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Erschossene Frau: Afghanischer Polizeichef klagt Bundeswehr an

Ein Distriktchef der afghanischen Polizei erhebt schwere Vorwürfe: Deutsche Soldaten sollen auf Patrouille eine Frau erschossen und eine weitere verletzt haben. Nun untersuchen Bundeswehrexperten den Fall.

Bundeswehrsoldaten nahe Kunduz: Mit Panzerfäusten beschossen Zur Großansicht
dapd

Bundeswehrsoldaten nahe Kunduz: Mit Panzerfäusten beschossen

Kunduz - Die Polizei in Chahar Darreh ist überzeugt, dass die Bundeswehr für den Tod der 35-jährigen Afghanin verantwortlich ist. Der Polizeichef des Distrikts, Gulam Mahidin, berichtet, deutsche Soldaten hätten auf Patrouille das Feuer eröffnet. In der Folge sei die Frau namens Jamila erschossen und eine weitere, 25-Jährige, verletzt worden. Wie viele Afghanen in der Region trug Jamila nur einen Namen.

Die deutschen Soldaten hätten einen Fehler gemacht, so der Polizeichef.

In seiner Schilderung stellt sich der Hergang so dar: Jamila sei aus ihrem Haus gekommen, als sie Schüsse gehört habe. "Die junge Frau wollte ihren Sohn in Sicherheit bringen", sagt Polizeichef Mahidin, "direkt vor dem Haus wurde sie von einer Kugel in den Kopf getroffen".

Mahidin weiter: "Wir gehen nicht davon aus, dass die Deutschen die Frau mit Absicht getötet haben. Dass sie in die Feuerlinie kam, war ein großes Unglück."

Auch der Ehemann der getöteten Frau erhob Vorwürfe gegen die Bundeswehr. "Wir sind harmlose Bauern", sagte Helaluddin, "doch nun werden wir bei der Arbeit von den Deutschen erschossen".

Soldaten sollen sich entschuldigt haben

Er beschrieb, dass sein ganzes Dorf nach den Schüssen verängstigt sei. Helaluddin bestätigte in einem Telefon-Interview mit SPIEGEL ONLINE, dass seine Frau Jamila durch einen Kopfschuss getötet wurde. Demnach sei sie gerade auf dem Rückweg vom Hof des Hauses gewesen als sie eine Kugel in den Hinterkopf traf. Die deutschen Soldaten hätten sich nach dem Vorfall bei ihm entschuldigt, allerdings keine Wiedergutmachung angeboten.

Ein Bundeswehrsprecher sagte, der Fall werde untersucht: "Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet." Es sei aber noch keinesfalls erwiesen, dass die Zivilistin von deutschen Soldaten erschossen worden sei. Bisher wird lediglich bestätigt, dass Soldaten am Donnerstagvormittag Feuer erwidert hätten.

Die Bundeswehr-Soldaten seien kurz vor dem Polizeiquartier in Chahar Darreh mit einer Panzerfaustgranate und mit Kalaschnikows beschossen worden, sagte ein Armee-Sprecher in Kunduz SPIEGEL ONLINE. Die Granate explodierte demnach zwischen zwei Bundeswehrfahrzeugen und richtete daher keinen Schaden an. Ein Fahrzeug sei aber von mehreren Kugeln getroffen worden. Es sei noch unklar, wodurch die Frau gestorben sei. Sie sei den Soldaten später, bei einer zweiten Patrouille rund 1400 Meter vom Angriffsort entfernt, mit einer Kopfverletzung übergeben worden.

Es gebe "noch Ungereimtheiten" wie die Tatsache, dass die Frau Kopfverletzungen aufweise, die aber nicht von Schüssen stammten.

Sie sei sofort von einer deutschen Ärztin behandelt und dann ins Feldlazarett im Camp gebracht worden, sagte der Armeesprecher. Dort sei sie an ihrer schweren Verletzung gestorben. Die zweite Frau sei mit einer leichten Splitterverletzung am Fuß selbstständig ins Krankenhaus in Kunduz gekommen. Bei ihr liege der Verdacht nahe, dass die Verletzung bei dem Feuergefecht verursacht worden sei.

In der Provinzhauptstadt Kunduz betreibt die für Afghanistans Norden zuständige Bundeswehr ein Feldlager mit rund 1400 Soldaten.

sef/kaz/mgb/dpa

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insgesamt 110 Beiträge
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1. .
beobachter1960 10.03.2011
Und so wird es immer weiter gehen. Man kann einerseits nicht schießen ohne auch mal einen Unschuldigen zu treffen (zumal, wer sagt wer in einem Bürgerkrieg unschuldig ist?) und andererseits wird es immer Leute geben die eine Situation ausnutzen um ein eigenes Süppchen zu kochen. Selbst bei einem falschen Verdacht bleibt immer was hängen. Raus aus Afghanistan!
2. ...
Barath 10.03.2011
Zitat von sysopEin Distrikt-Chef der afghanischen Polizei erhebt schwere Vorwürfe: Deutsche Soldaten sollen auf Patrouille eine Frau erschossen und eine weitere verletzt haben. Nun untersuchen Bundeswehr-Experten den Fall. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750015,00.html
Und worüber soll man da jetzt diskutieren? "Gibt es irgendwelche Zeugen hier im Forum?" Oder will man nur wieder hören, was die Leute dennoch glauben zu wissen, was da passiert ist?
3. Die Taliban...
lautpeng 10.03.2011
bringen ihre eigenen Landsleute, Zivilisten, zwischen die Fronten. Dies ohne Skrupel. Am Ende ist es dann leicht den "Besatzern" die Schuld in die Schuhe zu schieben. "Dabei habe es sich aber nicht um eine Schussverletzung gehandelt." Und selbst wenn es eine wäre, was sollen die BWler machen? Das Feuer nicht erwidern, erst mal fragen ob sich auch kein Zivilist mehr in der Schusslinie befindet? RAUS aus Afghanistan, anscheinend will dort unten niemand Hilfe. Denn wenn es so wäre, dann würde sich die dortige Bevölkerung aktiv am Verrat an den Taliban beteiligen! Diese könnten festgesetzt und vor ordentliche Gerichte gestellt werden und zu Haftstrafen verurteilt werden. Ach geht nicht weil die Bevölkerung unter Druck gesetzt wird...sowas hatten wir schon mal...
4. Deutschland ist für Kriegseinsätze nicht geeignet
nr6527 10.03.2011
Zitat von sysopEin Distrikt-Chef der afghanischen Polizei erhebt schwere Vorwürfe: Deutsche Soldaten sollen auf Patrouille eine Frau erschossen und eine weitere verletzt haben. Nun untersuchen Bundeswehr-Experten den Fall. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750015,00.html
Wann merkt die deutsche Regierung endlich das wir nicht die US-Amerikanische Imperialmacht sind, die wahlos Menschen ungestraft abballern kann. Deutschland ist für Kriegseinsätze nicht geeignet, unsere Soldaten sollten alsbald nach Hause kommen.
5. Für ein titelloses Forum
Ekatus Atimoss 10.03.2011
Auch auf die Gefahr hin, dass der Polizeichef recht hat mit seinen Vorwürfen - Deutschland zahlt ja, wenn Deutsche Soldaten ein Fehler nachgewiesen werden kann. Ist wohl auch lukrativer, deutsche Schiffe vor Somalia zu kapern als andere. Nur einer von 1001 Gründen, die BW so schnell wie möglich aus Afghanistan heraus zu holen.
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Ausrüstung der Bundeswehr
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Panzer
DDP
Zehn der vor mehr als 30 Jahren eingeführten Schützenpanzer "Marder" stehen der Bundeswehr in Afghanistan zur Verfügung. Für die deutsch-afghanische Militäroffensive im Juli 2009 wurden vier der Panzer von Masar-i-Scharif in die Krisenregion Kunduz verlegt und während der neuntägigen Offensive erstmals in einem Gefecht eingesetzt. Die 20-Millimeter-Bordkanone hat eine Reichweite bis höchstens 2000 Meter - Offiziere sehen hier Probleme beim Kampf gegen Taliban über größere Distanz. Der einst für norddeutsche Bedingungen konstruierte Panzer hat keine Klimaanlage.

dpa
Auch zwei Bergepanzer hat die Bundeswehr nach Afghanistan verlegt. Diese Fahrzeuge werden zum Bergen und Abschub von Material eingesetzt. Sie sind mit einem Kran und Winden ausgerüstet und dienen auch als Hebemittel bei der Instandsetzung. Zur weiteren Ausstattung dieser Panzer gehört zudem eine Schneid- und Schweißanlage.

REUTERS
Nicht in Afghanistan stationiert sind bisher schwere Kampfpanzer vom Typ "Leopard 2", dem Standard-Kampfpanzer der Bundeswehr. Derzeit verfügt das Heer über 350 dieser Geräte. Gedacht ist der Panzer eigentlich, um in einem Krieg an vorderster Front feindliche Panzer zu vernichten. Die Kanone des "Leopard 2" hat eine Reichweite von mehr als vier Kilometern. Die Geschosse durchschlagen mehrere Dezimeter dicken Stahl und bringen beim Aufprall Metall zum Schmelzen. Das Fahrzeug hat einen 1500 PS starken Dieselmotor, fährt bis zu 70 km/h schnell und kann bis zu vier Meter tiefe Gewässer durchqueren.
Panzerhaubitzen
DPA
Angesichts der angespannten Sicherheitslage wurden insgesamt drei Panzerhaubitzen 2000 in Afghanistan stationiert. Eine davon wurde ins deutsche Feldlager im nordafghanischen Kunduz verlegt.

Es ist das schwerste Geschütz, das die Bundeswehr je in einen Einsatz geschickt hat. Die Panzerhaubitze 2000 ist elf Meter lang und hat ein Gefechtsgewicht von 56 Tonnen. Die 155-Millimeter-Kanone kann 40 Kilometer weit schießen und selbst auf diese Entfernung auf 30 Meter genau treffen.

Mörser
Erstmals setzte die Bundeswehr im Jahr 2009 Mörser mit scharfer Munition ein. Der 120-Millimeter-Mörser "Tampella" stand schon länger zur Verfügung. Doch Deutschland wollte die dazugehörigen Granaten nicht verwenden, um den Tod von Zivilisten und eigenen Soldaten von vornherein auszuschließen. Bislang setzte die Bundeswehr auf Abschreckung durch Leuchtmunition.
Gewehre
Die Bundeswehr verwendet das Sturmgewehr G36, die Standard-Infanteriewaffe der Bundeswehr.
Transportfahrzeuge
DPA
Die Bundeswehr hat 970 zum Teil stark geschützte Fahrzeuge in Afghanistan, darunter 210 vom Typ "Dingo". Ferner fahren die Soldaten mit dem "Fuchs"-Transportpanzer (100) und dem leicht gepanzerten Militärfahrzeug "Eagle". Auch Geländewagen vom Typ "Wolf" (400) sind dort sowie das Mehrzweckfahrzeug "Mungo". Beide Fahrzeuge bieten bei Anschlägen kaum Schutz. Der "Mungo" wurde aus dem Kleinlaster "Multicar" entwickelt, der in vielen deutschen Kommunen zur Reinigung von Gehwegen verwendet wird.
Hubschrauber
Getty Images
Die Bundeswehr hat in Afghanistan keine eigenen Kampfhubschrauber, die Patrouillen schützen oder in Kämpfe am Boden aus der Luft eingreifen könnten. Die sogenannte Luftnahunterstützung im Gefechtsfall kommt von Isaf-Verbündeten. Die bereits an Deutschland ausgelieferten Modelle des europäischen Kampfhubschraubers "Tiger" sind wegen technischer Probleme noch nicht einsatzbereit. Für Lufttransporte stehen acht Hubschrauber "Sikorsky CH-53" zur Verfügung.
Transportflugzeuge
AP
Am Hindukusch sind acht "Transall" stationiert, die in den sechziger Jahren eingeführt wurden und eigentlich 2010 vom A400M abgelöst werden sollten. Wegen Entwicklungsproblemen des Herstellers wird der A400M nun aber erst Jahre später bereitstehen.
Aufklärungsflugzeuge
ddp
Recce-Tornados waren von April 2007 bis Ende November 2010 im Einsatz. Die sechs Flugzeuge waren in Masar-i-Scharif stationiert. Sie haben zwei Bordkanonen, die während des Einsatzes in Afghanistan ausschließlich dem Selbstschutz dienten. Einziger Auftrag der Tornados war wie bei den Nato-Awacs-Maschinen die Aufklärung. Die Awacs-Flugzeuge sind unbewaffnet und können nach Bundeswehrangaben im Gegensatz zu den Tornados keine Ziele am Boden ausmachen. Die Awacs-Besatzungen sollen durch Koordinierung für Sicherheit in der Luft sorgen, weil der zivile Flugverkehr massiv angestiegen ist und Kollisionen mit den Militärmaschinen der internationalen Truppen verhindert werden sollen. Die Taliban haben keine Flugzeuge oder Hubschrauber.

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