Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Erzbischof zu Anschlag in Lahore: "Uns fehlen die Worte, um sie zu trösten"

Ein Interview von

Erzbischof Sebastian Francis Shaw Zur Großansicht
Hartmut Schwarzbach/ Argus

Erzbischof Sebastian Francis Shaw

Mehr als 70 Menschen starben beim Selbstmordanschlag am Ostersonntag in Lahore. Erzbischof Sebastian Francis Shaw kümmert sich um die Angehörigen - hier redet er über das Leben mit der Angst.

Zur Person
Sebastian Francis Shaw, 58, wurde im November 2013 von Papst Franziskus zum Erzbischof von Lahore in Pakistan ernannt. Zuvor hatte er das Erzbistum bereits als Apostolischer Administrator verwaltet. Shaw wurde im christlichen Dorf Padri Jo Goth in Pakistan geboren und wurde im Dezember 1991 Priester der Ordensgemeinschaft der Franziskaner.
Er ist für die Angehörigen da, hält Messen für die Opfer, besucht die Verletzten und redet auf den unzähligen Beerdigungen. Allein am Montag waren es 20 Beisetzungen in Lahore. Seit dem Selbstmordanschlag vom Ostersonntag ist der Erzbischof von Lahore rund um die Uhr unterwegs. Deshalb ist es nicht einfach, Sebastian Francis Shaw in diesen Tagen zu erreichen.

Am Telefon erzählt er SPIEGEL ONLINE von den Begegnungen mit den Angehörigen und Überlebenden. Sie gehen ihm sehr nah: "Ein Mann hat den Selbstmordattentäter kurz vor dem Anschlag gesehen. Er hat gesehen, wie er direkt auf die Frauen, Kinder und Familien zuging und sich dann in die Luft sprengte."

Es sei schwer, den Überlebenden Trost zu spenden. Gerade bereite er sich auf die Beerdigung von zwei Schwestern vor, erzählt er. "Die eine war 17, die andere 19 Jahre alt, es ist so tragisch."

SPIEGEL ONLINE: Herr Shaw, wie war die Stimmung in ihrer Gemeinde vor dem Ostersonntag?

Shaw: Vorsichtig und wachsam sind wir immer. Die Sicherheitskräfte haben uns auch vor Ostern gewarnt, dass wir aufpassen müssen. Aber insgesamt waren die Tage vor dem Selbstmordanschlag sehr friedlich. Auch die Osterfeierlichkeiten sind ohne Zwischenfälle abgelaufen. Als die Menschen am Sonntag gegen 15 Uhr gingen, waren wir sehr glücklich und dankbar, dass alles so gut gelaufen ist.

SPIEGEL ONLINE: Was passierte dann?

Shaw: Es ist üblich, dass die Menschen nach den Gottesdiensten noch mit ihren Familien weiterfeiern und etwas unternehmen. Es war ein warmer Tag, und die meisten hatten frei. Und so gingen viele noch in Parks. Der Park, in dem der Anschlag dann passierte, ist bei der Mittelschicht sehr beliebt, der Eintritt ist kostenlos, und es gibt Spielgeräte für Kinder. Es ist ein Ort der Freude. Auch viele Muslime kommen gerne hierher. Ich glaube, der Attentäter hat sich diesen Park ganz bewusst ausgesucht. Er wusste, dass er nicht besonders bewacht würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Zeit seitdem erlebt?

Shaw: Gestern gab es allein in Lahore zwanzig Beerdigungen, heute waren weitere, morgen Früh predige ich auf der Beisetzung zweier Schwestern. Ich spreche viel mit Angehörigen und Verletzten, besuche sie in den Krankenhäusern. Ich besuche alle Menschen, egal, ob sie Christen oder Muslime sind. Aber was soll ich ihnen sagen? Es ist so unglaublich schwer. Manche haben ihre Kinder, Ehemänner und weitere Verwandte verloren. Uns fehlen die Worte, um sie zu trösten. Ich höre ihnen zu und sage ihnen, dass Menschen in aller Welt an sie denken und für sie beten. Dafür sind wir sehr dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Welche Reaktionen haben Sie in den vergangen Tagen bekommen?

Shaw: Menschen aus der ganzen Welt rufen bei uns an und wollen uns helfen. Auch in Pakistan ist die Anteilnahme groß: Politiker und Vertreter anderer Religionen haben uns ihr Beileid ausgesprochen.

Fotostrecke

9  Bilder
Lahore: Dutzende Tote bei Selbstmordanschlag in Pakistan

SPIEGEL ONLINE: Christen sind eine Minderheit in Pakistan. Wie würden Sie Ihre Situation beschreiben?

Shaw: Wir sind eine Minderheit, aber wir sind auch ein Teil Pakistans. Natürlich hatten wir angesichts der Drohungen und Anschläge auf Christen schon vorher Angst, und es herrschte eine Unsicherheit. Aber normalerweise können wir unseren Glauben praktizieren. Pakistanische Sicherheitskräfte schützen uns, und wir haben auch gelernt, auf uns aufzupassen. Durch die Anschläge wird die Angst nun aber größer.

SPIEGEL ONLINE: Unterscheidet sich Lahore von anderen pakistanischen Städten?

Shaw: Lahore ist die größte und älteste christliche Gemeinde in Pakistan, und in mancherlei Hinsicht ist das Leben hier anders. In manchen Teilen der Stadt leben nur Christen, es gibt große christliche Einrichtungen. Auch hier werden Christen diskriminiert. Aber normalerweise leben wir friedlich zusammen: Christen und Muslime arbeiten zusammen, leben friedlich nebeneinanderher.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Situation der Christen in Pakistan in den vergangenen Jahren verändert?

Shaw: Nach dem 11. September 2001 war die Lage sehr angespannt und es gab viele Schwierigkeiten. Aber in den vergangenen vier, fünf Jahren ist es etwas besser geworden. Das liegt vor allem am Dialog.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie den Menschen in Lahore Mut?

Shaw: In Lahore leben unglaublich viele junge Menschen. Ich bin überzeugt: Wir müssen ihnen beibringen, zusammenzuarbeiten. Und wir müssen ihnen beibringen, sich nicht zu hassen, sondern sich als Menschen gegenseitig zu respektieren und zu lieben. Wir sind alle Pakistaner und können das nur gemeinsam schaffen.

Die nachfolgenden Bilder über das Leben der Christen in Pakistan entstanden im Jahre 2013. Hier sind Weinkelche bei eíner Sonntagsmesse in der Diözese Hyderabad zu sehen. Rund 2,8 Millionen Christen leben in Pakistan, zur katholischen Gemeinde gehören rund eine Million Gläubige.

Katholische Messe in Rar, einem Ort in der Diözese Hyderabad. Immer wieder werden die Christen Opfer islamistischer Fundamentalisten.

Dorfschule der Presentation Sisters der katholischen Kirche in Rar. Trotz der Bedrohung und der Gewalt stehen die Christen fest zu ihrem Glauben.

Erzbischof Sebastian Francis Law bei einer Sonntagsmesse in Lahore. Bei dem Anschlag am Ostersonntag waren überwiegend Frauen und Kinder die Opfer.

Christen feiern die Sonntagsmesse im Viertel Model-Town in Lahore. Das Bistum Lahore ist das älteste in Pakistan.

Im Bistum Lahore leben die meisten Katholiken in Pakistan. Dieses Foto zeigt, wie euphorisch Shaw empfangen wurde, nachdem Papst Franziskus ihn im November 2013 zum Erzbischof ernannt hatte.

Sicherheitsvorkehrungen vor der Kathedrale St. Joseph in Islamabad. Die Kirche gehört zu den Zielen von Terroristen.

Auch Erzbischof Shaw ist von Personenschützern umgeben, als er in Lahore zum Jahresfest der katholischen Jugendorganisation Catholic Youth Ministry teilnimmt.

Erzbischof Shaw beim Gottesdienst in Lahore. An diesem Ostersonntag sprengte sich ein Selbstmordattentätter mit 20 Kilo Sprengstoff neben einem Spielplatz in die Luft.

Pakistanische Katholiken in der Herz-Jesu-Kathedrale in Lahore. Viele christliche Familien hielten sich zur Zeit des Anschlags im angrenzenden Park auf, um Ostern zu feiern.

Sicherheitskräfte bei einem Gottesdienst in Lahore. Immer wieder haben Selbstmordattentäter in der Vergangenheit versucht, in Pakistan in Kirchen einzudringen.

Sicherheitskräfte am Eingang der katholischen Schule in Faisalabad.

Dieses Foto zeigt spielende Kinder vor der katholischen Schule in Khushpur in der Diözese Faisalabad. Auch dieser Ort ist eine christliche Enklave im islamischen Staat. Fast alle der 5000 Einwohner sind Katholiken. Deshalb wird Khushpur auch das "Rom Pakistans" genannt. |

Ein Kind an der Tafel in der katholischen Schule in einem Dorf in der Diözese Hyderabad. Auch Schulen gehören zu den Anschlagszielen. Bei einem Angriff auf eine Schule des Militärs im Dezember 2014 starben mehr als 140 Menschen, die meisten davon waren Schüler.

Dieses Foto zeigt Schwester Hena aus Khushpur mit einer Schülerin im Garten des Waisenhauses der katholischen Kirche St. Pius in dem Ort Chak Jhumra in der Diözese Faisalabad. Das Haus wird von Dominikaner-Schwester geleitet.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige

Lesungstermine

Stade
Montag, 28. September 2015
Buchpremiere mit Hasnain Kazim
Zeit: 20 Uhr
Ort: Buchhandlung Friedrich Schaumburg, Große Schmiedestraße 27

Saarbrücken
Dienstag, 29. September 2015
Lesung/Gespräch mit Hasnain Kazim
Zeit: 19.30 Uhr
Ort: Stadtbibliothek, Lesecafé, Gustav-Regler-Platz 1

Heilbronn
Donnerstag, 1. Oktober 2015
Lesung/Gespräch mit Hasnain Kazim
Zeit: 20 Uhr
Ort: OSIANDER, Fleiner Str. 3


wird fortgesetzt
Fakten über Pakistan
Staatsgründung
Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

Kampf gegen die Extremisten
Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

Atomwaffen
1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.


Karte

Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: