Eskalation im Gelben Meer Nordkoreas Attacke verschreckt Nachbarstaaten

Eine Uran-Fabrik mit Atomwaffen-Potenzial und ein Artilleriegefecht mit dem verfeindeten Südkorea: Nordkorea hat seine Nachbarn zweimal innerhalb kürzester Zeit aufgeschreckt. Eine Eskalation auf der Halbinsel kommt selbst den mit den Stalinisten verbündeten Chinesen ungelegen.

Südkoreanische Soldaten (Archiv): Die Gefechte im Gelben Meer sorgen die Nachbarn
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Südkoreanische Soldaten (Archiv): Die Gefechte im Gelben Meer sorgen die Nachbarn

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok


Zwei tote Soldaten, brennende Häuser, eine Armee in Alarmbereitschaft und eine Staatsspitze, die im Bunker zur Krisensitzung zusammenkommt: Der Artillerieangriff Nordkoreas auf die Insel Yeonpyeong sorgt nicht nur beim Nachbarn Südkorea für Angst und Schrecken. Noch während der Gefechte im Gelben Meer bemühten sich die Diplomaten und Politiker der Nachbarstaaten, aber auch der USA, eine weitere Eskalation zu vermeiden.

Denn jede Konfrontation mit den Stalinisten in Pjöngjang könnte die Lage auf der koreanischen Halbinsel leicht außer Kontrolle geraten lassen. An gelegentliche Scharmützel und Gefechte zwischen den verfeindeten Brüdern ist die Region inzwischen gewöhnt. Doch nach Einschätzung von Beobachtern ist die Lage derzeit kritisch wie lange nicht seit dem Ende des Korea-Krieges 1953. "Nordkorea hält die ganze Welt als Geisel", warnte die thailändische Tageszeitung "The Nation".

Erst am Wochenende hatte ein Bericht der "New York Times" für Unruhe gesorgt: Das Regime Nordkoreas habe heimlich eine Fabrik zur Urananreicherung gebaut, hieß es. Schon da hatten sich die Diplomaten der aufgeschreckten Anrainerstaaten umgehend bemüht, den Gefahrenherd im Fernen Osten unter Kontrolle zu behalten. Nur China, der engste Verbündete von Nordkoreas Diktator Kim Jong-Il, hielt sich zunächst zurück: Kein Kommentar, keine Stellungnahme kam aus Peking. "China schweigt zu Nordkoreas Uran-Schock", wetterte die südkoreanische Zeitung "The Chosun Ilbo" denn auch erbost.

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Korea-Konflikt: Eskalation im Gelben Meer
Doch nach dem Artilleriegefecht der Nordkoreaner mit Südkorea im Gelben Meer war es auch mit Chinas auffälliger öffentlicher Zurückhaltung vorbei: Es müsse wieder Ruhe und Frieden einkehren, forderte Peking seinen kleinen kommunistischen Bruder auf. Denn China drängt auf eine Fortsetzung der internationalen Gespräche über das Atomprogramm Nordkoreas.

China und die USA streiten über die Atomgespräche

Auch Japan, nach Südkorea am meisten durch die atomare Gefahr aus Nordkorea betroffen, hatte zunächst diplomatisch kühl reagiert und war sichtlich bemüht, jede verbale Eskalation zu vermeiden. "Unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit Japans sowie des Friedens und der Stabilität der gesamten Region ist Nordkoreas Nuklearprogramm absolut inakzeptabel", war die einzige Stellungnahme, die sich Yoshito Sengoku, einflussreicher Chef in Tokios Kabinettssekretariat, zunächst entlocken ließ. Doch nach dem Seegefecht legte er nach: Das Artilleriefeuer der Nordkoreaner auf die Insel Yeonpyeong sei "unverzeihlich". Tokio verurteile den Angriff "auf das Schärfste".

Schon nach den Berichten über das neue Atomprogramm Nordkoreas hatten Botschafter, Geheimdienstler und Politiker im Fernen Osten starteten eine diplomatische Offensive gestartet. Der US-Sonderbotschafter für Nordkorea und sein Atomprogramm, Stephen Bosworth, flog zu Krisengesprächen aus Seoul nach Tokio und dann weiter nach Peking, um China zu drängen, mäßigend auf Kim Jong-Il und seine Clique einzuwirken. Auch Südkoreas oberster Nuklearbeauftragter Wi Sung-lac reiste zu den Machthabern in Peking, um sie um Unterstützung zu bitten. Zuvor hatte er sich mit Bosworth abgestimmt.

Doch USA und China sind uneins über die Fortführung der internationalen Atomgespräche mit Nordkorea. Im Gegensatz zu Peking schloss Bosworth eine baldige Wiederaufnahme der Gespräche aus, solange Nordkorea an einer Urananreicherungsanlage baue. Die USA betrachteten diese Entwicklung mit großer Sorge, erklärte Bosworth am Dienstag in Tokio.

Die USA zögen neue Verhandlungen gar nicht in Betracht, solange Nordkorea aktiv Atomprogramme betreibe und die Möglichkeit eines weiteren Atombomben- oder Raketentest bestehe, sagte der Gesandte.

So brisant die Lage auf der koreanischen Halbinsel derzeit auch zu sein scheint, Kim Tae-woo vom südkoreanischen Institut für Verteidigungsforschung ist sicher: "Nordkorea will wieder an den Verhandlungstisch der Sechser-Gruppe zurückkehren." Die Position Pjöngjangs habe sich jetzt allerdings geradezu dramatisch verbessert, glauben Verteidigungsexperten in Seoul.

Für Thailands Zeitung "The Nation" ist US-Präsident Barack Obama schon jetzt ein Verlierer der Auseinandersetzung. Denn anders als sein Vorgänger George W. Bush könne der Friedensnobelpreisträger nicht ungeniert mit dem Säbel rasseln: "Pjöngjang ist total glücklich, diese offene Flanke Obamas schamlos ausnutzen zu können."

Forum - Wie gefährlich ist der Konflikt in Korea?
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Seite 1
werner thurner, 23.11.2010
1. Gefährliche Situation
Angesichts der Verschuldung des Westens, der US Wirtschaftskrise und des Politikwechsels 2008 in Südkorera (Abkehr von der Annäherungspolitik) und des Verbohrtseins beider Seiten ist dies sehr gefährlich. Die Einordnung der Zwischenfälle an der Grenze von Nord-und Südkorea ist gelinde gesagt unklar.
Der andere Genosse 23.11.2010
2.
Na, sooo falsch ist es nicht...die Juche-Ideologie ist Kommunismus mit anderem Aufkleber... Warum will eigentlich jeder der ehemaligen UdSSR oder Nordkorea das Kommunismus-Etikett abnehmen? Weil dort der Kommunismus/Sozialismus versagt hat und so etwas aus linker Sicht nicht sein kann und somit auch nicht sein darf?
Dirk Ahlbrecht, 23.11.2010
3. ...
Zitat von werner thurnerAngesichts der Verschuldung des Westens, der US Wirtschaftskrise und des Politikwechsels 2008 in Südkorera (Abkehr von der Annäherungspolitik) und des Verbohrtseins beider Seiten ist dies sehr gefährlich. Die Einordnung der Zwischenfälle an der Grenze von Nord-und Südkorea ist gelinde gesagt unklar.
Na, Herr Thurner, etwas mehr Mut bitte: Schreiben Sie doch ruhig, daß Sie den Verlautbarungen Pjöngjangs mehr Glauben schenken, als denen Seouls oder des Westens.
ColynCF 23.11.2010
4.
Juche ist aber stark kommunistisch geprägt. Wollen Sie die kommunistische Ideologie von irgendewelchen bösartigen Regimen freiwaschen? (ich frag nur)
Dirk Ahlbrecht, 23.11.2010
5. ...
Den Bürgern Nordkoreas, Tastenhengst, wird es wohl egal sein, ob die Mangelernährung kommunistischer Natur ist; oder unsere Freunde der Juche-Ideologie den Leuten nichts auf den Teller zaubern.
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