Umstrittenes Formel-1-Rennen: Erster Toter bei Protesten in Bahrain

Nach heftigen Ausschreitungen ist in Bahrain ein Demonstrant tot aufgefunden worden. Angehörige erklärten, er sei erschossen worden. Kurz vor dem Start des Formel-1-Rennens geht die Polizei verstärkt mit Tränengas gegen die Opposition vor - doch Teams und Fahrer schweigen.

"Tage des Zorns": Die Proteste rund um das Formel-1-Rennen in Bahrain Fotos
AFP

Vor dem umstrittenen Formel-1-Rennen in Bahrain hat es in der Nacht zum Samstag erneut Zusammenstöße zwischen regierungskritischen Demonstranten und der Polizei gegeben. Regierungsgegner berichteten, an einem der Orte der nächtlichen Proteste sei die Leiche eines Mannes gefunden worden. Das Innenministerium Bahrains bestätigte via Twitter, "dass heute in Schachura der Körper einer verstorbenen Person gefunden wurde." Die Polizei habe "Ermittlungen eingeleitet." Woran der Mann gestorben sei, sei noch unklar. Angehörige des Opfers hatten erklärten, er sei erschossen worden.

In der Nähe der Rennstrecke riefen Demonstranten Parolen gegen das sunnitische Königshaus und für den inhaftierten schiitischen Aktivisten Abdulhadi al-Chawaja, der sich seit zwei Monaten im Hungerstreik befindet. In sozialen Netzwerken hieß es, die Opposition müsse die internationale Aufmerksamkeit nutzen, um größeren politischen Einfluss zu fordern. Die Mehrheit der Schiiten in Bahrain sieht sich durch die sunnitische Monarchie diskriminiert. Die schiitische Opposition nennt die Demonstrationen rund um das Rennen "Tage des Zorns".

Auch am Samstagmorgen gingen Bereitschaftspolizisten mit Tränengas und Lärmbomben gegen die Regierungsgegner vor, von denen einige Autoreifen anzündeten sowie Brandflaschen und Steine warfen. Tausende waren in der Hauptstadt Manama auf die Straßen gegangen. Bei den Protesten demonstriert die Bevölkerung sowohl für Reformen im Golfstaat als auch gegen die Austragung des für Sonntag geplanten Formel-1-Rennens. Trotz der dramatischen Menschenrechtssituation in Bahrain soll in dem Golfstaat am Nachmittag das Qualifying für den Grand Prix der Formel 1 stattfinden. Das eigentliche Rennen startet am Sonntag.

Die Kritik am Schweigen der Formel 1 wird indes immer lauter. "Ich hoffe, dass diese Fahrer, die nicht über die Geschehnisse sprechen wollen, eines Tages ihre Meinung ändern", sagte Zainab al-Chawaja, Tochter des inhaftierten Oppositionsführers, der britischen Zeitung "The Independent". "Wenn nicht, werden sie ihre Kinder vielleicht fragen, warum sie in einem Land ein Rennen gefahren sind, in dem die Herrschenden so viele Leute verhaften und foltern." Ihr Vater, der dänisch-bahrainische Menschenrechtsaktivist Abdulhadi al-Chawaja, ist seit dem 8. Februar im Hungerstreik. Er war nach den blutigen Unruhen in Bahrain im Vorjahr verhaftet und von einem Sondergericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Vettel: "Unser Job ist der Sport, sonst nichts"

Die Formel-1-Verantwortlichen und die Fahrer lehnten auf dem Bahrain International Circuit in Sachir bislang klare Worte zu dem Konflikt ab. Chefvermarkter Bernie Ecclestone erklärte: "Wir sind nicht hier, um uns in die Politik einzumischen." Weltmeister Sebastian Vettel hatte gesagt: "Unser Job ist der Sport, sonst nichts." Zudem bezeichnete der 24-Jährige die Berichte über die Lage in Bahrain als "großen Hype".

"Ist noch irgendwas von diesem alten Klischee eines moralischen Kompasses übrig?", kommentierte "The Independent" und beschrieb Vettel als "schändlichen Mann". Internetaktivisten brachten die offizielle Formel-1-Seite zum Absturz. Die britische "Times" veröffentlichte eine beißende Karikatur, die Ecclestone in einem Rennwagen zeigt, der von einem Scheich mit Blut betankt wird. Im Hintergrund liegen Leichen.

Trotz der wachsenden Kritik hatte Kronprinz Salman Bin Hamad Al Chalifa Forderungen nach einer kurzfristigen Absage des Grand Prix zurückgewiesen. Im Vorjahr war das Rennen wegen der Unruhen gestrichen worden.

Auch die Führungskräfte der vier Top-Teams Red Bull, McLaren, Mercedes und Ferrari wichen Fragen nach einer Einschätzung der Situation aus. "Letztlich sind wir ein Renn-Team. Wir sind hier, um ein Autorennen zu fahren, das ist unser höchste Priorität", sagte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh und fand damit Zustimmung bei Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug.

Red-Bull-Teamchef Christian Horner betonte: "Die Formel 1 ist ein Sport. Es ist falsch, sie politisch zu benutzen." Sein Ferrari-Kollege Stefano Domenicali äußerte immerhin die diplomatische Hoffnung, "der begonnene Dialog zwischen allen Seiten werde so bald wie möglich das bestmögliche Ergebnisse für alle bringen".

Bahrain wird von der sunnitischen Al-Chalifa-Familie regiert. Die Bevölkerung ist dagegen mehrheitlich schiitisch. In Bahrain ist die 5. Flotte der USA stationiert, die insbesondere für die wichtigen Seewege am Golf zuständig ist. Die US-Regierung sieht die Herrscherfamilie daher als einen wichtigen Verbündeten.

hei/dpa/afp/Reuters

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insgesamt 199 Beiträge
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1. Peinlich !
herr_kowalski 21.04.2012
Zitat von sysopAFPNach heftigen Ausschreitungen ist in Bahrain ein Demonstrant tot aufgefunden worden. Angehörige erklärten, Salah Al-Kattan sei erschossen worden. Kurz vor dem Start des Formel-1-Rennens geht die Polizei verstärkt mit Tränengas gegen die Opposition vor - doch Teams und Fahrer schweigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828897,00.html
Wie man die Augen schließt und nach dem Motto, "Ich seh es nicht" einfach zu diesen Zuständen schweigt. Formel 1 wird es für mich ab diesem Tag nicht mehr geben.
2. Die Schiiten....
fullspeed 21.04.2012
...wollen einen weiteren islamischen "Gottesstaat". Wenn sie ihn denn bekommen, werden sie mit ihren Gegnern genauso grausam umgehen (siehe Iran). Hier geht es doch nicht um Freiheit oder das Recht auf freie Meinungsäußerung.
3. Eines muss man Vettel lassen
KnoKo 21.04.2012
Zitat von sysopAFPNach heftigen Ausschreitungen ist in Bahrain ein Demonstrant tot aufgefunden worden. Angehörige erklärten, Salah Al-Kattan sei erschossen worden. Kurz vor dem Start des Formel-1-Rennens geht die Polizei verstärkt mit Tränengas gegen die Opposition vor - doch Teams und Fahrer schweigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828897,00.html
Im Gegensatz zu vielen anderen im F1-Zirkus, versucht er gar nicht erst, seinen miesen Charakter zu verbergen. Derartige Äußerungen könnte man allerdings auch als Hinweis auf einen relativ beschränkten Intellekt deuten.
4.
alnemsi 21.04.2012
Zitat von sysopAFPNach heftigen Ausschreitungen ist in Bahrain ein Demonstrant tot aufgefunden worden. Angehörige erklärten, Salah Al-Kattan sei erschossen worden. Kurz vor dem Start des Formel-1-Rennens geht die Polizei verstärkt mit Tränengas gegen die Opposition vor - doch Teams und Fahrer schweigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828897,00.html
Scham scheint ein aussterbender Charakterzug zu sein. Gestern wurde in den Nachrichten verkündet, dass das verwendete Tränengas aus den Vereinigten Staaten stammen würde. Bedeutet dies etwa, dass hier Waffenlieferungen der USA in eine Konfliktregion vorliegen?
5.
ctrlaltdel 21.04.2012
Zitat von herr_kowalskiWie man die Augen schließt und nach dem Motto, "Ich seh es nicht" einfach zu diesen Zuständen schweigt. Formel 1 wird es für mich ab diesem Tag nicht mehr geben.
und was wäre besser in Bahrain, wenn die F1 nicht dort stattfinden würde? Würden die Protestierer alle Ihre Forderungen erfüllt bekommen? Würde sich irgendwas irgendwie ändern? Formel 1 wird es nach diesem Rennen für mich genauso weiterhin geben.
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