Aus Tunis berichtet Mathieu von Rohr
Am Tag, an dem Tunesien zum ersten Mal die Demokratie kostet, ist die erste, die um kurz vor sieben Uhr vor dem Wahlbüro im schicken Stadtteil Mensah VI steht, eine Prinzessin. Sie heißt Salwa Bey, eine ältere Dame mit blondierten Haaren, die ein goldenes Kleid und eine goldene Ray-Ban-Sonnenbrille trägt.
Sie ist die Enkelin des letzten Bey, des letzten Monarchen Tunesiens. Lamine Bey war eine Marionette der französischen Kolonialmacht, und er musste abdanken, als das Land 1956 seine Unabhängigkeit erlangte.
Ein halbes Jahrhundert später entdeckt Tunesien nun auch die Demokratie und Salwa Bey ist voller Emotionen. Ihre Hände zittern, als sie das Wahlbüro in der Billel-Grundschule betreten darf. Sie zeigt ihren Personalausweis, und als die Helfer sie auf der Wahlliste gefunden haben, muss sie ihren rechten Zeigefinger in einen Eimer mit Farbe tunken. Dann erhält sie den Wahlzettel, der so riesig ist, wie er das bei 116 offiziell genehmigen Parteien sein muss, und verschwindet damit in der Wahlkabine.
Sie braucht sehr lange. Sie sagt nachher, sie sei so bewegt gewesen, dass ihr die Buchstaben vor den Augen tanzten. Sie hat die Partei Ettakatol gewählt, eine Mitte-Links-Partei. Sie sagt, von den Islamisten von der Partei al-Nahda, die laut Umfragen die stärkste Partei werden soll, wolle sie nichts wissen. Sie sorge sich um die Rechte der Frauen. Doch vielmehr noch sei sie gerührt. Sie trage so viel Hoffnung für die Zukunft in sich. Hinter ihr stehen an diesem frühen Morgen schon Tausende von Leuten an, die Schlange der Wartenden erstreckt sich Hunderte von Metern weit, es sind Frauen, Männer, Junge, Alte, Verschleierte und Unverschleierte, und alle warten sie geduldig.
Die Wahl wirkt gut organisiert
Es ist ein historischer Tag für Tunesien. Am 14. Januar dieses Jahres stürzte das Volk den Diktator Ben Ali, und es stieß damit eine Welle der Revolutionen in der arabischen Welt an - es folgte der Umsturz in Ägypten, der Krieg in Libyen, der Aufstand in Syrien. Doch nirgends ist ein Land so weit gekommen wie Tunesien. Es wählt heute eine Versammlung, die dem Land eine neue Verfassung geben soll, aber auch eine neue Regierung und einen neuen Präsidenten.
Es ist ein Tag der Freude, der farbigen Finger und der endlosen Warteschlangen vor den Wahlbüros. In riesiger Zahl strömen die Bürger im ganzen Land an die Urnen, um erstmals von ihren demokratischen Recht Gebrauch zu machen, sie warten eine, zwei, drei Stunden in der Hitze, und es gibt kaum Zwischenfälle. Mehr als 90 Prozent hätten ihre Stimme abgegeben, heißt es am Wahlabend.
Die erste freie Wahl ist in ihrem Verlauf eine Erfolgsgeschichte, sie wirkt gut organisiert. Die Bürger können per SMS ihr Wahlbüro erfragen, es gibt 9000 im ganzen Land, 150.000 Soldaten und Polizisten schützen sie, aber es werden von nirgends größere Probleme gemeldet.
Im Wahlzentrum Billel in Mensah VI, wo die Königsenkelin wählte, erscheint an diesem Morgen auch Rachid Ghannouchi, der Anführer der islamistischen Nahda-Partei, er trägt wie immer Bart und Sakko, er wird begleitet von seiner Frau, seinem Sohn, drei Töchtern und seiner Entourage, und als er in Richtung des Wahlzentrums geht, spricht er von den Märtyrern seiner Partei, die unter Ben Ali ihr Leben ließen, und die diesen Tag nicht mehr erleben können.
Islamisten geben sich siegesgewiss
Er sagt: "Ich erwarte einen großen Sieg." Am vergangenen Freitag hat seine Partei in Ben Arous bei Tunis ihre Abschlusskundgebung abgehalten, sie füllten ein Fußballstadion, 20.000 Menschen kamen. In den Umfragen steht al-Nahda stets an erster Stelle, etwa bei 25 Prozent. Rachid Ghannouchi ist heute sehr selbstbewusst. Er spricht sogar von Umfragen, die seine Partei bei bis zu 62 Prozent sehen würden. Er tritt mit seiner Entourage zum Eingang des Wahlbüros, an der Schlange vorbei, und als er eintreten will, erntet er den wütenden Protest der Wartenden. Es gebe hier keine VIPs, es gebe für niemanden mehr Privilegien, rufen die Leute, das haben sie hinter sich gelassen in der Ben-Ali-Zeit. Das sei alles ein Missverständnis, sagt Ghannouchi, stellt sich ganz hinten an und wartet zweieinhalb Stunden, bis er endlich wählen kann.
In Mensah VI wohnen viele westlich geprägte Neureiche, Geschäftsleute, es sind in der Mehrzahl Menschen, die mit den Werten der Islamisten wenig anfangen können. Ein Mann ruft: "Du Ungebildeter!", als er kommt. Eine Frau: "Terrorist!" Und als er nach der Wahl abzieht, schreien welche im Chor: "Dégage, zieh Leine!" Es ist einer der raren Moment, in denen sichtbar wird, dass es heute auch um einen Kulturkampf geht - zwischen einem westlichen und einem islamisch geprägten Staatsmodell. Und zwischen der Elite und dem einfachen Volk.
Die Elite wählt heute im Reichenvorort La Marsa, wo die Villen der tunesischen Aristokratie stehen, die oft halb in Tunesien und halb in Paris lebt. Auch hier sind die Schlangen Hunderte Meter lang, etwa vor der Taieb Mhirsi-Schule. Hier wählt heute morgen Ahmed Néjib Chebbi von der PDP, einer linken Partei, die sich am eindeutigsten als Gegenmodell zu al-Nahda sieht und der von ihren Gegnern vorgeworfen wird, sie versammle viele Mitglieder des alten Regimes.
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