Eskalation im Irak USA werfen 1000-Kilo-Bombe auf Falludscha

Im Irak sind die Gefechte zwischen Besatzern und Aufständischen erneut aufgeflammt: Ein US-Kampfflugzeug warf über der Stadt Falludscha eine 1000 Kilogramm schwere Bombe ab. Nahe der Schiitenhochburg Nadschaf kam es zu heftigen Kämpfen mit Milizen des Predigers Sadr. In Basra entführten als Polizisten verkleidete Kidnapper einen US-Bürger.


Falludscha: Amerikanische Soldaten patroullieren im Morgengrauen durch die Stadt
REUTERS

Falludscha: Amerikanische Soldaten patroullieren im Morgengrauen durch die Stadt

Falludscha - Der Luftangriff auf Nadschaf habe ein Gebäude im Norden der Stadt zerstört, in das sich Aufständische zurückgezogen hätten, teilten die US-Streitkräfte am Nachmittag mit. Nach der Explosion stieg eine riesige Wolke aus Staub und Rauch auf, die ganze Straßenzüge einhüllte. Vor dem Schlag der Amerikaner hatten die US-Streitkräfte und Vertreter der Stadt Falludscha erstmals direkte Verhandlungen über ein Ende der Gewalt angekündigt. Seit Beginn der Belagerung der Stadt im sunnitischen Dreieck vor zwölf Tagen hatten mit den USA verbündete Iraker die Gespräche mit den städtischen Vertretern geführt. Die US-Truppen seien für Lösungen offen, sagte ein Militärsprecher.

Schon in der Nacht war es zu Angriffen auf mutmaßliche Aufständische in Falludscha gekommen. Dabei kamen laut dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira mindestens sechs Iraker ums Leben. Augenzeugen berichteten von einem weiteren Angriff am Morgen. Der sunnitische Rat der Religionsgelehrten ging mit den Amerikanern scharf ins Gericht. Er erklärte, die Einwohner Falludschas hielten sich an die Waffenruhe. Die US-Truppen verübten dagegen täglich neue Massaker in der Stadt. Dem widersprach US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Sichtlich empört sagte er, US-Soldaten begingen keine Gräueltaten.

Der Specher der US-Verwaltung, Dan Senor, bestätigte erstmals, dass die Amerikaner inzwischen direkte Verhandlungen mit Einwohnern von Falludscha führten. Die Amerikaner fordern nach wie vor die Auslieferung ausländischer Kämpfer, die ihrer Meinung nach in der Stadt Unterschlupf gefunden haben.

Kämpfe bei Nadschaf

Auch im Schiitengebiet hat sich die Konfrontation zwischen der US-Armee und den Anhängern des radikalen irakischen Predigers Muktada al-Sadr verschärft. Während sich US-Soldaten in der nur sieben Kilometer von Kufa entfernten Ortschaft Umm al-Abbassiat Gefechte mit Milizionären von Sadrs Mahdi-Armee lieferten, hielten deren schwer bewachte Anführer eine kämpferische Freitagspredigt in der Moschee von Kufa, das unweit der als heilig betrachteten Stadt Nadschaf liegt. Augenzeugen berichteten, die US-Soldaten hätten Umm al-Abbassiat unter ihre Kontrolle gebracht. Bei den Kämpfen seien drei Iraker getötet und neun weitere zum Teil schwer verletzt worden.

Nadschaf: Ruhe vor dem Sturm
DPA

Nadschaf: Ruhe vor dem Sturm

Nach Angaben von Ärzten starben bei einer Attacke auf einen Stützpunkt der spanischen Truppen in Nadschaf drei Iraker. Zehn Menschen seien verletzt worden, als die Soldaten das Feuer erwidert hätten. Die US-Armee verteilte in der Pilgerstadt Flugblätter auf denen sie erklärte, Muktada al-Sadr stehe außerhalb des Gesetzes und müsse bestraft werden. Sie forderte die Milizionäre der Mahdi-Armee auf, Nadschaf zu verlassen und ihre Waffen niederzulegen.

Iran wies unterdessen Berichte über offizielle Vermittlungsbemühungen zwischen US-Truppen und schiitischen Aufständischen in der Stadt Nadschaf zurück. Der Besuch des iranischen Gesandten Hussein Sadeghi im Irak sei eine "Erkundungsmission, um mit Mitgliedern des Verwaltungsrats sowie mit politischen und religiösen Führern zu verhandeln und die Koalitionstruppen zu warnen", sagte Außenminister Kamal Charrasi laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Irna.

Sadr selbst kündigte in seiner Freitagspredigt in Kufa an, er werde seine Miliz nicht auflösen. "Ich habe die Mahdi-Armee nicht alleine gegründet, sondern zusammen mit dem irakischen Volk", sagte er. Schuld am Blutvergießen im Irak seien die Besatzer und der Regierungsrat. Noch gestern hatte ein Sprecher Sadrs erklärt, dieser sei zu einer Umwandlung der Miliz in eine politische Organisation bereit. Im Gegenzug sollten die US-Truppen die heiligen Städte der Schiiten verlassen.

Weitere Entführungsfälle

Wie der dänische Sender DR1 am Freitag meldete, ist im Irak ein dänischer Geschäftsmann von Wegelagerern entführt worden. Das Außenministerium in Kopenhagen bestätigte die Entführung, wollte aber zu Einzelheiten keine Angaben machen. Der Rat der Religionsgelehrten im Irak gab bekannt, er habe zur Freilassung eines vor zwei Tagen entführten Chinesen beigetragen. Der entführte Däne arbeitete laut einem Bericht des Senders an einem Abwasser-Projekt in Basra und wurde auf dem Weg nach Bagdad in Tadschi gefangen genommen. Dänemark hat in der Region 410 Soldaten stationiert.

Die USA sind angeblich grundsätzlich bereit, ausländische Geiseln mit militärischer Gewalt zu befreien. Voraussetzung sei, dass die betreffenden Staaten dies wirklich wollten, sagte der stellvertretende Außenminister Richard Armitage der tschechischen Nachrichtenagentur CTK. Von drei tschechischen Journalisten, die am Sonntag im Irak gekidnappt worden waren, gab es am Freitag weiter keine offizielle Nachricht.

Ein neuer Entführungsfall wird aus der südirakischen Stadt Basra gemeldet. Dabei gingen die Geiselnehmer besonders dreist vor. Als Polizisten verkleidete Männer hätten gestern einen amerikanischen Geschäftsmann aus seinem Hotel in der Stadt verschleppt, teilte der Polizeichef Basras mit. Der entführte US-Bürger ist nach Polizeiangaben jordanischer Abstammung.

Italienische Zeitungen berichteten, nach der Ermordung eines Italieners drohten die Kidnapper, die noch drei Italiener in ihrer Gewalt haben, damit, alle 48 Stunden eine weitere Geisel zu töten. Das Außenministerium in Rom wollte eine solche Drohung nicht bestätigen.

Nach der Ermordung der italienischen Geisel erklärte der italienische Außenminister Franco Frattini in einem Zeitungsinterview, die Besatzungstruppen sollten sich künftig stärker um das Wohl der irakischen Bevölkerung bemühen. In Zusammenarbeit mit Iran und Syrien versuche man, die übrigen drei italienischen Geiseln freizubekommen. Einer Umfrage zufolge ist in Italien die Zustimmung für die Präsenz der italienischen Truppen im Irak nach der Ermordung der Geisel von 47 Prozent auf 38 Prozent gesunken.

Powell und Blair begrüßen Uno-Pläne

US-Außenminister Colin Powell begrüßte gestern Abend den Vorschlag der Vereinten Nationen, den irakischen Verwaltungsrat durch eine Übergangsregierung zu ersetzen und dieser bis zum 1. Juli die Souveränität zu übergeben. Der britische Premierminister Tony Blair sprach sich vor einem Treffen mit US-Präsident George W. Bush für eine Schlüsselrolle der Uno im Irak aus.

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