitter gerungen wurde um die Zukunft des Biosprits.


Rom - Auf der Konferenz prallten unterschiedliche Auffassungen in der Frage aufeinander, inwieweit die wachsenden Anbauflächen für Biokraftstoffe auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion gehen.

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Im Entwurf der Abschlusserklärung heißt es, nötig sei, sich mit den "Herausforderungen und Möglichkeiten" von Biokraftstoffen zu befassen. Dazu müssten Studien durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass Produktion und Verwendung der Biokraftstoffe nachhaltig seien.

Experten der Welternährungsorganisation (FAO) forderten die teilnehmenden Länder auf, die Diskussion über Biotreibstoffe zu beenden. Verschiedene Anbaumethoden machten es praktisch unmöglich, zu einer eindeutigen Schlussfolgerung zu gelangen.

"Es gibt vielleicht keine echten Antworten", sagte Andreas von Brandt von der FAO. Die internationale Gemeinschaft müsse sicherstellen, dass kein Wettbewerb zwischen dem Anbau für Biotreibstoffe und dem für Nahrungsmittel entstehe.

Widerstand von Kuba und Argentinien

Einige lateinamerikanische Länder erhoben Einwände gegen die Abschlusserklärung. Darunter waren Kuba, das eine Verurteilung von Wirtschaftsembargos gefordert hatte, und Argentinien, das keinen Aufruf zum Abbau von Handelsschranken in das Dokument aufnehmen wollte.

In der Erklärung wurden außerdem Hilfen für Kleinbauern in armen Ländern gefordert. Sie benötigten vor der herannahenden Pflanzzeit Saatgut und Düngemittel, hieß es.

An der Konferenz nahmen rund 40 Staats- und Regierungschefs teil. Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul erklärte, die globale Nahrungsmittelkrise müsse dauerhaft ganz oben auf der Agenda der internationalen Gemeinschaft stehen. Es sei ein Skandal, dass immer noch 850 Millionen Menschen jeden Tag unter Hunger und Unterernährung litten.

Hungerkrise
Horand Knaup
SPIEGEL ONLINE hat in neun Ländern Mütter getroffen, die von ihrem Alltag erzählen. Vom Schlangestehen beim Bäcker, vom immer karger werdenden Speiseplan, von der täglichen Angst vor leeren Tellern.
Hilfsorganisationen übten Kritik an dem Gipfeltreffen. Es fehlten klare und mutige Entscheidungen für eine langfristige und nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern, kritisierte Ernährungsexperte Rafael Schneider von der Welthungerhilfe.

Konkrete Aktionen zur Hungerbekämpfung fänden sich hauptsächlich in Sofortmaßnahmen wieder. Armin Paasch von der Hungerorganisation Fian erklärte, das ursprüngliche Ziel der Konferenz, Klimawandel und Agrarkraftstoffe in ihrer Auswirkung auf die Welternährung anzugehen, sei an der Uneinigkeit der Staaten gescheitert.

Fances D'Emilio, AP

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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.



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