Eskalation im Libanon Frankreich ruft Israel nach Beinahe-Gefecht zur Ordnung

Um ein Haar hätte es im Libanon ein Blutbad zwischen israelischen Kampfjets und französischen Soldaten gegeben - jetzt fordert Frankreich Israel dringend auf, seine Überflüge über den Libanon einzustellen. Israel bestreitet den Scheinangriff auf die Franzosen.


Paris - Der französische Außenminister Philippe Douste-Blazy berief den israelischen Botschafter in Paris ein - eines der schärfsten Protestmittel in der Diplomatie. Er forderte ihn auf, Israel müsse derartige Zwischenfälle in Zukunft unterbinden. Das sei "essentiell", sagte sein Sprecher. Douste-Blazy habe in dem Gespräch erneut "große Bedenken" gegen die Flüge israelischer Kampfjets über dem Libanon geäußert. Französischen Medien zufolge forderte er Israel auf, diese Überflüge einzustellen.

F-15-Jet: Mit einem solchen Flugzeug soll Israel einen Scheinangriff auf französische Stellungen unternommen haben
AFP

F-15-Jet: Mit einem solchen Flugzeug soll Israel einen Scheinangriff auf französische Stellungen unternommen haben

Botschafter Daniel Shek wies dagegen die französische Darstellung des Vorfalls zurück: Der Aufklärungsflug sei keineswegs "aggressiver Natur" gewesen. Die französischen Streitkräfte hätten den Einsatz der israelischen Kampfflugzeuge nicht richtig interpretiert. Das israelische Verteidigungsministerium teilte mit, dass es die französischen Anschuldigungen gegen die israelischen Soldaten prüft. Allerdings wolle man derzeit keinen Kommentar abgeben.

Die französische Regierung hatte in der vergangenen Nacht mitgeteilt, dass französische Soldaten der Unifil-Friedenstruppe der Uno im Libanon am 31. Oktober kurz davor standen, Raketen auf israelische Kampfjets abzufeuern. Die Soldaten seien "nur zwei Sekunden" davon entfernt gewesen, "auf die Flugzeuge zu feuern, die direkt unsere Truppen bedroht haben", sagte Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie. Sie rief Israel zur Ordnung: Die zunehmende Feindlichkeit der israelischen Luftwaffe gegenüber deutschen und französischen Soldaten sei nicht tolerierbar. Douste-Blazy sagte, es sei "ein Wunder, dass nichts Schlimmes passiert ist".

Alliot-Maries Angaben zufolge gingen bei dem Vorfall mehrere israelische F-15-Kampfflugzeuge "im Sturzflug" auf eine französische Unifil-Stellung im Südlibanon. Dann zogen sie plötzlich wieder hoch - typisch für Scheinangriffe, wie sie israelische Piloten im Libanon offenbar immer wieder fliegen. Alliot-Marie sagte, dies sei üblicherweise eine "Angriffshaltung, um Bomben abzuwerfen oder Schüsse mit der Bordkanone abzugeben". Das "unverantwortliche Verhalten" habe Frankreichs Soldaten in eine Situation gebracht, "in der sie Notwehr-Schüsse abgeben müssen" - doch hätten sie "eine Katastrophe gerade noch verhindert". Wegen der Jets hätten die Soldaten schon die Abdeckungen ihrer Raketenstellung entfernt und sich auf Abwehrfeuer vorbereitet gehabt.

Neue israelische Flüge über dem Libanon

Schon mehrmals hatte sich die israelische Luftwaffe Unifil-Truppen gefährlich genähert. Es gab Anflüge auf französische und deutsche Schiffe vor der Küste; im Oktober feuerten Kampfflugzeuge über dem deutschen Aufklärungsschiff "Alster" ungezielte Schüsse und Infrarot-Abwehrkörper ab. Außerdem bedrängten sie zwei deutsche Hubschrauber. Kanzlerin Merkel bekam damals nach diplomatischen Verstimmungen von Israels Premier Olmert persönlich die Zusage am Telefon, dass so etwas nicht mehr passieren werde. Die "Alster" kann nach Informationen aus der Bundeswehr unter anderem die israelischen Kampfjet-Flüge über dem Libanon überwachen.

Nach libanesischen Angaben verletzte die israelische Luftwaffe am Donnerstag erneut den Luftraum über dem Libanon: Zwei Jagdbomber überflogen in großer Höhe zunächst den Küstenort Nakura nahe der israelischen Grenze, wo die Unifil ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat. Anschließend durchquerten sie den Süden des Landes und schließlich in niedriger Höhe auch Baalbeck im Osten.

Frankreich führt die Unifil-Truppe. Es verurteilt seit Wochen die israelischen Kampfjet-Flüge als "Verletzung der libanesischen Souveränität" und schädlich für den Friedensprozess zwischen Israel und dem Libanon. Israel verteidigt die Flüge als bloße Routine-Missionen zur Aufklärung. In der vergangenen Woche wurde allerdings ein internes Papier der israelischen Armeeführung bekannt, dem zufolge die Flüge ein "Druckmittel" sind: Damit solle die internationale Gemeinschaft gedrängt werden, sich für die Freilassung der beiden am 12. Juli von der Hisbollah verschleppten israelischen Soldaten einzusetzen und den Waffenschmuggel aus Syrien und Iran an die Miliz ernsthaft zu unterbinden. Bei dem Vorfall mit der "Alster" störte sich Israel außerdem Spekulationen in der Bundeswehr zufolge daran, dass ein deutsches Aufklärungsboot mit Spionageausrüstung in der nähe der israelisch-libanesischen Grenze kreuzte.

jaf//AP/AFP/rtr



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