Erste Ergebnisse Wahlen in Ägypten machen Islamisten stark

Muslimbrüder und radikalislamische Salafiten liegen vorn - das ist der Trend bei den Parlamentswahlen in Ägypten. Nach jahrzehntelanger Herrschaft von Despoten suchen viele Araber ihr Heil in der Religion. Der Westen wird sich an islamistische Regierungen als Partner gewöhnen müssen.

Stimmenauszählung in Kairo: Die neuen Führer Arabiens werden Bart tragen
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Stimmenauszählung in Kairo: Die neuen Führer Arabiens werden Bart tragen

Aus Kairo berichtet


Bei der ersten Runde der ägyptischen Parlamentswahlen scheinen sich zwei islamistische Parteien an die Spitze gesetzt zu haben. Nach den am Donnerstag veröffentlichten inoffiziellen Ergebnissen soll die Partei der Muslimbrüder, "Freiheit und Gerechtigkeit", mehr als 40 Prozent der Stimmen erhalten haben. Auf dem zweiten Platz landete danach die radikalislamische "Partei des Lichts", die in einigen Provinzen mehr als 30 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte. Die von linken und liberalen Parteien gebildete "Ägyptische Allianz" lag in den meisten Bezirken auf dem dritten Platz.

Damit scheinen die Weichen für die Zukunft des bevölkerungsreichsten arabischen Landes gestellt: Ägyptens erstes Parlament nach 30 Jahren Diktatur scheint von den Islamisten dominiert zu werden. Bestätigt sich der Trend, werden die Frommen maßgeblich bestimmen können, wie die neu auszuarbeitende Verfassung Ägyptens aussehen wird.

Nun ist es eigentlich noch viel zu früh, von einem Wahlergebnis zu sprechen: Ägypten hat sich für seinen ersten Urnengang in Freiheit ein geradezu absurd kompliziertes Verfahren verordnet. Danach gaben am Montag und Dienstag etwa ein Drittel der Bürger jeweils drei Stimmen ab, eine für eine Liste, zwei für Einzelkandidaten. Über die Listen werden zwei Drittel der Sitze im Parlament besetzt, nur ein Drittel der Mandate sind Einzelkandidaten vorbehalten.

Die am Donnerstag veröffentlichten Resultate bezogen sich nur auf die Einzelkandidaten, also auf etwa 11 Prozent der zu besetzenden PLätze im Parlament. Die genaue Verteilung der 498 Sitze wird erst am 13. Januar bekanntgegeben. Ende Juni wird dann ein neuer Präsident gewählt. Der Militärrat, der nach Mubaraks Sturz faktisch die Führung des Landes übernahm und sich mit teils gewaltsamen Massenprotesten konfrontiert sieht, wird an der Macht bleiben, bis der zivile Präsident gewählt ist.

Der Trend zum Islam, der sich jetzt abzuzeichnen scheint, kommt nicht überraschend. Das Überangebot von Listen und Kandidaten - etwa 6000 Männer und Frauen sowie mehr als 400 Listen buhlen um die Gunst der Wähler - begünstigte vor allem die etablierten Muslimbrüder, deren Namen seit Jahrzehnten geläufig und vertraut sind. Auch die schlechten Erfahrungen mit der von Mubarak etablierten Kleptokratie trieb die Ägypter in Scharen in die Arme der Religiösen, die im Ruf stehen, nicht zu stehlen.

Wahlverlierer sind die Jugendgruppen der Revolution

Die grüne Islam-Welle ist auch das Ergebnis einer vor mehr als 20 Jahren von Saudi-Arabien begonnenen und mit viel Geld unterfütterten Frömmigkeitskampagne. Ihre Führer sind in den allermeisten Fällen keine militanten Islamisten mit Sympathien für al-Qaida. Es sind die bürgerlichen Frömmler, die das Glücksspiel verbieten und Studentinnen mit Gesichtsschleier, die das Recht auf einen Studienplatz erstreiten wollen. Das Fundament für ihren Erfolg an der Urne legten die Muslimbrüder in jahrzehntelanger wohltätiger Arbeit an der Basis. Dass das Regime Mubaraks sich kaum um die ärmsten Ägypter - jeder vierte am Nil lebt von weniger als zwei US-Dollar am Tag - kümmerte, spielte den Brüdern in die Hände. Die Organisation konnte bei diesen Wahlen auf eine loyale und dankbare Gefolgschaft bauen.

Als Verlierer der Abstimmung scheinen die Jugendgruppen, die während der ägyptischen Revolution tonangebend waren, dazustehen. Sie hatten es in den vergangenen Monaten versäumt, sich in den ägyptischen Polit-Betrieb einzugliedern. Ob sie ihre Niederlage hinnehmen, wird ein Gradmesser dafür sein, wie ernst es die jungen Leute mit der Demokratie meinen. Die oppositionelle Gruppe "6. April" rief ihre Anhänger auf ihrer Facebook-Seite jedenfalls dazu auf, ruhig zu bleiben. "Keiner sollte wegen des Siegs einer Liste oder einer Strömung besorgt sein. Dies ist Demokratie und diese große Nation wird nicht zulassen, dass irgendjemand sie erneut missbraucht."

Kritiker fürchten, dass die Islamisten eine Mehrheit im Parlament dazu nutzen könnten, umstrittene Aspekte des islamischen Rechts in der Verfassung zu verankern. Eine allzu konservative islamische Rechtsprechung könne den für Ägypten immens wichtigen Tourismus beeinträchtigen. Auch sorgen sich Ägyptens Christen - etwa zehn Prozent der 80 Millionen Ägypter sind Kopten - um ihre Zukunft am Nil, sollte das Land einen Rechtsruck erleben. Sprecher der Muslimbrüder bemühen sich seit langem, diese Sorgen zu zerstreuen. Nur eine "verrückte Gruppe" würde darauf kommen, den Alkohol zu verbieten oder Frauen dazu zu zwingen, Schleier zu tragen, sagte Ali Khafagi von der "Freiheit und Gerechtigkeit"-Partei der Brüder am Mittwoch.

Diktatoren werden von islamistischen Regierungen ersetzt

Dass die Diktatoren des Nahen Ostens nach dem Arabischen Frühling nun einer nach dem anderen von frei gewählten, islamistischen Regierungen ersetzt werden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn der jüngste Wahlsieg der Islamisten in Tunesien und Marokko und deren gutes Abschneiden jetzt in Ägypten bestätigen die Prognosen der abgesetzten Despoten der Region.

Diese hatten jahrelang gewarnt, dass ihre Völker islamistisch wählen würden, sollte man sie frei entscheiden lassen. Über Dekaden bemühten die Herrscher der arabischen Welt das Schreckgespenst des politischen Islam, um sich den Westen gewogen zu halten. "Die oder wir", war ihre Drohung, mit der sie sich westliches Geld und Militärhilfe sicherten.

Westliche Mächte - vor allem die USA pflegen enge Beziehungen zu Ägypten - werden sich den neuen Realitäten in Nahost anpassen müssen. Ein Manöver wie das 2006, bei dem der Westen erst eine demokratische Wahl in Palästina unterstützte, um dann deren Ergebnisse zu ignorieren, als sie von der radikalislamischen Hamas gewonnen wurde, ist heute nicht mehr möglich. Spätestens mit den wichtigen ägyptischen Wahlen ist der Islamismus salonfähig geworden.

Die kommende Generation der Führer Arabiens wird Bart tragen, der Westen wird sich damit arrangieren müssen. Katars Ministerpräsident Scheich Hamad Din Dschassim al-Thani mahnte am Donnerstag, die Islamisten seinen die nächsten Entscheidungsträger in der arabischen Welt, der Westen täte gut daran, sie zu umarmen. "Wir sollten sie nicht fürchten, lasst uns mit ihnen zusammenarbeiten", so Scheich Hamad gegenüber der "Financial Times". Moderate islamische Gruppen könnten dabei helfen, den Extremismus einzudämmen.

Mit Material von dpa

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Seite 1
turnus 01.12.2011
1. Klimawandel
Tauwetter und Frühling im Maghreb - Wie schön! Es duftet nach zartem Flieder! Und gut, dass uns unsere Medien und Welterklärer/-verbesserer dabei so gut auf dem Laufenden gehalten haben!
Consul, 01.12.2011
2. *
Zitat von sysopMuslimbrüder und radikalislamischen Salafiten liegen vorn - das ist der Trend bei den*Parlamentswahlen in Ägypten.*Nach jahrzehntlanger Herrschaft von Despoten suchen viele Araber ihr Heil in der Religion. Der Westen wird sich*an islamistische Regierungen als Partner gewöhnen müssen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801180,00.html
*Nicht *"müssen" sondern * "dürfen"*.
grana 01.12.2011
3. Der Islam
Zitat von sysopMuslimbrüder und radikalislamischen Salafiten liegen vorn - das ist der Trend bei den*Parlamentswahlen in Ägypten.*Nach jahrzehntlanger Herrschaft von Despoten suchen viele Araber ihr Heil in der Religion. Der Westen wird sich*an islamistische Regierungen als Partner gewöhnen müssen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801180,00.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Islam Wer hat eigentlich erwartet, das Menschen, die sehr religös sind, nicht eine religöse Regierung wählen würden? So wie sich die Gläubigen zu Allah verhalten sollten sich doch bitte die Staatschefs zu den neuen Führern in der arabischen Welt verhalten.
Woolloomooloo 01.12.2011
4. wenn man alt genug ist...
langweilt die Geschichte. Ich kann mich noch erinner wie Khomeini 1979 aus dem Exil aus Paris zurück in den Iran gereist ist. Der böse Schah wird durch den guten Gottesmann ersetzt. Die iJungend, die hier schon die arabische Revolution bejubelt hat, wird sich noch wundern....
baloo55 01.12.2011
5. Arabischer Frühling
Als am Jahresanfang der "arabische Frühling" begann und die Wogen der Begeisterung und Zustimmung bei den allermeisten Medien und auch Politikern, besonders wem wundert es, unglaubliche Höhen erreichten, schrieb ich hier: "solange ich nicht weiß wer dahintersteht und wohin das Ganze führt, hält sich meine Begeisterung in engen Grenzen" Nun so ganz falsch lag ich wohl nicht. Nur ein Beispiel, dass sich Roth und Konsorten hinter den Spiegel klemmen sollten, fragen sie heute mal nach den Frauenrechten in Tunesien, die bis zum "Frühling" beispielhaft für die arabische Welt waren.
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