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Erstes Kompromisspapier: Merkel will Klimagipfel zu Minimalkonsens treiben

Aus Kopenhagen berichten , und

Merkel auf dem Klimagipfel von Kopenhagen: "Wir brauchen hier eine Einigung." Zur Großansicht
AFP

Merkel auf dem Klimagipfel von Kopenhagen: "Wir brauchen hier eine Einigung."

Nur noch wenige Stunden bis zum Ende des Klimagipfels - jetzt liegt ein Kompromisstext vor, der auch dank des Drucks von Kanzlerin Merkel entstanden ist. Er ist kaum mehr als eine Absichtserklärung mit einem Fahrplan für weitere Verhandlungen bis Ende 2010. Können sich die Länder wenigstens darauf einigen?

Dramatische Stunden in Kopenhagen: Hinter verschlossenen Türen suchen die wichtigsten Staatschefs der Welt nach einer Lösung im Kampf gegen den Klimawandel. Kanzlerin Merkel vermittelt zwischen den Positionen, US-Präsident Barack Obama ist inzwischen in Kopenhagen eingetroffen und hat sich in die Verhandlungen eingeschaltet. In einer Rede vor dem Plenum scheute er aber neue finanzielle Zugeständnisse. Ein wirklicher Erfolg des Gipfels scheint immer unwahrscheinlicher.

Knapp fünf Stunden Schlaf im Hilton Hotel am Kopenhagener Flughafen waren drin für Angela Merkel, nicht mehr. Gemeinsam mit anderen Staatschefs wie dem Briten Gordon Brown oder dem Franzosen Nicolas Sarkozy ringt die deutsche Regierungschefin in der dänischen Hauptstadt seit den frühen Morgenstunden um ein Klimaabkommen. Die Verhandlungen waren in der Nacht zu Freitag um zwei Uhr morgens unterbrochen worden.

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Klimakonferenz: Countdown in Kopenhagen
Erstmals zeichnet sich ein möglicher Weg für eine Lösung ab. Der Optimismus der Verhandler, zu einem Abkommen zu kommen, hält sich zwar in Grenzen. Aber im Kreis von rund 30 ausgewählten Staaten wurde ein Textentwurf erarbeitet, der den anderen Staaten vorgelegt wurde. Dieser sogenannte Chapeau-Text soll als verbindliche Richtschnur für eine Fortsetzung detaillierter Klimaverhandlungen in den kommenden Monaten dienen. Danach könnten dann endgültige Abkommen vorliegen.

Absichtserklärungen, weitere Verhandlungen, kein konkretes Ziel

Der Entwurf des Chapeau-Textes, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, enthält folgende Eckpunkte:

  • Der globale Temperaturanstieg soll zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter nicht überschreiten.
  • Die Staaten verpflichten sich zu einer "energischen Antwort" auf den Klimawandel mit sofortigen verschärften nationalen Maßnahmen und mehr internationaler Kooperation.
  • Ein konkretes Ziel für Einschnitte bis 2020 oder 2050 wird in dem Papier nicht genannt. Es heißt lediglich, dass tiefe Einschnitte bei den weltweiten Emissionen nötig seien. An der Stelle der Zahl für die Treibhausgas-Reduzierung bis zum Jahr 2020 gegenüber den Vergleichsjahren 1990 und 2005 stehen derzeit nur ein X und ein Y.
  • Die Verhandlungen sollen nach dem Gipfel weitergehen und in einen oder mehrere Abkommen nicht später als 2010 münden.
  • Die Entwicklungs- und Schwellenländer stimmen nun doch zu, eine gewisse internationale Überwachung der CO2-Emissionen einzuführen. Allerdings räumt der Entwurf ihnen den Vorrang der wirtschaftlichen Entwicklung und der Armutsbekämpfung gegenüber Klimaschutzmaßnahmen ein.
  • Von 2010 bis 2012 sollen die am wenigsten entwickelten Länder 30 Milliarden Dollar Klimaschutzhilfen bekommen; das Ziel sind 100 Milliarden Dollar jährlich für die Schwellen- und Entwicklungsländer bis 2020. Zur Bereitstellung und Verteilung der Gelder soll ein "Copenhagen Climate Fund" eingerichtet werden. Welche Staaten allerdings wie viel beisteuern, bleibt zunächst offen. In dem Papier heißt es, die Finanzen sollen "aus einer großen Bandbreite von Quellen kommen, sowohl staatlichen als auch privaten, bilateralen und multilateralen, einschließlich alternativer Quellen".

Allerdings gibt es immer noch heftigen Streit zwischen Industrie- und Schwellenländern. "Es gibt viele Spannungen", sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy in einer Verhandlungspause. China weigere sich noch immer, die internationale Überprüfung seiner Treibhausgas-Emissionen zu akzeptieren.

Angela Merkel hat sich vorgenommen, in Kopenhagen eine entscheidende Rolle zu übernehmen. Für sie steht viel auf dem Spiel: Seit Jahren präsentiert sie sich in Deutschland und in der Welt als Klima-Kanzlerin. Ein Scheitern in Kopenhagen wäre für sie eine bittere Schlappe. Dazu kommt: Der studierten Physikerin und früheren Umweltministerin liegt der Klimaschutz auch persönlich am Herzen. Selten erlebt man die Kanzlerin so leidenschaftlich streiten wie bei diesem Thema. "Wir müssen unseren Lebensstil ändern", rief sie den Delegierten bei einer kurzen Rede in Kopenhagen zu. "Wir brauchen hier eine Einigung."

Berlusconi vertraut der Kanzlerin

Merkel hat wenig Lust, dass das Klimaabkommen am Egoismus einzelner Staaten scheitert. Deshalb drückt sie aufs Tempo. Der Vorteil der Kanzlerin ist, dass sie durch ihre Erfahrung als Umweltministerin im Gegensatz zu den meisten anderen Regierungschefs mit der hochkomplexen Materie vertraut ist. Ihr Wort hat Gewicht. Ihr Kollege Silvio Berlusconi hat deshalb sogar vom Krankenbett in Italien aus sein Stimmrecht auf Merkel übertragen. Wegen des Angriffs auf ihn in Mailand kann er nicht am Gipfel teilnehmen.

Die Idee für einen Chapeau-Text wurde im Wesentlichen in Berlin geboren. Schon kurz nach ihrer Ankunft am Verhandlungsort suchte Merkel am Donnerstag mögliche Verbündete, um den festgefahrenen Verhandlungsprozess wieder in Gang zu bringen. Sie traf sich mit dem britischen Premierminister Gordon Brown, sprach mit Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao.

Auch beim anschließenden Dinner der Staatschefs mit der dänischen Königin vertiefte sich die Kanzlerin in Vieraugengespräche mit anderen Staats- und Regierungschefs. Um 23 Uhr zog sie sich dann gemeinsam mit 30 Top-Verhandlern aus unterschiedlichen Staaten im Bella Center, dem Verhandlungsort, zu einem sogenannten High-Level-Meeting zurück. Dabei waren außer den Vertretern der wichtigsten Industriestaaten auch Repräsentanten von Schwellen- und Entwicklungsländern wie Indien oder den Malediven.

Doppelte Verhandlungen

In ähnlicher Runde soll nun den gesamten Vormittag weiterverhandelt werden. Merkel hat einen Rückflug für 17 Uhr geplant. Bis dahin soll ein fertiger Text vorliegen. Beobachter sind allerdings sehr pessimistisch, ob das gelingen kann. Zwar hat das Versprechen von US-Außenministerin Hillary Clinton, ihr Land werde sich an Hilfszahlungen von jährlich 100 Milliarden Dollar für Entwicklungsländer beteiligen, etwas Bewegung ausgelöst. Doch die Machtkonstellationen beim Klimagipfel bleiben so festgefahren wie seit Tagen, Wochen, Monaten.

Die Entwicklungs- und Schwellenländer haben immer wieder klargemacht, dass sie um jeden Preis auf eine Fortschreibung des Kyoto-Protokolls drängen werden. Das sorgt dafür, dass sich auch auf lange Sicht nur die Industrieländer zur CO2-Reduktion verpflichten müssen. Die USA versuchen im Gegenzug um jeden Preis zu verhindern, in die Kyoto-Regeln eingebunden zu werden. Sie verhandeln unter dem Dach der Uno-Klimarahmenkonvention, und nur dort. Deswegen müssen in Kopenhagen viele Verhandlungsprozesse doppelt stattfinden.

Das bringt zusätzliche Probleme - die auch nach Kopenhagen bestehen bleiben. Die deutsche Delegation spricht von einer Zusammenführung der beiden Verhandlungsstränge Kyoto und Klimarahmenkonvention innerhalb von sechs Monaten. Doch es ist schwer vorstellbar, dass sich die Schwellen- und Entwicklungsländer (G-77) darauf einlassen werden.

Die Entwürfe für die beiden Abschlussdokumente sind noch immer weit von einer Fertigstellung entfernt. Eine hohe zweistellige Anzahl strittiger Textpassagen gebe es noch, heißt es aus der deutschen Delegation. So sperrt sich China vehement dagegen, dass die Reduktionsverpflichtungen international kontrolliert werden. Das Land fürchtet eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten.

Anweisungen aus dem Hotel

China habe eine extrem festgefügte Verhandlungsposition, kritisieren die Europäer hinter vorgehaltener Hand. Die Diplomaten des Landes säßen in ihrem Hotel und schickten von dort ihre Emissäre mit sehr rigidem Mandat ins Konferenzzentrum. Der chinesische Ministerpräsident lasse andere Staatschefs zu sich kommen, auch Merkel. Die Kanzlerin nimmt solche Gepflogenheiten hin.

Wenn die Gipfeltexte der beiden Verhandlungsstränge nicht fertig werden, dürfte es auch schwierig sein, den geplanten politischen Überbau zu verabschieden, an dem die Staats- und Regierungschefs in der Kleingruppe arbeiten. Für einen solchen Beschluss im Uno-Rahmen ist ein einstimmiges Votum aller 192 Staaten nötig.

Die Berichte aus den nächtlichen Verhandlungen der Chefrunde lassen zweifeln, ob diese Vorstellung realistisch ist. So ist zu hören, dass "ein wichtiges Entwicklungsland" kurz vor zwei Uhr morgens darum gebeten habe, die Zwischenergebnisse des Spitzentreffens im Kreis aller 192 Staaten zu besprechen. De facto wäre das schon das Ende der ernsthaften Verhandlungen in Kopenhagen gewesen, sagen Insider.

"Die Verhandlungen gehen gerade den Bach hinunter"

Immer wieder war die Debatte im Plenum in den vergangenen Tagen angehalten worden, weil die Fronten so verhärtet waren. Es bleibt also nur eine Minimalchance auf einen Kompromiss in Kopenhagen.

Beobachter sind enttäuscht. "Die Verhandlungen gehen gerade den Bach hinunter", sagt Martin Kaiser von Greenpeace. "Wenn am Ende nicht die Zusage steht, einen rechtsverbindlichen Vertrag in den kommenden Monaten zu unterschreiben, dann ist das Kopenhagener Treffen gescheitert." Derzeit sehe alles nach einer windelweichen politischen Absichtserklärung aus. "Aber die hatten wir schon im Juli nach dem G-8-Treffen. Und daraus gefolgt ist rein gar nichts."

Ein schlechtes Omen gab es übrigens schon bei der Ankunft der Kanzlerin am Donnerstag. Die Tür ihres Fliegers klemmte. Sie musste - ganz unprotokollarisch - den Hinterausgang nutzen.

Mitarbeit: Gerald Traufetter

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ...
Strichnid 18.12.2009
Was Spiegel Online nicht verrät, ist dass das Ergebnis längst feststeht, und in Kopenhagen ledliglich eine "Oh mein Gott, der Gipfel scheitert - juhu, wir haben eine Einigung in letzter Sekunde errungen"-Show stattfindet: http://www.ftd.de/politik/international/:kopenhagen-klimagipfel-wird-zur-showveranstaltung/50051377.html Aber wozu auch die Leser mit dem Wesentlichen informieren. Klingt ja viel besser, wenn man von "dramatischen Verhandlungen" schreiben kann.
2. Hol den Hammer raus, Angie
brux 18.12.2009
Zeit, den Hammer raus zu holen: CO2 Steuer auf chinesische Exporte nach Europa. Was nicht CO2-sparend produziert wurde, kriegt 50% Zoll verpasst. Das sichert europäische Arbeitsplätze, entfaltet pädadogischen Nutzen im Reich der Mitte und bringt Einnahmen, die man dann unter den europäischen Flutopfern verteilen kann.
3. da fährt man nun auf den Abgrung zu
_sax_ 18.12.2009
und kann sich nicht mal darauf verständigen den Fuß vom Gas zu nehmen, geschweige denn zu bremsen.
4. klare Schuldzuweisungen müssen folgen
Berlinjoey 18.12.2009
Zitat von sysopNur noch wenige Stunden bis zum Ende des Klimagipfels - jetzt liegt ein Kompromisstext vor, der auch dank des Drucks von Kanzlerin Merkel entstanden ist. Er ist kaum mehr als eine Absichtserklärung mit einem Fahrplan für weitere Verhandlungen bis Ende 2010. Können sich die Länder wenigstens darauf einigen? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,667869,00.html
Wenn der Gipfel scheitert, oder mit einem windelweichen Pseudokompromis endet, dann sollte auch klar benannt werden, wegen welcher Positionen ein verbindliches Abkommen gescheitert ist. Wenn die Führer der Nationen sich nicht einigen können, dann muss aus der Bevölkerung heraus Druck aufgebaut werden. Meiner Meinung nach kann jeder einzelne hierzu beitragen, bei täglichen Kaufentscheidungen, bei jährlichen Reiseplanungen und bei Wahlentscheidungen. Wenn zb. China sich weigert, verbindliche Kontrollen zuzulassen und somit ein Abkommen verhindert, dann sollte jeder Konsument (versuchen) chinesische Artikel meiden. Das ist schwer und wird sich vermutlich nicht in letzter Konsequenz durchhalten lassen, aber es wäre ein kleiner Beitrag, der in der Masse seine Wirkung zeigen würde.
5. Kompromisspapier von Frau Merkel
larousse 18.12.2009
Was uns da erwartet ist ja sehr bedrohlich, "eine verbindliche Richtschnur", was auch immer das bedeuten soll. Frau Merkel soll ganz schnell abtreten und die Bahn für jemanden frei machen, der handelt, und nicht dauernd nur redet. Das Sandmännchen ist da, streut den Menschen Sand in die Augen, damit sie schön einschlafen können - mein Gott, die Umweltkosten für den 14-tägigen Gipfel (der Frechheit)sind gewiss höher als die vereinbarten Absichtserklärungen einsparen helfen.
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Der lange Weg zum Klimaschutz
1988
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.
1992
Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio vereinbaren die Staaten, den Ausstoß der Treibhausgase so zu begrenzen, dass "sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können" und "die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird". Nach Meinung vieler Forscher kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die globale Temperatur nicht stärker als zwei Grad Celsius über den Wert vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt. Eines der Ergebnisse des Gipfels von Rio sind die Unterschriften fast aller Staaten unter die Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die zuvor in New York ausgehandelt worden war.
1994
Die Klimarahmenkonvention tritt in Kraft. Rund 190 Staaten haben sie mittlerweile ratifiziert, die USA ist auch dabei.
1997
Das Kyoto-Protokoll wird auf einem Gipfel in der japanischen Stadt verabschiedet. Es gilt als erster konkreter Schritt, um die Ziele der Klimarahmenkonvention umzusetzen. Die Industriestaaten verpflichten sich, den Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase bis 2012 im Schnitt um mindestens fünf Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Die Entwicklungsländer erhalten keine Auflagen. Inzwischen haben mehr als 180 Staaten Kyoto ratifiziert - nicht jedoch die USA.
2005
Das Kyoto-Protokoll tritt in Kraft, nachdem zuvor auch Russland den Vertrag gebilligt hat und so die Zahl der nötigen Ratifikationen erreicht ist. Das Abkommen läuft 2012 aus. Um seinen Nachfolger geht es beim Klimagipfel in Kopenhagen.
2007
Der Klimagipfel auf der indonesischen Insel Bali vereinbart einen Fahrplan für ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll. Dieser Fahrplan sieht vor, die Verhandlungen innerhalb von zwei Jahren zu beenden - bis zur Klimakonferenz in Kopenhagen. Gelungen ist das allerdings nicht, auch nach Kopenhagen werden die internationalen Gespräche weitergehen müssen.
2009
Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wollen sich die Staaten auf ein politisches, aber bindendes Abkommen einigen. Die Kernpunkte sind klar, wie viel von ihnen sich tatsächlich im Text finden wird, werden erst die Verhandlungen zeigen. Die Industriestaaten sollen ihren Treibhausgasausstoß reduzieren und Geld für die Anpassung von Entwicklungsländern an den Klimawandel geben. Die ärmeren Staaten sollen im Gegenzug bestimmte Zusagen geben. In dem Vertrag könnte auch der Schutz der Tropenwälder besonders hervorgehoben werden.
AP
Jeder Mensch trägt täglich weiter zur Erderwärmung bei - mit Steak-Konsum, Flügen nach Mallorca und der Autofahrt ins Büro. Kennen Sie Ihre persönliche CO2-Bilanz? Finden Sie es heraus im Klima-Quiz von SPIEGEL ONLINE.

Wer wie viel CO2 reduzieren will
EU
Die Staaten der Union haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Wenn andere Staaten mitziehen, versprechen die Europäer sogar ein Minus von 30 Prozent. Die Aufteilung der EU-weiten Ziele auf Mitgliedstaaten ("Effort Sharing") wird unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Kopf und der nationalen Voraussetzungen vorgenommen.
Russland
Russland will sich dem EU-Ziel von 20 Prozent weniger Treibhausgasen bis 2020 anschließen. Basisjahr soll 1990 sein. In einem zweiten Schritt könnte die Einsparung sogar auf 25 Prozent erhöht werden. Russlands CO2-Ausstoß ist infolge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Anfang der neunziger Jahre ohnehin massiv zurückgegangen.
USA
Die USA planen bis 2020 eine Verminderung um 17 Prozent, allerdings bezogen auf das Basisjahr 2005. Verglichen mit 1990 bedeutet das nach Berechnungen der Bundesregierung nur ein Minus von rund sechs Prozent. Bis 2025 sollten sie dann um 30 Prozent und bis 2030 um 42 Prozent sinken - jeweils bezogen auf 2005. Ob der Senat - dort wird derzeit über ein Klimaschutzgesetz gestritten - diese Ziele unterstützt ist unklar.
Japan
Das Land hat zugesagt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um mindestens 15 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005 zu reduzieren. Das soll unter anderem durch den Bau neuer Kernkraftwerke geschehen. Umweltschützer kritisieren, dass sich bezogen auf das Basisjahr 1990 nur eine Reduktion um acht oder neun Prozent ergibt - und Japan bereits sechs Prozent Reduktion nach dem Kyoto-Protokoll zugesagt hat.
Brasilien
Brasilien hat größere freiwillige Emissionssenkungen in Aussicht gestellt. Der CO2-Ausstoß soll im Jahr 2020 zwischen 36,1 und 38,9 Prozent niedriger liegen als die bisher prognostizierten Werte. Damit lägen die Emissionen wieder auf dem Niveau von 1994. Gegenüber dem Niveau des Jahres 2005 würde der Schritt einen Rückgang von rund 20 Prozent bedeuten. Etwa ein Viertel der Zielvorgabe soll dadurch erreicht werden, dass erheblich weniger Regenwald abgeholzt wird.
China
Peking will bisher keine bindenden CO2-Reduktionsziele akzeptieren. Als freiwillige Maßnahme will China aber dafür sorgen, dass der Ausstoß an Treibhausgasen in Zukunft nicht mehr ganz so stark zulegt wie das Wirtschaftswachstum des Landes. Die Treibhausgase, die für jeden Yuan Wirtschaftsleistung ausgestoßen werden, sollen demnach bis zum Jahr 2020 um 40 bis 45 Prozent verringert werden. Vergleichsjahr ist 2005.
Indien
Auch Indien hat mehrfach klargemacht, dass sich das Land formalen Reduktionsverpflichtungen definitiv verweigern will.
Australien
Das Land arbeitet seine Reduktionsverpflichtungen derzeit noch aus. Diskutiert werden Vorschläge der Regierung, bis zum Jahr 2020 den CO2-Ausstoß um fünf Prozent im Vergleich zum Jahr 2000 zu verringern. Wenn andere Staaten sich ebenfalls zu Reduktionen verpflichten, ist ein Minus von 15 Prozent für denselben Zeitraum in Aussicht gestellt.
Weltklimaverhandlungen
Wichtige Punkte
Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Worum geht es?
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schrieb vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Wie ist der Stand in Europa?
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?
Es geht um Geld, Bezugsjahre und Prozente. Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, in Kopenhagen kursiert die Zahl von hundert Milliarden Dollar, die bis 2020 pro Jahr gezahlt werden sollen. Experten Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Was, wenn die Verhandlungen scheitern?
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa


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